Zürich schwört der Kohle ab

Die Pensionskasse der Stadt will den CO2-Fussabdruck ihres Aktienvermögens halbieren und 62 Firmen aus dem fossilen Bereich ausschliessen. Nun gibts Kritik – von links und rechts.

Die städtische Vorsorge will nichts mehr mit Kohleförderung zu tun haben.

Die städtische Vorsorge will nichts mehr mit Kohleförderung zu tun haben. Bild: AP

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Es war eine klare Ansage. Bevor Gemeinderäte pauschale Kritik äussern, sollen sie abwarten, bis die Pensionskasse der Stadt Zürich ihre neue Strategie vorlege, sagte Stadtrat Daniel Leupi (Grüne). Das war im September, als namentlich linke Parlamentarier forderten, die Pensionskasse müsse aus all ihren Geldanlagen der fossilen Branche aussteigen. Dies deshalb, weil Investitionen in die Kohle-, Erdöl- und Erdgasindustrie den Klimawandel befeuern.

Inzwischen hat die Anlagekommission der Pensionskasse eine Klimastrategie für Aktien erarbeitet und vor wenigen Tagen dem Stiftungsrat, in dem Leupi zusammen mit Stadtrat Raphael Golta (SP) als Vertreter der Stadt Zürich sitzt, zur Kenntnis gebracht. Der wichtigste Punkt: Bis 2024 will die Pensionskasse, die das Vorsorgevermögen von 33'500 Mitarbeitern und 18'500 Pensionierten verwaltet, ihren CO2-Fussabdruck im Vergleich zum Jahr 2016 halbieren.

21 Firmen, die Kohle fördern

Ihr wohl schwächstes Mittel: Als Aktionärin versucht die Pensionskasse, die Firmen, in die sie investiert, zu einer Verhaltensänderung zu bewegen – per Dialog. Stärker ist ein anderes Instrument: Die Pensionskasse will bestimmte Unternehmen aus dem Anlagenportfolio ausschliessen. Klimapolitisch pikant: Treffen wird es 21 – namentlich nicht genannte – Firmen, die Kohle fördern, und weitere 41 Firmen, bei denen der Anteil von Kohle in der Stromproduktion bei zwei Drittel oder mehr liegt. Die Stromproduktion aus Kohle sei punkto Treibhausgasemissionen von allen fossilen Energieträgern «deutlich am ineffizientesten», heisst es im 32-seitigen Bericht der Pensionskasse. Jene Stromunternehmen, die den Kohleanteil unter 50 Prozent drücken können, möchte die Pensionskasse aber wieder in ihr Anlageuniversum aufnehmen.

Zusätzlich zum vollständigen Ausschluss gewisser Firmen will die Pensionskasse die Aktien bestimmter anderer Unternehmen untergewichten. Insbesondere werden die beiden Sektoren Erdöl und Gas sowie Versorger gegenüber der Marktkapitalisierung halbiert. Die Folge: Das Portfolio wird weniger fossil geprägt sein, also nicht mehr jenen ausgewogenen Aktienmix enthalten, der die Verlustrisiken üblicherweise minimiert.

Trend «kaum vorhersehbar»

Mit ihrer sogenannten Low-Carbon-Strategie will die Pensionskasse nicht nur ihre klimapolitische Verantwortung wahrnehmen. Ihr Engagement hat auch eine finanzielle Dimension. Zirka 0,7 Milliarden Franken pumpt die Pensionskasse in den fossilen Sektor, dies bei einer Bilanzsumme von rund 17 Milliarden. Unternehmen der fossilen Branche könnten künftig aber an Wert verlieren, denn als Konsequenz aus dem Pariser Klimaabkommen darf ein Grossteil der Brennstoffe, die noch im Boden sind, nicht verbrannt werden. Die Firmen, so warnen Klimaschützer, werden auf ihren Reserven sitzen bleiben, ihr Kapitalwert werde schrumpfen.

Inwieweit diese Annahmen wahr werden, ist unklar. Die Pensionskasse will mit ihrer neuen Strategie aber explizit ihre «Rendite-Risiko-Eigenschaften» ihrer Aktienanlagen verbessern, wie sie schreibt. «Dies im Bewusstsein, dass kaum vorhersehbar ist, wie und wann sich die Klimaänderungen auf die Börsenkurse und damit Renditen von Anlagen auswirken werden.»

«Schockierende» Tatsache

Auch wenn die Pensionskasse anerkennt, dass der Klimawandel Risiken berge und deshalb eine Reaktion nötig sei: Ihre neue Strategie vermag die Kritiker im linken Lager nicht zu überzeugen, da sie nicht weit genug gehe. «Die Reduktion um 50 Prozent kommt sehr spät und ist mutlos», sagt AL-Fraktionschef Andreas Kirstein. Auch bezeichnet er den «Glauben an einen aktiven Dialog» mit den betroffenen Firmen als naiv.

Gemeinderat Markus Knauss (Grüne) hält es zwar für positiv, dass die Pensionskasse nun auf Anlagen in Kohlefirmen verzichten will. «Allerdings ist es schockierend zu sehen, wie viele Investitionen bis heute immer noch in Kohle getätigt worden sind, und das in einer Stadt notabene, die sich seit Jahren schon zum Ziel gesetzt hat, den Ausstoss von CO2 auf 1 Tonne zu begrenzen.» Knauss fordert die Pensionskasse auf zu definieren, bis wann der vollständige Ausstieg aus der Kohlewirtschaft erfolgen könne.

Auch die Bürgerlichen zeigen sich nicht zufrieden mit der Strategie. FDP-Fraktionschef Michael Schmid spricht von einem «willkürlichen und widersprüchlichen» Konzept. Warum soll der CO2-Fussabdruck gerade um 50 Prozent sinken? Warum bis 2024?, fragt Schmid. Für ihn ist klar: Der CO2-Fussabdruck des Aktienvermögens hat auf die Treibhausgasemissionen «keinerlei Einfluss». «Die Unternehmen, deren Aktien die Pensionskasse verkauft, bestehen ja genau gleich weiter. Ebenso wie deren Treibhausgasemissionen.» Klimaschützer entgegnen: Wenn jeder seinen Teil dazu beitrage, nähmen fossile Desinvestionen weltweit zu – mit entsprechenden Folgen für Firmen der fossilen Branche.

Keine Feigenblattlösung

Die Kritik der Gemeinderäte stösst bei der Pensionskasse auf Unverständnis. «Wir wollen eine substanzielle Änderung und nicht nur eine Feigenblattlösung», sagt Jürg Tobler, der den Geschäftsbereich Vermögensanlagen leitet. Und eine Reduktion um 50 Prozent sei sehr wohl substanziell. Der Zeithorizont von 2024, so Tobler weiter, sei zwar willkürlich, aber dennoch sinnvoll gewählt.

Die anstehende Dekarbonisierung werde wohl ein sehr langfristiger Prozess sein, sagt Tobler. «Da wir das Portfolio sehr stark umstrukturieren, wollen wir das zeitlich spürbar staffeln.» Eine Umsetzungsdauer von 2018 bis 2024, also sechs Jahre, erachte die Pensionskasse als zweckmässig.

Erstellt: 16.11.2018, 14:45 Uhr

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