Zürich und sein iFetisch

Heute dreht sich Städters Trachten und Sinnen um das neue iPhone – kein urbanes Ding ist so mächtig wie das Smartphone.

Heute Morgen kurz vor acht an der Bahnhofstrasse vor dem Apple Store: Das grosse Begehren.

Heute Morgen kurz vor acht an der Bahnhofstrasse vor dem Apple Store: Das grosse Begehren. Bild: Dominik Meier

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Im Laufe des Oktobers werden wir sie in der City sehen: Leute, denen weisse Röhrchen aus den Ohren ragen, die unten wie abgeschnitten wirken. Keine Sorge, daran ist nichts falsch! Im Gegenteil machen diese Leute alles richtig. In der Frühe haben sie sich heute vor dem Laden in die Schlange gestellt, um sich an die Spitze des grössten Stadtkultes aller Zeiten zu setzen. Zum Moment, da sich dieser wieder einmal erneuert.

Seit heute Morgen nämlich gibt es das neue iPhone 7. Und so circa drei Viertel der denkfähigen Zürcher sind am Grübeln, ob sie sich das 7 jetzt auch zulegen sollen oder später. Auf die zugehörigen Ohrhörer müssen sie jedenfalls noch ein wenig warten, die kommen erst im Oktober.

Krebsberatung aus dem Tram

Kein Gegenstand fasziniert Zürich mehr als das Smartphone, kein Objekt bindet zu jeder beliebigen Tag- und Nachtzeit die Menschen dieser Stadt intensiver. Das iPhone und das Samsungding – sie sind überall. Sie durchdringen jeden Lebensbereich, bereits soll es ja Babys geben, die im Wiegeli selig jene Spreizbewegung von Zeigefinger und Daumen imitieren, die sie beim Mami oder Papi gesehen haben.

Und dann die Gespräche in Tram und Bus, die mal amüsieren und mal verstören. Der Anwalt, der nach der Vertragsverhandlung dem Kollegen in der Kanzlei im Seefeld frohlockend mitteilt, dass «dä Dödel vo Binswanger dä Paragraph 17 nöd richtig durschaut hät». Die junge Frau, die schreit: «Mami, hör auf mich zu micromanagen, ich bin 14 Jahre alt!» Der Arzt – es ist wirklich wahr –, der im Elfertram einen Patienten berät. Einen Krebskranken, der über irgendein onkologisches Medikament klagt. Der Arzt halblaut: «Okay, setzen Sie es mal ab, wir reden morgen darüber, was wir da substituieren könnten!»

Die mobile Lena

Das Smartphone durchdringt alle Bereiche, es hat den öffentlichen Raum privatisiert und die Privatheit öffentlich gemacht. Und immer diese Zwiespältigkeiten, die es generiert. Lena macht um 19 Uhr mit Patrice auf 20 Uhr 30 am Bellevue ab, whatsappt ihn aber um 19 Uhr 30 an, um mitzuteilen, dass es 21 Uhr wird und Myra auch mitkommt, aber lieber wäre ihnen beiden direkt am See; um 20 Uhr meldet sie sich wieder und gibt durch, dass sie jetzt doch lieber zu Hause ein bisschen Party macht, so ab 22 Uhr, und er, Patrice, soll doch bitte ein Sixpack mitbringen. Die Beziehungen sind volatil geworden im Zeitalter der mobilen Kommunikation.

Baby isst Zigi

Und die Aufmerksamkeit hat sich verschoben. Das Mami im Park gleich beim Kreuzplatz bespricht am iPhone mit der Freundin ein Erziehungsproblem, derweil ihr Meitli den Grasboden abtastet, einen Zigarettenstummel aufklaubt und ihn sich in den Mund steckt.

Kinder singen und spielen das Lied «Grätli» von Marius & die Jagdkapelle nach. Quelle: Youtube

Das Ehepaar im Restaurant, beide starren sie stumm auf ihre Touchscreens – ist das Handy nun der grosse Verbinder oder der grosse Trenner? Irgendwie beides, es bringt Menschen zusammen und zerfrisst gleichzeitig die Verhältnisse. Geschwätziger macht es sie, schneller, fahriger.

Sicher aber kehrt das Smartphone die Hierarchien um. Kürzlich im Stadtzürcher Altersheim: Kinder bringen Alten bei, wie man so ein Handy gebraucht. Die Kinder erzählen und zeigen, die Alten staunen und versuchen mit Zitterfingern, es nachzumachen. Wer es gar nicht kann, sieht noch älter aus.

Unter die Dusche?

Das Denken, das Trachten, das Sinnen der Menschen kreist um das Ding der Dinge von Beziehung über Arbeit bis Freizeit. In einer auf Trend und Modernität versessenen Stadt wie Zürich sowieso, es gibt Leute, die navigieren durch das Limmatquai mit dem Blick immer auf dem Bildschirm und verstauchen sich den Knöchel an irgendeiner Trottoirkante. Das ist dann der schmerzhafte Reality Check. Aber das Handy liefert wenigstens subito die Adresse der nächsten Permanence-Klinik.

Das iPhone, dieses Triebobjekt aus Amerika, ist der Fetisch des urbanen Lebens. Ab heute ist es gar offiziell wasserdicht, auch wenn die Firma Apple mögliche Wasserschäden dann doch nicht bezahlen will. Bereits haben jedenfalls Leute angekündigt, dass sie mit dem Handy unter die Dusche wollen. Ein Lebensbereich mehr, der gefallen ist.

Erstellt: 16.09.2016, 10:38 Uhr

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