Zürich wird zur Mach-es-selber-Stadt

Uber Eats zeigt: Wir müssen uns davon verabschieden, in einer professionellen Stadt zu leben.

Do-it-Yourself löst den Zürcher Perfektionismus ab: Uber Eats ist seit gestern Mittwoch in Zürich unterwegs.

Do-it-Yourself löst den Zürcher Perfektionismus ab: Uber Eats ist seit gestern Mittwoch in Zürich unterwegs. Bild: PD

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Gestern über den Mittag wagten sich bloss Verwegene oder Unkundige in die innerstädtische Hölle Zürichs. Während die einen von der schweren Hitze geplagt waren, hatten andere mit ganz anderen Widrigkeiten zu kämpfen: Die neusten Boten der Sharing Economy waren gestern das erste Mal auf Zürichs Strassen unterwegs. Die Uber-Eats-Fahrer verstellten die Velowege und Trottoirs. Vorwiegend jüngere Männer, die sich als Velokuriere kostümiert auf ihren ungepumpten, zu kleinen, zu grossen, oder einfach ungeeigneten Fahrrädern durch den Verkehr quälten. Der Helm sitzt nicht, die Stadt ist ihnen fremd, die Karte auf dem Smartphone in der gleissenden Sonne kaum zu lesen, das Essen im Rucksack wird, wenn nicht kalt, dann vielleicht lampig.

Sie alle verkörperten das Elend der schönen neuen Welt. Aus ihnen sprach die Hoffnung, als Velokurier Geld zu verdienen, nebenbei und ganz leicht. Velo? Muskeln? Geschäftssinn? Alles bereits vorhanden. Von Uber bekamen sie ein elegantes Trikot und einen Rucksack dazu, um die heisse Ware zu transportieren. Jetzt mussten sie eigentlich nur noch strampeln.

Soll man über sie lachen oder sie bemitleiden? Und was bedeutet das für uns, die Zürcherinnen und Zürcher?

Nichts Gutes.

Die Stadt Zürich steht an einem Wendepunkt. Gerade noch zur lebenswertesten Stadt der Welt gekürt (danke, «Monocle»), geht es nun bergab. Wir entwickeln uns zur Mach-es-selber-Stadt, Do-it-Yourself löst den Zürcher Perfektionismus ab. Es ist ein schleichender Prozess, der längst eingesetzt hat. Einer, den uns ein US-Konzern gestern vor Augen geführt hat, vor zusammengekniffene Augen (dank der langsamen Kuriere konnten alle die WWW-Adresse auf den Rucksäcken lesen).

Den Anfang dieser Veränderung machte ausgerechnet die Stadt selber. Ihre Abteilung Entsorgung und Recycling Zürich entschied sich, für die Gestaltung der künftigen Abfallkübel die Inhouse-Designabteilung zu beauftragen. Das Do-it-Yourself-Design (insofern ist das Design ehrlich) ist dem neuen Normkübel anzusehen. Grössere Öffnung, flacher Deckel – statt elegant ist er also plump und praktisch. Niemand würde das Teil zu Hause dem preisgekrönten Abfallhai vorziehen.

Die Stadt hat diese Entwicklung gleich selbst eingeleitet: Designkübel versus Inhouse-Designkübel.

Wenn das so weitergeht, dann werden bald Hobbygärtner und Freizeitbotanikerinnen die Bäume und Blumen Zürichs pflegen, Trampilotendarsteller (umgeschulte Bademeisterinnen und Bademeister) die Cobras durch die Innenstadt steuern, Sonnensegel und -schirme aus dem Baumarkt für Schatten in der Stadt und die Bonobos aus dem Zoo für die Sicherheit in unseren See- und Freibädern sorgen.

Wo das hinführt?

Ins absolute Chaos. Am Ende erhalten wir ein Tram ab der Stange statt einer Sonderanfertigung. Und das erst noch Jahre später als geplant.

Erstellt: 25.07.2019, 12:18 Uhr

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