Zürich wird zur Schweizer Comedy-Hauptstadt

Auf Zürcher Bühnen floriert die Stand-up-Comedy. Hauptakteure sind nicht zuletzt Expats und Schweizer mit migrantischem Hintergrund.

Gastgeber und Comedian Ahmet Bilge in der Kontiki-Bar im Niederdorf. Foto: Raisa Durandi

Gastgeber und Comedian Ahmet Bilge in der Kontiki-Bar im Niederdorf. Foto: Raisa Durandi

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Ein Gespräch zwischen zwei jungen Männern vor der Acid-Bar an der Langstrasse. «Wie bist du zur Comedy gekommen?» – «Meine Depressionen haben mich dazu gebracht.» – «Hilft es?» – «Es ist die beste Therapie.»

Das Gespräch führen die beiden auf Englisch. Englisch ist auch das Programm dieses jungen bleichen Mannes mit der schlechten Laune. Er wird in Kürze im Acid auf der Bühne stehen. Und Englisch sprechen auch alle anderen jungen Comedians an diesem Abend.

Es ist ein Dienstagabend, und auf dem Programm steht ein Open-Mic-Anlass. Sechs Minuten Zeit haben jene, die auf die Bühne treten. Manchmal schwitzen sie, manchmal stammeln sie, manchmal bringen sie das Publikum durchaus zum Lachen. Durch den Abend führt Ahmet Bilge. Der 29-Jährige organisiert seit neun Jahren englischsprachige Comedy in der Stadt. Er sagt: «Es gibt derzeit einen Boom.» 2018 veranstaltete Bilge in Zürich rund 200 Anlässe in kleinen bis mittelgrossen Lokalen, seit drei Jahren macht das der ehemalige ETH-Student hauptberuflich. Sein Publikum setzt sich vorwiegend aus Expats zusammen.

Die neue Ehrlichkeit

Dabei stellt Bilge auch fest: Es ist eine neue Ehrlichkeit eingezogen auf den Bühnen der Stadt. Offen wird über Unzulänglichkeiten im Alltag oder eben auch: Depressionen gesprochen. Die Künstler machen damit das, was im englischsprachigen Raum längst Standard, in der Schweiz aber weniger häufig anzutreffen ist: sich selber und den Alltag ungeschönt zu reflektieren.

Der Hauptgrund für diesen neuen Ton ist klar. Seit der grosse Streamingdienst Netflix im Wochentakt angelsächsische Stand-up-Comedy in die Wohnzimmer noch so entlegener Orte sendet, sind die Kenntnisse der Zuschauer und Zuschauerinnen gestiegen – und mit ihnen auch die Ansprüche. «Netflix beeinflusst den Geschmack der Leute massgeblich», sagt Bilge. Comedy müsse heute direkter, schneller, politisch unkorrekter sein.

«Netflix beeinflusst den Geschmack der Leute massgeblich», sagt Ahmet Bilge. Foto: Raisa Durandi

Bilge tritt selber auf die Bühne – und wird diesen Standards gerecht. Er erzählt vom seltsamen Sex, den er hat. Von seinen Erfahrungen als Amerika-Türke in der Schweiz. Gibt es Rassisten im Publikum, fragt der Afroamerikaner, der nach ihm ins Scheinwerferlicht tritt. Stille. Er sagt: «Ich habe ein Nein erwartet.» Dean, der Typ von vorhin, tritt auf die Bühne, als schwächlicher Neurotiker kommt er gut rüber.

Nicht alles, was es an dem Abend zu sehen gibt, gelingt. Einige nehmen das Credo, Sex so ehrlich wie möglich anzusprechen, zu ernst. Andere lassen die Pointe zu früh durchschimmern. Bilges Anlässe sind eben auch eine Gelegenheit, sich selber als Comedian auszuprobieren. Laut Bilge wollen das derzeit so viele wie noch nie.

Den Boom beobachtet auch der langjährige Zürcher Comedy-Veranstalter Danny Gundelfinger. Sein Comedy-Haus an der Albisriederstrasse war über viele Jahre der Fixpunkt für junge Comedians. Er sagt: «Es läuft derzeit so viel wie noch nie.» Zwar gibt es seit einiger Zeit den «Bösen Montag» oder die neueren Comedy-Stand-up-Abende von Lorenz Hauser. Doch das hier sei neu. Hausers Firma etwa organisiert heute schweizweit jährlich 50 bis 80 Stand-up-Shows. Mit dem begehrten Comedy Award fördert er die Szene.

Massgeblich am Boom beteiligt ist auch das Schweizer Radio und Fernsehen. Mit Brunches, Camps und dem vor grossem Publikum verliehenen Swiss Comedy Talent Award fördert SRF 3 seit drei Jahren gezielt junge Stand-ups. Der Head of Comedy ist Domenico Blass. Er sagt: «Wir können im Moment zusehen, wie in der Schweiz ein ganz neuer Typ Comedian heranwächst.» Keine Kleinkünstler mehr sind gefragt, sondern Stand-ups. Der Grund für diese Verschiebung sieht er ebenfalls im neuen, internetbasierten Medienkonsum der Jungen. Aber auch darin, dass die Eintrittsschwelle für Stand-ups vergleichsweise tief liegt. Tief sind auch die Produktionskosten.

Die
Eintrittsschwelle für Stand-ups
liegt tief. Tief sind auch die
Produktionskosten.

Erkennen lässt sich die Aufbruchsstimmung auch jeweils am Mittwochabend im Club Long­street, nur einen Steinwurf vom Acid entfernt. Sind es bei Bilge die Expats, die zuhören und auftreten, ist der Abend im Longstreet so was wie der Kristallisationspunkt der jungen Schweizer Szene. Der Organisator und Host des Abends ist ein junger Mann aus dem Thurgau ohne Schweizer Pass. Er nennt sich Kiko, stammt aus der Dominikanischen Republik, und ein Teil seiner Gags speist sich aus den Erfahrungen, die er als Dunkelhäutiger in der Schweiz macht.

Sowieso: Zur jungen Szene gehört nicht nur, dass sie sich die angelsächsischen Techniken angeeignet hat, sondern auch, dass sie migrantisch geprägte Erfahrungen behandelt. Zu sehen etwa bei Hamza Raya, Cenk Korkmaz oder dem Instagram-Star ­Gabirano. Sie alle treten regelmässig im Longstreet auf.

Pausenclowns und Seltsame

Auch Frauen nutzen die Stand-up-Bühne, um aus unerfreulichen Umständen und Erfahrungen Gags zu machen. Frauen sind in der ganzen Stand-up-Welt deutlich untervertreten. Eine Ausnahme bei den jungen Comedians ist Michelle Kalt, eine 30-jährige Anwältin, die seit eineinhalb Jahren nebenher Stand­-up betreibt. Ihr Programm trägt sie wahlweise auf Englisch oder Deutsch vor, mal bei Bilge, mal bei Kiko.

SRF hat Kalt im letzten Jahr entdeckt, sie stand im Final von «SRF 3 Comedy Talent», und diesen Winter eröffnet sie für Claudio Zuccolini am Humor-Festival in Arosa. Kalt besticht als Bühnenfigur mit selbstironischem Einschlag, die Gags über ihr Gesicht und missratenen Sex macht. Sie sagt: «Frauen sind kritischer mit sich selber als Männer und haben deshalb mehr Hemmungen.» Wenn mehr Frauen auftreten würden, würde es ihnen andere Frauen gleichtun.

Vor dem Acid trinken die Anwesenden nach der Show noch etwas und ja – machen Witze. Der abgelöschte Dean sagt, dass er durch Bilges Anlässe in Zürich Anschluss gefunden habe. Ähnliches sagt Kiko vom Longstreet. Die Szene sei hilfsbereit, freundschaftlich organisiert und positiv. 70 Nummern befinden sich in seinem Comedy-Whatsapp-Chat. Man kann also sagen: Die Seltsamen, die Selbsttherapierer, die Pausenclowns, die Alltagsbeobachter, sie verknüpfen sich derzeit nicht nur, sie finden auch ein Publikum. Und einen guten Grund, das Grauen des Alltags von der komischen Seite her zu betrachten.

Erstellt: 16.10.2019, 21:09 Uhr

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