Zürichs bekanntester Trämler wird Schamane

Peider Filli wollte Stapi werden und erfand den Begriff Trampilot. Nach 26 Jahren bei den VBZ stellt er die Weichen für die Seelenklempnerei.

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An den Tramhaltestellen erkennt man Zürichs buntesten Tramführer am Bart. Der war früher mal zweifarbig schwarz-gelb. Heute ist er strubbelig grau und vier Jahre lang. Der 59-jährige Rätoromane Peider Filli gibt sich bei seinen Durchsagen in melodiösem Engadiner Dialekt zu erkennen. Wenn er seine Fahrgäste – vor allem die Prominenz aus Politik und Stadtverwaltung – namentlich an Bord begrüsst. «Nur Stadträtin Esther Maurer hatte mir untersagt, sie über Lautsprecher willkommen zu heissen», erzählt Peider Filli beim Pepita in der Sportbar an der Kanzleistrasse.

Am 23. Oktober pilotiert Filli zum letzten Mal ein Tram. Dann zügelt er nach Berlin-Lichterfelde, wo er Partner in einer schamanistischen Therapiegemeinschaft wird. Ein wilder Wechsel für den braven Engadiner Buben aus Celerina, gelernten Koch und zuverlässigen Tramführer, dem seit 1991 täglich Tausende in der Kiste sitzen.

Peider Filli, Sohn eines Postkartenfotografen, ist Spätzünder. Zuerst machte er die Lehre im Löwen in Meilen, bildete sich als Kellner weiter und arbeitete unter anderem im Palace, St. Moritz. Noch biederer wurde seine Karriere als Gerant-Stellvertreter eines Migros-Restaurants in Spreitenbach und 1991 als «Wagenführer VBZ», wie die tramlenken­den Beamten damals hiessen.

Das Problem mit den Frauen

Erst als 26-Jähriger ging bei Peider Filli der Knopf auf. «Ich fand einfach keine Betriebsanweisung für Frauen.» Filli merkte endlich, dass er schwul ist, und begann gleich, sich zu engagieren. Er initiierte diverse Projekte, 1989 zum Beispiel «20 Jahre Stonewall», aus dem der Christopher Street Day hervorgegangen ist. Auf der Liste der SBSDHKP – «Schwul bleibt schwul, da helfen keine Pillen» – trat er Anfang der 90er-Jahre erstmals bei den Zürcher Gemeinderatswahlen an – mit Krawatte, Konfirmandenanzug und anständiger Kurzhaarfrisur. Auf der Wählerliste landete der brave Junge aus den Bergen ganz hinten.

Nur schwul, links und nett zu sein, reicht für höhere politische Weihen nicht. Und so erfand sich Filli auf die Kantonsratswahlen 1999 hin neu als Trampilot. «Wagenführer VBZ tönt nicht eben sexy», so seine Begründung. Prompt wurde Trampilot Filli als erstes Mitglied der Alternativen Liste (AL) in den Kantonsrat gewählt. In seiner vierjährigen Amtszeit engagierte er sich für den Nulltarif beim öffentlichen Verkehr, für die eingetragene Partnerschaft oder gegen die angebliche Schwulenfeindlichkeit bei Polizei und Justiz. Sein nachhaltigster Vorstoss: Er kritisierte, dass die Wappenscheibe des Kantons Jura im Rathaus fehlte. Nun hängt auch diese.

Engagement für kurze Hosen

Im Alltag präsenter ist Peider Fillis Verdienst um seine eigene Berufsbezeichnung: Seit 2013, also 14 Jahre nach seiner Wortkreation, bezeichnen die VBZ ihre Chauffeure offiziell als Trampilotinnen und -piloten. Die idealen Trämler seien heute eine Mischung aus Pilot und Flight-Attendant, teilten die VBZ mit, sie steuerten ihr Fahrzeug sicher ans Ziel und sorgten gleichzeitig dafür, dass sich die Passagiere wohlfühlten.

Als Trämler in die Nähe von Flight Attendants und goldbestickten Piloten gerückt zu werden, das passte Filli dann auch wieder nicht. Er spricht verächtlich von «Saftschubsen» und kämpft für das sichtbare Tragen von Tattoos, für nackte Wädli und kurze Hosen der Trampiloten, die einer Neuuniformierung zum Opfer zu fallen drohen.

Seinen grössten Auftritt hatte Peider Filli 2002, als er mit Glatzkopf und einem gelb-schwarzen Ziegenbart als Markenzeichen Elmar Ledergerber beim Kampf ums Zürcher Stadtpräsidium herausforderte. Schwarz-Gelb kontrastiere besser zu den Zürcher Trams als Blau-Weiss. Sein Wahlslogan: «Dä Filli will i.» Der Trampilot kam als Stadtpräsidentschaftskandidat auf 2500 Stimmen, 36'000 weniger als Elmar Ledergerber.

«Ein paar Unfälle hatte ich als Trampilot, aber meistens waren die Autofahrer schuld.»Peider Filli

Die Politkarriere des Peider Filli holperte fortan wie ein Museumstram. 2003 verlor die AL Fillis Kantonsratssitz an die SP. 2006 schaffte er die Wahl in den Gemeinderat, verliess die AL aber nach einem Streit. Die AL verlor die Fraktionsstärke und einen Haufen Geld. 2010 kandidierte Filli für die Grünen, scheiterte, rückte aber 2011 für Balthasar Glättli nach. 2014 wurde er erneut abgewählt. «Insgesamt elf Jahre im Demokratiemuseum Rathaus reichen», so Fillis Bilanz.

Sein Wahlplakat wurde 2014 von den Medien zwar begeistert aufgenommen, war aber selbst in der Schwulen-Community höchst umstritten. Es zeigte ihn mit nacktem Oberkörper, Photo­shop-gebügelt und -geschminkt, sehr schwul und unter dem abgelutschten Slogan «Mehr Verkehr für Filli». Der Kolumnist Philipp Tingler schrieb von «hanswurstiger Selbstdarstellung». Filli sende ein peinliches Bild aus: «Homos sind übersexualisierte Rummelplatz­figuren.»

Nun hat Filli bei den VBZ gekündigt – «in gutem Einvernehmen», wie er sagt, und mit einer für deutsche Verhältnisse guten Pension. Er habe angeboten, monateweise wieder Tram zu fahren, wenn Bedarf bestehe. Er hat eine fast makellose Bilanz als Trampilot – «ein paar kleinere Unfälle hatte ich schon, aber meistens waren die Autofahrer schuld». Zwei Fussgänger hat er in 26 Jahren leicht angefahren – «bloss Platzwunden». Eine gute Bilanz angesichts der handyfixierten und dauergestressten Zürcher Fussgänger. «Eines der Opfer hat mir sogar einen Migros-Gutschein geschenkt, weil ich so schnell gebremst habe.»

Schamanismus als Grundsauce

Die Belastung im Cockpit sei seit 1991 gestiegen, sagt Filli, «heute leisten wir 20 Prozent mehr Fahrzeit». Und trotzdem identifiziert er sich noch mit den VBZ, «sonst würde ich mich nicht derart aufregen». Zum Beispiel, weil das Central nicht behindertengerecht sei oder weil fast täglich Fahrzeuge wegen zu langer Serviceintervalle «abliegen».

Filli hat sein Hab und Gut in Kisten verpackt und zieht Ende Monat mit seinem Partner von Zürich weg. Vor 15 Jahren habe er begonnen, sein Hirn zu erforschen, und eine Hypnose-Therapie-Ausbildung absolviert. Und er hat einen Master in neurologischem Programmieren. «Als Koch habe ich gelernt, Grundsaucen anzurühren.» Und diese sei in seinem neuen Wirken der Schamanismus. Seit drei Jahren ist Filli Assistent an einer Schule in Berlin. Er will Klienten mit uralten schamanischen Anwendungen die Angst vor dem Fliegen nehmen sowie Geburtstraumata oder Verletzungen aus Missbräuchen als Kind heilen. Heilen sei zwar das falsche Wort, sagt Filli. «Ich desinfiziere bloss, indem ich Bilder aus dem Unterbewusstsein heraufhole – heilen muss die Biologie.»

Vor ein paar Wochen hat sich Filli eine grosse Swastika auf die Brust tätowieren lassen, ein uraltes religiöses Glückssymbol aus Hinduismus, Jainismus und Buddhismus, ähnlich einem seitenverkehrten Hakenkreuz und umrundet von einem Schlangenkranz. «Auf einer schamanischen Reise habe ich dieses Bild gesehen, und es hat mir auf der Brust gebrannt», erzählt Filli. Er hat es nachgezeichnet und es sich von einem Tätowierer stechen lassen. «Das war mein Entscheid, diesen Weg zu gehen – sonst hätte ich bis 75 Trams pilotiert.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.10.2017, 22:10 Uhr

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