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Die Zukunft kommt aufs Abstellgleis

Die Stadt wird um drei grosse SBB-Grundstücke reicher. Eines davon ist die «Werkstadt Zürich». Hier soll künftig die Kreativwirtschaft werken.

Industriecharme vom Feinsten: Das SBB-Areal «Werkstadt Zürich» in Altstetten.
Industriecharme vom Feinsten: Das SBB-Areal «Werkstadt Zürich» in Altstetten.
Dominique Meienberg
Es werde Licht: Die Oberlichter beleuchten die Hallen, in denen früher Züge repariert wurden. Auf dem SBB-Areal soll dereinst eine «urbane Industrie» produzieren.
Es werde Licht: Die Oberlichter beleuchten die Hallen, in denen früher Züge repariert wurden. Auf dem SBB-Areal soll dereinst eine «urbane Industrie» produzieren.
Dominique Meienberg
Blick in den Rangierpark: Die Waggons wurden zwischen den Hallen hin- und herverschoben.
Blick in den Rangierpark: Die Waggons wurden zwischen den Hallen hin- und herverschoben.
Dominique Meienberg
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Woran erkennt man, dass eine Stadt wächst? Zum Beispiel an industriellen Geländen, die sich nicht mehr irgendwo an einem Gleis da draussen in Altstetten befinden, sondern mitten in neuen Stadtteilen. So wie die beiden Areale der SBB entlang der Hohlstrasse und ein drittes Areal an der Neugasse. Zusammen weisen sie eine Fläche von 140'000 Quadratmetern auf – rund 20 Fussballfelder, die sich die Stadt ab diesem Jahr (und noch bis ins Jahr 2031) Schritt für Schritt einver­leiben wird: Die SBB ziehen sich von ihren Arealen zurück und geben sie für neue Nutzungen frei.

Was sind das für Orte, die bald aus­gehagt werden, die bald öffentlich sein werden? Was erhält die Stadt eigentlich von den SBB? Diesen Fragen gehen wir in drei Artikeln nach; einer für jedes Areal. Die SBB haben uns die Grund­stücke gezeigt und uns durch die alten Bauten geführt: um zu zeigen, was war und was ist – und nur ein wenig, was in Zukunft sein wird. Einerseits, weil die Areale grösstenteils unbekannt sind, ­andererseits, weil vieles noch unklar ist, was die künftige Nutzung anbetrifft. Teil 1 heute: die Perle.

SBB-Areale mit neuer Nutzung: Die Werkstadt

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Backsteinhäuser, Industriecharme, Kontraste zwischen Alt und Neu: Das Areal an der Hohlstrasse 420 hat alles, was ein «gutes Areal» braucht – und alles ist sichtbar. Es wirkt, als sei die Zeit stillgestanden; hier könnte man sich stundenlang herumtreiben – wäre es an diesem Morgen bloss nicht so bitterkalt: Die ­Gräser, die sich durch die Ritzen in den Asphaltböden quetschen, sind mit ­Raureif überzogen. Alle Bauten, vom grossen Verwaltungsgebäude über die geduckten Werkhallen bis hin zum kleinen Toilettenhäuschen, bestehen aus demselben gelben Backstein, Tür- und Fensterstürze heben sich rot ab. Die ­Gebäude bilden eine kompakte Struktur mit Strassen und Höfen. Sie stehen im Kontrast zur modernen Letzigraben­brücke, die sich elegant über das ­angrenzende Gleisfeld wölbt.

Stadtentwicklung heisst manchmal auch: In Zukunft wird es so sein, wie es in der Vergangenheit schon einmal war. Zumindest von der Idee her.

Über das ganze Areal führen Gleise, ebenso durch die Hallen hindurch: grosse Tore für die Züge, winzige Türen für die Menschen daneben. Die Drahtgläser der Dachaufbauten sind schmutzig und matt. Eine kunstvoll abgestützte Pipeline fällt auf. Sie führt nicht zu den grossen Diesel-Silos, sondern sog früher Sägemehl und Schleifstaub von der Schreinerei und der Tischlerei zum ­Heizen in die Holztrocknerei.

Stadtentwicklung heisst manchmal auch: In Zukunft wird es so sein, wie es in der Vergangenheit schon einmal war. Zumindest von der Idee her. So an der Hohlstrasse 420, früher SBB-Werk­stätten, irgendwann Werkstadt. Das ist kein Tippfehler, sondern ein Hinweis darauf, dass in diesem neuen Stadtteil auch dereinst noch gewerkt werden soll. «Urbane Industrie» ist die Worthülse, die auf dem schönsten der drei Areale mit Inhalt gefüllt werden soll. In den Backsteinbauten – das erste datiert aus dem Jahr 1905 – liessen die SBB ihre ­Waggons noch vor Ort herstellen. ­Zudem wurden Dampflokomotiven repariert, später Lokomotiven revidiert und Schäden an Waggons ausgebessert. In den Kopfbauten der riesigen Hallen waren die Werkstätten untergebracht: Schmiede, Schreinerei, Malerei oder Dreherei. Ganz hinten auf dem Areal ­lagert heute Elektromaterial, wo früher Holz getrocknet wurde.

Aus einem schmutzigen Industriequartier soll eine «moderne urbane Gewerbe- und Dienstleistungslandschaft werden, wo Menschen arbeiten, flanieren, shoppen».

Heute werden Züge nicht mehr repariert, sie werden instand gesetzt. Das heisst: Die einzelnen Komponenten ­werden als Ganzes ausgetauscht, was eine Wartung auf kleinerer Fläche ermöglicht. Bis vor kurzem geschah dies noch an der Hohlstrasse, künftig passiert die Instand­setzung in der Serviceanlage Herdern sowie in einem Teil des Areals etwas stadteinwärts; dort bauen die SBB derzeit neben ihren Hallen aus den 30er- und 70er-Jahren ihre Infrastruktur aus.

Für die Werkstadt stellt sich die Stadt vor, dass verschiedene Handwerker in ihren Betrieben auf dem Areal produzieren – so, wie das früher einmal war. Die Backsteingebäude, die nur teilweise unter Schutz stehen, bleiben ­erhalten. Das Areal wird seinen Charakter dennoch grundsätzlich ändern. Barbara Zeleny, bei SBB-Immobilien für die Projektentwicklung zuständig, sagt es so: «Die SBB machen Platz für Cleantech-Unternehmen, Start-ups, Kreativwirtschaft, Gastronomie und für eine Infrastruktur mit Läden und Freizeitmöglichkeiten.» Aus einem schmutzigen Industriequartier soll eine «moderne urbane Gewerbe- und Dienstleistungslandschaft werden, wo Menschen arbeiten, flanieren, shoppen, einen Latte Macchiato trinken und sich mit anderen Menschen treffen»; so steht es auf der Internetsite Werkstadt.ch.

Bereits gibt es Zwischennutzer. Etwa ein Cleantech-­Betrieb, der aus organischen Abfällen ein Material herstellt, das so hart wie Plastik ist.

Die SBB rechnen damit, dass bis Mitte 2017 die ersten «Neuen» einziehen ­werden. Bereits jetzt gibt es vereinzelte Zwischennutzer. Etwa ein Cleantech-­Betrieb, der aus organischen Abfällen ein Material herstellt, das so hart wie Plastik ist. Einer von ihnen ist schon ­wieder weg: ein Künstler; auf dem Dach seines ehemaligen Ateliers thront ein riesiger Hahn aus Eisen.

Auf eine Zeitreise begibt sich, wer ins Untergeschoss des Wohlfahrtshauses steigt: reihenweise Dusch- und einige Badekabinen. «Kaltes Abduschen nach warmem Bad vermindert die Erkältungsgefahr» steht gross und fett über einer zugedeckten Badewanne. Die Dusch­kabinen zeigen, dass es in den Wohnungen der meisten Arbeiter zu jener Zeit weder Bad noch Dusche gab.

Die vielen kleinen und grossen Produktionsgebäude bleiben bestehen – als Zeugen eines verschwundenen Industriezeitalters. Das hat die Stadt Zürich zusammen mit den SBB beschlossen. Die ­Gebäude können architektonisch ­ergänzt oder verändert werden, erklärt Barbara Zeleny. Sie erwähnt in diesem Zusammenhang Amsterdam. Die niederländische Stadt sei eine Pionierin, wenn es darum gehe, Altes mit Neuem zu verbinden. Das wird die Herausforderung sein: eine Nutzung zu finden, die in und auf die bestehenden Strukturen passt. Damit die Perle eine Perle bleibt.

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