Zürichs Drogennarben

«Platzspitzbaby» lässt die Zeit der offenen Drogenszene aufleben. Michèle Binswanger, die eine grosse Reportage geschrieben hat, erinnert sich.

Erinnerungen an die Zürcher Drogenhölle: Michèle Binswanger ist Autorin des Web-Spezials «Das Platzspitz-Trauma». (Video Anthony Ackermann)

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Die Eröffnungsszene des Films «Platzspitzbaby» ist ein dramaturgischer Paukenschlag. Die elfjährige Mia sucht inmitten von Elendsgestalten am Platzspitz ihre Junkie-Mutter. Nur die Musik, die sie über ihren Walkman hört, schirmt sie ab vom zivilisatorischen Wahnsinn, der sich damals mitten in Zürich abspielte.

Die detailgetreu nachgestellte ­Sequenz lässt die Bilder von damals wieder zum Leben erwachen. Heute ist der Platzspitz ein Park zum Flanieren, doch damals versammelten sich in den Sommermonaten bis zu 2000 Menschen rund ums Rondell, sie hetzten herum oder wälzten sich am Boden, es wimmelte von Ratten und stank nach Urin, Kot und Erbrochenem.

Die Stadt rang verzweifelt darum, die unhaltbaren Zustände zu beenden. Um die eben erst entdeckte Aidsgefahr einzudämmen, verteilte sie täglich bis zu 12'000 Spritzen. Neue bekam nur, wer die alten zurückbrachte, trotzdem landeten sehr viele Spritzen irgendwo am Boden, im Gebüsch, in Hinter­höfen, in Gärten der umliegenden Quartiere. Nachdem der Platzspitz geschlossen worden war, musste Grün Stadt Zürich die Erde 1 Meter tief abtragen, weil der Boden nach rund sieben Jahren offener Drogenszene derart kontaminiert war (lesen Sie hier in der grossen TA-Web-Doku alles über die Schliessung der Zürcher Drogenhölle).

Die Inszenierung war so realistisch, dass sich während des Drehs besorgte Passanten erkundigten, ob das jetzt wieder losgehe.

Die Geschichte von Mia, die der Film erzählt und die auf wahren Begebenheiten beruht, geht unter die Haut. Doch solche Dramen produzierten die Drogenjahre zuhauf: Immer wieder suchten Eltern nach ihren Kindern, Frauen nach ihren Männern, Kinder nach ihren Müttern, die in die Drogen abgetaucht waren. Ein Vater leerte über den Köpfen der Drögeler und Dealer das ganze Magazin seines Sturmgewehrs, weil er seinen toten Sohn rächen wollte. Beinahe täglich gab es von Anfang bis Mitte der ­Neunzigerjahre Gewalt, Raubüberfälle, Schiessereien, Messerstechereien.

Die Szenenbildner rund um Georg Bringolf haben das für den Film wieder zum Leben erweckt. Rund 5 Tonnen Abfall karrten sie heran, 2000 Spritzen, alte Einkaufswägeli, welche damals von den Junkies zu Dutzenden auf den Platzspitz geholt wurden, und die improvisierten Tische der Filterli­fixer. Statisten holte man aus den Drogenabgabestellen der Stadt. Die Inszenierung war so realistisch, dass sich während des Drehs besorgte Passanten erkundigten, ob das jetzt wieder losgehe; so erzählt es Bringolf.

Die allerwenigsten Süchtigen sind unter 30

Die Sorgen sind unbegründet. Denn unter dem Druck der offenen Drogenszene in den Neunzigern war die Stadt gezwungen, eine damals revolutionäre Drogenpolitik zu konzipieren, die bis heute angewandt wird und auf den vier Säulen Prävention, Therapie, Schadensminderung und Repression beruht. Was den Heroinkonsum angeht, ist das Konzept anhaltend erfolgreich. Heroin spielt in der Drogenszene Zürichs praktisch keine Rolle mehr: Nur 1 Prozent der Klienten von Zürcher Drogenabgabestellen sind unter 30 Jahre alt.

Dennoch hat man die Platzspitz-Jahre auch 25 Jahre nach der endgültigen Schliessung der damals wohl grössten und brutalsten offenen Drogenszene Europas nicht vergessen. Das merkten auch die Filmemacher. Viele Leute hätten das Gespräch gesucht und Geschichten von damals erzählt. Fast jeder, der den Platzspitz in seiner Jugend erlebt hat, hat dort auch Freunde und Bekannte verloren. Die offene Drogenszene am Platzspitz ist keine offene Wunde mehr in Zürich. Aber die Narben bleiben bis heute.

Erinnerungen an die Zürcher Drogenhölle: Michèle Binswanger ist Autorin des Web-Spezials «Das Platzspitz-Trauma». (Video Anthony Ackermann)

Erstellt: 17.01.2020, 17:41 Uhr

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