Zürichs fotofreie Zonen

In einem Zürcher Club ist das Fotografieren ab sofort verboten. Das ist auch an anderen Orten der Fall. Der Wunsch nach mehr Privatsphäre wird stärker.

Umstrittene Selbstdarstellung: Junge Frauen machen an einer Party ein Selfie.

Umstrittene Selbstdarstellung: Junge Frauen machen an einer Party ein Selfie. Bild: Keystone

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«Friedas Büxe ist ab sofort eine fotofreie Zone, in der sich jeder nach seinem Gusto ausleben darf, wie er will, ohne sich im Anschluss daran auf sozialen Netzwerken wiederzufinden.» Mit diesem Eintrag im Netz hat der Zürcher Nachtclub dem Partyvolk die neuen Regeln verkündet. Damit läutet die Büxe nicht nur eine neue Ära ein, sondern trifft offenbar den Nerv der Zeit.

In den Kommentarspalten zum Stadtblog-Beitrag über diese Neuerung überwiegen die positiven Rückmeldungen. Es sei ein Schritt in die richtige Richtung, heisst es dort. «Diese Selbstverständlichkeit, alles und vor allem alle ungefragt abzulichten, geht mir auf den Keks», schreibt einer der Leser. Ein anderer findet, man solle die Handys an der Garderobe einziehen. iPhones würden den Clubraum heller ausleuchten als die Flutlichter das Letzi, so ein weiterer Kommentar. «Ohne Natel in der Hand tanzt es sich einfach besser. Auch für den Menschen nebenan.»

Zwischen Privatsphäre und Promotion

Clubpromoter und Nachtlebenkolumnist Alex Flach ist nicht erstaunt über das Verbot. «In Clubs wie der Zukunft oder Friedas Büxe war das Fotografieren schon immer verpönt. Dort wurden auch Tilllate- und Usgang-Fotografen nie zugelassen», sagt er. Er glaubt, dass die Leute sich wieder mehr Privatsphäre wünschen. «Sie wollen nicht immer alles mit anderen teilen, sondern den Moment auch einfach mal für sich allein geniessen.»

Das sei aber nicht in allen Clubs der Fall. Im Alice Choo, im Voir oder Jade würden der Narzissmus der Gäste und das Posten von Bildern in den sozialen Medien aus Publicitygründen explizit gefördert, sagt Flach. «Die Veranstalter wünschen diese Einträge im Netz und bezahlen gut aussehende Girls sogar dafür, dass sie sich im Club in Szene setzen und Bilder von sich posten.»

Flach geht trotzdem davon aus, dass viele Clubs es der Büxe gleichtun und ihre Lokale zur fotofreien Zone erklären werden. Handys am Eingang gleich einzuziehen, sei dabei nicht nötig. «Die Clubbetreiber können auf den Herdendruck zählen: Die Ablehnung gegenüber Handyfotos an Partys ist relativ gross. Wer heute noch so was macht, wird schnell abgewimmelt.»

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Jeder hat das Recht am eigenen Bild

Auch der Datenschutzbeauftragte des Kantons Zürich, Bruno Baeriswyl, kann den Entscheid nachvollziehen, in einem Club das Fotografieren zu verbieten. Es solle aber jedem Betreiber selbst überlassen sein, wie er mit dem Thema umgehen wolle. Offizielle Vorgaben gibt es nicht. «Grundsätzlich ist jeder selber für sein Handy verantwortlich. Wo es aber stört oder rechtswidrig eingesetzt wird, kann man den Gebrauch verbieten», sagt Baeriswyl.

Rechtswidrig ist es, wenn eine Person ohne ihre Einwilligung fotografiert wird. Denn jeder hat das Recht am eigenen Bild. Das Okay muss nicht unbedingt ausgesprochen werden, es kann sich auch aus den Umständen herleiten lassen, unter denen ein Foto gemacht wurde – wenn beispielsweise jemand den Arm um den Fotografen legt, während dieser ein Bild von sich macht. Eine weitere Ausnahme besteht bei Aufnahmen von Menschenmengen im öffentlichen Raum. Sie dürfen fotografiert werden, sofern nicht einzelne Personen besonders herausstechen.

Wer ohne Einwilligung Fotos aus dem Geheim- oder Privatbereich einer Person macht wie beispielsweise dem Wohn- oder Schlafzimmer, kann angeklagt werden und muss laut Datenschützer mit bis zu drei Jahren Freiheitsstrafe oder Geldbusse rechnen. Strafbar machen sich auch alle, die solche Bilder aufbewahren oder Dritten zugänglich machen.

Fotografieren in Badis nur mit Bewilligung

Ein Fotoverbot wie in Friedas Büxe gibt es im Kanton Zürich bisher nur an Orten, wo dies aus Sicherheitsgründen nötig ist. So unter anderem in einigen Bereichen des Flughafens oder in Banken. Spezielle Regeln gelten zudem in allen städtischen Frei- und Hallenbäder: Dort braucht es eine Bewilligung zum Fotografieren.

In Hallenbädern sei die Umsetzung dieser Regelung sehr einfach, weil die meisten ihr Handy ohnehin im Garderobenschrank liessen, sagt Patrick Müller, Leiter Abteilung Badeanlagen der Stadt Zürich. In den Freibädern sei die Situation schon etwas schwieriger, weil fast alle ihr Smartphone dabeihätten. Zwar führt das Badepersonal gemäss Müller regelmässig Kontrollgänge durch die Anlage durch. «Aber ihre primäre Aufgabe liegt in der Aufsicht der Badenden. Deshalb sind wir darauf angewiesen, dass Badegäste es uns melden, wenn jemand unerlaubterweise fotografiert.» Das funktioniere recht gut, sagt Müller.

Das Fotoverbot werde von den Gästen mitgetragen, denn die meisten möchten beim Baden nicht fotografiert werden. Negative Rückmeldungen wegen illegaler Fotos seien sehr selten. Kommt es doch mal vor, dass jemand ohne Bewilligung Fotos macht, dann wird er laut Müller von den Bademeistern auf das Fehlverhalten aufmerksam gemacht. «Im Normalfall befolgen die Leute die Anweisungen dann diskussionslos.»

Was halten Sie von einem Fotoverbot in gewissen Bereichen, und wo würden Sie sich ein solches Verbot wünschen? Schreiben Sie Ihren Kommentar zum Thema, oder senden Sie uns Ihre Vorschläge direkt an: community@tages-anzeiger.ch mit dem Vermerk «Handy»

Erstellt: 15.03.2016, 11:59 Uhr

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