Zürichs hippster Hund

Der Chihuahua ist Zürichs Modehund Nummer 1. Der Handel mit den handlichen Tieren boomt – mit teils unliebsamen Folgen.

Ein Leben für Hunde und unter Hunden: Chihuahua-Züchterin Carole Mudadu. Foto: Reto Oeschger

Ein Leben für Hunde und unter Hunden: Chihuahua-Züchterin Carole Mudadu. Foto: Reto Oeschger

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DJ Bobo gilt gemeinhin nicht als Visionär. Doch 2002 machte der Aargauer Popstar eine präzise Vorhersage. Er sang: «Chihuahua here, chihuahua there – every­body wants it everywhere», «Chihuahua hier, Chihuahua da – jeder will sie und überall». Wer 15 Jahre später durch gewisse Quartiere in Zürich läuft, fühlt sich unweigerlich an diese Zeilen erinnert: Chihuahuas auf der Strasse, Chihuahuas im Bus, Chihuahuas in Handtaschen. Manche nennen sie die Pelzratten der Stadt.

Die Hochburgen der Rasse heissen Schwamendingen, Seebach, Oerlikon oder Schlieren. In den Quartieren am Rande der Stadt beträgt ihr Anteil bis 15 Prozent. Auch die Innenstadt haben die kleinen spitzohrigen Tiere mit Bambi-Blick teilweise für sich eingenommen – und dabei Labradore und Golden Retriever verdrängt. Die Klassiker halten ihre führende Stellung nur noch in Quartieren des gehobenen Mittelstands wie Hottingen, Wollishofen oder Witikon.

Käme es zum Territorialkampf würde der kräftige Labrador den kleinen Chihuahua spielend in der Luft zerfetzen. Doch die Vorherrschaft wird am anderen Ende der Leine entschieden. Bei den Haltern, die im Falle der Chihuahuas überdurchschnittlich jung und urban sind. Der Chihuahua ist ein Modehund, weil er dem Zeitgeist entspricht: handlich und stets verfügbar wie ein Handy. Sein mobiles Potenzial ist gross. Im Zug reist der Chihuahua ohne Ticket, da er das erlaubte Mass von 30 Zentimetern Schulterhöhe unterschreitet. Im Flugzeug geht er in der entsprechenden Tasche als Handgepäck durch.

Seine Stubenreinheit ist ein weiterer Vorteil. Das macht ihn zum potenziellen Bürohund, sofern er gut erzogen ist und nicht dauernd kläfft. «Der Chihuahua frisst nicht viel und setzt weniger Kot ab als eine Katze», sagt Carole Mudadu, die mit ihrer Tochter die Hundezucht Black Pearl Chihuahuas betreibt. Sie muss es wissen. Mudadu lebt mit ihrer Familie in einem Landhaus in Stallikon – inmitten von Chihuahuas. Zurzeit sind es sechs Zuchthündinnen und drei Welpen. Ein kleines Rudel, das sich ständig bewegt, sich anschmiegt und balgt. Die Hunde werden nicht im Zwinger, sondern im Wohnzimmer gehalten, als Teil der Familie.

Wie Spielzeug an der Leine

«Still jetzt», sagt Mudadu. Die Hunde gehorchen und legen sich allesamt ins Körbchen. Es sei alles eine Frage der Erziehung. Die Tiere seien zwar aktiv und verspielt, jedoch auch intelligent und äusserst lernfähig. Die Verantwortung liege beim Halter: «Manchmal werden Chihuahuas nicht wie Hunde, sondern wie Spielzeug behandelt», sagt Mudadu. Das verderbe ihren Charakter.

Die Züchterin prüft genau, wem sie ihre Welpen anvertraut. Täglich gingen Anfragen per Mail oder Telefon bei ihr ein. Seit Jahresbeginn sei das Interesse nochmals gestiegen. Als Grund vermutet sie die Abschaffung der Hundekurspflicht per 1. Januar. Nur etwa jeder dritte Interessent dürfe letztlich in der Zucht vorbeikommen. «Ich merke meistens schon am Telefon, wenn etwas nicht stimmt», sagt Carole Mudadu. Etwa Eltern, die ihrem hyperaktiven Kind einen Chihuahua schenken wollen, «als eine Art Beschäftigungstherapie». Oder junge Frauen, bei denen sie spüre, dass für sie der Chihuahua vor allem ein Statussymbol darstelle. «Überforderte Halter schaden dem Hund.»

Mudadu bietet die günstigsten Welpen für 1500 Franken an. Andere kosten rund 1000 Franken mehr. Der Preis variiert – je nach Stammbaum, Gesundheit oder Farbvariation des Fells. Im Preis inbegriffen ist laut Mudadu eine Gesundheitsgarantie – sämtliche Hunde würden bei ihr unter tierärztlicher Aufsicht grossgezogen. 12 bis 15 Hunde verkaufe sie pro Jahr, der Verkauf decke allerdings lediglich die Unkosten. Wer wie sie eine Hundezucht betreibe, mache dies nicht des Geldes wegen. «Die Hunde sind meine Leidenschaft, die Zucht mein Hobby», sagt Mudadu.

Das grosse Geld wird eher im Ausland verdient. In Deutschland, Frankreich oder weiten Teilen Osteuropas. Weil die Hunde deutlich billiger sind als in der Schweiz, blicken viele Interessenten über die Grenze – als erste Anlaufstelle bietet sich das Internet an.

Ein Kaufversuch zeigt: Das günstige Hündlein befindet sich nur wenige Mausklicks entfernt. Auf Ebay.com werden neue Chihuahua-Welpen beinahe im Minutentakt angeboten. Ein Mann aus Deutschland offeriert gleich mehrere «Chihuahua-Mix-Welpen» zum Einzelpreis von 250 Euro. Darin inbegriffen ein sogenanntes Starterkit mit Geschirr, Leine, Decke, einem Spielzeug und Futter für die ersten Tage.

40 Prozent sind Importtiere

«Die Hunde werden tierärztlich betreut und sind alle gesund und munter», schreibt der Mann. Gesundheitszeugnisse kann er jedoch keine vorweisen. Der Kauf hätte gleich beim ersten Mailkontakt getätigt werden können. Fragen betreffend Erfahrungen mit Hunden, tiergerechte Wohnung oder dergleichen muss der Interessent keine befürchten.

Laut der Datenbank Amicus werden 40 Prozent der Chihuahuas importiert. Ruth Baumgartner, stellvertretende kantonale Tierärztin, warnt: Bei Hunden unbekannter Herkunft schaffe man sich quasi «die Katze im Sack» an. «Ist die Herkunft des Hundes unbekannt, weiss man auch nichts über allfällige Krankheiten.» Im schlimmsten Fall würden die Tiere aus einer Massenzucht stammen, sagt Nadja Brodmann vom Zürcher Tierschutz: «Die Chihuahuas wurden Opfer ihres Erfolgs.» Um mehr Welpen erzeugen zu können, würden auch Elterntiere mit schlechter Genetik zur Zucht verwendet.

Die Hundehalter stellen zudem immer ausgefallenere Wünsche an das Aussehen der Tiere. Schönheitskonkurrenzen für Chihuahuas sind zur beliebten Disziplin geworden. Das Schönheitsideal definiert sich durch spezifische Kriterien. Bei den Chihuahuas sind dies etwa grosse Augen oder eine möglichst geringe Grösse. Beliebt ist der sogenannte Teacup-Chihuahua – Hunde, die so klein gezüchtet werden, dass sie in einer Teetasse Platz hätten. Der Mensch schuf Kreaturen, die niemals hätten entstehen sollen: Chihuahuas mit unterentwickelten Organen, offenen Fontanellen (Lücken im Schädelknochen) oder herausspringenden Kniescheiben – alles Folgen der Überzüchtung, die zumeist erst nach dem Kauf festgestellt werden.

Brodmann vom Zürcher Tierschutz verweist auf die Verantwortung der Schweizer Zuchtverbände. Unsaubere Zucht gebe es auch in der Schweiz. «Nur wenn Tiere mit Gesundheitsschäden konsequent von der Zucht ausgeschlossen werden, können die Defekte schrittweise reduziert werden.»

Die sogenannte Hundemafia – wie sie Tierschützer immer wieder beschreiben – richte sich nach den Regeln der Marktwirtschaft. Zurzeit steht der Chihuahua hoch im Kurs. Doch der nächste grosse Trend steht schon an. Der Mops rollt das Feld gewissermassen von hinten auf. Sein Anteil hat sich in den letzten Jahren vervierfacht, 70 Prozent der Tiere werden importiert. «Viele mögen sie, weil sie mehr nach klassischem Hund aussehen als ein Chihuahua», sagt Züchterin Mudadu. Angesichts der drohenden Überzüchtung fragt sich nur: Wie lange noch?

Erstellt: 19.01.2017, 23:00 Uhr

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