Zürichs neuste Aufwertung

Beim Hauptbahnhof haben Bagger die Sihl bearbeitet. Jetzt gibt es ein Fischparadies mitten in der Zürcher City.

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Der Sihlabschnitt zwischen Gessnerbrücke und der Postbrücke samt Hauptbahnhof war jahrzehntelang ein Schandmal. Zuerst das Auto-Parkdeck, dann die Installationsplattform für die Mega-Baustelle für den Durchgangsbahnhof. In der Mitte trennte eine 50-Meter-Mauer die Sihl vom Schanzengraben. Jetzt kann sich das niemand mehr vorstellen. Der Fluss sieht das Licht wieder. Und mehr als das: Der Abschnitt bis zur Limmat, also vor und hinter dem HB, wurde zu einem richtigen Paradies für Fische und weitere Kleintiere umgebaut.

Auf den ersten Blick ist es einfach ein kleines und etwas unordentliches Idyll mitten in der City. Doch ein näheres Hinsehen lohnt sich: Am linken Ufer fallen Betonelemente auf, die auf Nagelfluh getrimmt wurden. Das sind nichts anderes als Fisch-Lounges. Unter den hereinragenden Platten können sich die Flussbewohner verstecken vor dem Graureiher oder Kormoran und ihrerseits auf Beute lauern. Oberhalb der Fischunterstände wird das steile Ufer mit Büschen garniert, Menschen sind dort nicht erwünscht. Ihnen wird in der Verlängerung der Europaallee bis 2020 eine Treppe zum Fluss gebaut.

Neue Architektur der Sihl

Der Fluss hat Kiesbänke, Findlinge, scheinbar unachtsam hingeworfene Astbündel, ganze Wurzelstöcke. Diese sind aber nicht von der Sihl mitgeschleppt, sondern gezielt von Spezialisten der Flussbau AG platziert worden. So sind die Würzelstöcke mit Drahtseilen befestigt, damit die wilde Sihl sie bei Hochwasser nicht mitreisst. Auch dort finden Kleinfische Unterschlupf.

Baggern und Schaufeln in der Sihl, bis der Fisch-Hotspot steht:

Ein Kleinod entsteht bei der Sihlpost. (Quelle: WWF)

25 teils bedrohte Fischarten sollen hier einen «place to be» finden. Nase, Alet, Barbe, sogar der Schneider und die seltene Äsche wird angepeilt, die sich gerne in flachen Uferzonen aufhält. An einer Führung am Mittwoch fehlten nur die Hauptdarsteller: Fische waren am «kleinen Platzspitz», wo der Schanzengraben in die Sihl findet, keine zu sehen. Nur etwas weiter seewärts des Schanzengrabens kämpfte sich ein Schwarm Alet den Kanal hoch.

Wanderweg für Mäuse

Bei der Mündung des Schanzengrabens ist aber eine Stromschnelle eingerichtet worden, wo sich die Nasen wohlfühlen. Diese überwintern im Schanzengraben und sind gerade am Laichen, weshalb die Arbeiten unterbrochen wurden. Im Juni folgen die letzten Retuschen. Dabei dachte man übrigens nicht nur an die Fische, sondern auch an Mäuse und Ratten. Neu können Kleinsäuger – mit Betonung auf «Klein» – auf dem Landweg unter dem HB vom Bereich Landesmuseum zum Bereich Europaallee gelangen – dank eines kleinen Wanderwegs, einer sogenannten Berme, entlang des Sihlkorridors.

Gut sichtbar sind die unterschiedlichen Geschwindigkeiten des Flusses. Flachwasser wechselt sich mit tiefem, schnellem Wasser ab. Die jungen Fische bevorzugen ruhige Plätze, die Ausgewachsenen lieben das schnelle Gewässer. «Es ist ein Laichplatz von nationaler Bedeutung», resümierte Ruedi Bösiger, Süsswasser-Spezialist des WWF. Der Naturschutzverband hatte die Initiative ergriffen und als Partner SBB, Stadt und Kanton Zürich gewonnen, die sich die Renaturierungskosten von 600'000 Franken geteilt haben.

Warten auf den Lachs

Die Installation des Fisch-Hotspots beim Zürcher HB kann man in einem grösseren Rahmen sehen. So sollen vermehrt Fische Rhein, Aare und Limmat hochschwimmen, um in die Sihl oder den Zürichsee zu gelangen. Noch gibt es viele Hindernisse, vor allem Wasserkraftwerke. Mit Fischtreppen und anderen Bauten sollen die Hürden aber nach und nach beseitigt werden.

Auch ein früherer Einheimischer soll seine alte Welt zurückerobern. Bis 2020 soll der Lachs den Rhein hoch bis nach Basel gelangen, bis 2030 den Zürichsee und die Sihl erobern. Dafür sind auch Massnahmen beim Sihlhölzli und bei der Manegg nötig. Weiter sihlaufwärts, auf dem Gemeindegebiet von Langnau am Albis, sind ebenfalls Aufwertungen in Planung, welche auch den immer seltener werdenden Bachforellen besseren Lebensraum bieten sollen.

Am Samstag, 21. April, können sich Interessierte an zwei Führungen (15 und 17 Uhr) genauer informieren über die Revitalisierung der Sihl. Treffpunkt ist der WWF-Stand vor dem Hiltl bei der Sihlpost. Es gibt spezielle Aktivitäten für Kinder.

Erstellt: 19.04.2018, 15:30 Uhr

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