Zürichs Problem mit blauen Häusern

Auf den Fassaden der Stadt ist ausgerechnet jene Farbe kaum vertreten, die man am stärksten mit Zürich in Verbindung bringt. Vielleicht ist das auch gut so.

Hier verweist die besondere Farbe auf eine besondere Geschichte: Altbau an der Wuhrstrasse in Wiedikon. Bild. Reto Oeschger

Hier verweist die besondere Farbe auf eine besondere Geschichte: Altbau an der Wuhrstrasse in Wiedikon. Bild. Reto Oeschger

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Stadtbild, Nr. 008 Wenn wir in diesem Jahrhundert überhaupt etwas gelernt haben, dann das: Jeder kann ein Star werden, und fast jeder will – drum wird es schnell laut. Man muss daher Verständnis haben für die Zürcher Baubehörden, denen es irgendwann zu viel wurde. Denn während die einen ihre Hyperindividualität auf Youtube und Instagram austoben, tun es andere im Stadtbild. Sie bauen bunte Häuser, die einen anschreien. Als die Wächter über ästhetische Ruhe und Ordnung merkten, was da auf sie zurollte, bekamen sie den Farbkoller.

Zürich ist ja aus Tradition stier. Während andere Städte in früheren Jahrhunderten Fassaden und Fachwerk mit kräftigen Farben bemalten, setzte man hier auf Naturputz. Darum ist Zürich zwar eintönig, aber keine graue Stadt, wie viele meinen. Der dominante Ton ist jener, dem die Einheimischen «bäääsch» sagen – was die Sache lautmalerisch trifft, auch wenn «sandfarben» netter klingt. Beige ist der Farbton der Vorhänge in der Wohnung der kettenrauchenden Tante. Dezent miefig. Sogar die Backsteine haben in Zürich einen Gelbstich.

Diese Farbe kommen an Zürcher Fassaden am häufigsten vor (Stand 2010). Bild: Farbraum Stadt

Das wissen wir, weil die Baubehörden vor zehn Jahren angesichts des drohenden Buntheitsbefalls das Farbprofil dieser Stadt akribisch erfassen liessen. Haus für Haus. Man wollte erklären können, was gemeint ist, wenn das Gesetz eine gute Einordnung von Bauten in ihre Umgebung verlangt. Ein Mitglied des Baukollegiums, des Expertenrats in Schönheitsfragen, warnte sinngemäss, die Farbtupfer unter den Zürcher Häusern seien oft selbstbezogene Fürze von Bauherren oder Künstlern und trügen nichts zur Identität dieser Stadt bei. Als Corpus Delicti zeigte er: ein leuchtend blaues Haus.

Blau sind Zürcher Häuser in der Regel nur dann, wenn sie für die Renovation in Kunststoffnetz eingewickelt werden.

Das ist bemerkenswert. Wenn eine Farbe für Zürichs Identität steht, ist es sicher nicht Beige, sondern Blau. Dennoch sind Zürcher Häuser in der Regel nur dann blau, wenn sie für die Renovation in Kunststoffnetz eingewickelt werden. Mal abgesehen von Handelsbauten: Dort ist die Farbe dank der Signalwirkung die vierthäufigste.

Blaue ABZ-Siedlung in Wollishofen. Bild: Reto Oeschger

Dass es auch bei Wohnbauten ginge, zeigt sich im Hintermeisterhof von Wollishofen, wo seit bald hundert Jahren die himmelblauen Häuser der ABZ-Genossenschaft stehen. Zeugen einer Zeit, als Architekten für die Arbeiter Wege aus dem grauen Elend suchten. Die meisten anderen Beispiele sind jüngeren Datums: das Hotel Greulich in Aussersihl, dem der Künstler Jean Pfaff einen petrolblauen Anstrich verpasste, der die elegant geschwungene Fassade betont. Die Pflegi-Überbauung beim Römerhof, die der Künstler Adrian Schiess flächendeckend bemalte. Oder jener Altbau in Wiedikon, wo die besondere Farbe auf eine besondere Geschichte verweist: Die Bewohner haben das Haus einst aus der Not einem Spekulanten abgekauft und die Genossenschaft Wurm gegründet.

Seit 2003 auffällig blau: Das Hotel Greulich. Bild: TA

Trotzdem sollten wir wahrscheinlich dankbar sein, wenn das Ausnahmen bleiben. Unsere Liebe zu den züriblauen Trams rührt ja daher, dass sie vor tristem Hintergrund so heiter wirken. Wären die Häuser blau, müssten wir die Trams beige streichen – und das braucht nun wirklich keiner.


Die Kolumne «Stadtbild» widmet sich all den vielen Dingen, die es sich in Zürich im öffentlichen Raum gemütlich gemacht haben und unser Bild dieser Stadt prägen – im Guten wie im Schlechten. Sie erscheint immer Mitte der Woche.

Erstellt: 20.11.2019, 15:26 Uhr

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