Zürichs selbstgerechtes Männchen

Strassentafeln sollen zwecks Gleichberechtigung mehr Frauen zeigen. Doch birgt das einige Tücken.

Wenn Frauen nicht bloss mitgemeint sein sollen auf Strassenschildern, ist dieses Gehverbotsschild nicht mehr zeitgerecht.

Wenn Frauen nicht bloss mitgemeint sein sollen auf Strassenschildern, ist dieses Gehverbotsschild nicht mehr zeitgerecht. Bild: Dominique Meienberg

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Stadtbild, Nr. 018 – Der Kanton Genf hat die Frauenförderung auf die Verkehrsschilder ausgeweitet: Auf der Hälfte der Tafeln, die einen Zebrastreifen anzeigen, wurde das schreitende Männchen durch Frauenfiguren ersetzt. In Bern verlangen die Grünen dasselbe: Frauen sollen im öffentlichen Raum sichtbar werden und in der Beschilderung nicht bloss mitgemeint sein. Zweifellos werden SP, Grüne und Alternative im Zürcher Gemeinderat bald Ähnliches fordern, sind sie ja genderbewusst bis zum Sprachdiktat für SVP-Texte.

Wer mit der Gleichberechtigung auf Strassensignalen Ernst macht, kriegt viel zu tun. Das Männchen mit dem Hut markiert nicht nur Zebrastreifen, sondern auch Fussgängerunterführungen und -überführungen, Gehverbote sowie – mit einem Kind an der Hand – Fusswege. So will es die Schweizerische Signalisationsverordnung von 1979. Eine Ausnahme ist die Fussgängerzone. Diese Tafel zeigt eine Frau mit Jupe und Kind, was gendersensible Männer beunruhigen kann: Sie fühlen sich von der Fussgängerzone ausgeschlossen und in ihrem Bemühen um ausgewogene Familienarbeit verkannt.

Frau mit Schaufel

Ferner muss sich die gerechte Beschilderung der Baustelle annehmen. Dieses dreieckige Signal zeigt einen gebeugten Mann mit Schaufel. Gewiss arbeiten auf dem Bau vorwiegend Männer, doch will die Gleichstellung Rollenklischees aufbrechen. Enthielte das Signal «Baustelle» ein weibliches Piktogramm, griffen auch Frauen zur Schaufel.

Frauen sollen im öffentlichen Raum sichtbar werden und in der Beschilderung nicht bloss mitgemeint sein.

Die Feminisierung von Signalen mit männlichem Anstrich gründet in der Annahme, Piktogramme müssten die Realität abbilden. Werden solche Symbole bildlich genommen, wecken sie allerdings Begehren. Behindertenverbände haben kritisiert, die neuen Tafeln in Genf zeigten keine Frauen mit Behinderung. Man könnte einwenden, die Genfer Figuren wirkten so zielstrebig, dass sich Depressive ausgeschlossen fühlen.

Damenvelo gefragt

Werden Piktogramme bildlich genommen, müssen noch weitere Strassensignale angepasst werden. Zum Beispiel zeigt die Tafel für das Veloverbot ein Fahrrad mit Querstange. «Ich bin nicht angesprochen», denkt die Person auf dem Damenvelo und tritt vergnügt in die Pedale. Gleiche Szene vor dem Fussgängerverbot, das in rotem Kreis das Männchen mit Hut zeigt: «Bin ich ein Mann?», sagt sich die politisch korrekte Fussgängerin und geht weiter.

Die politisch korrekte Fussgängerin fragt sich: «Bin ich ein Mann?», und geht weiter. Bild: Dominique Meienberg

Im Langsamverkehr-Milieu geniesst dieses Verhalten vermutlich Sympathie, doch aufgepasst: Auch die Gegenseite schaut genau hin. Das Verbot für Motorwagen zeigt eine flache Limousine vom Typ Opel Rekord. «Mein SUV sieht völlig anders aus», denkt der Automobilist und gibt Gas.

Piktogramme als Abbild der Wirklichkeit zu betrachten, kann gar gefährlich sein. Das Signal für einen Bahnübergang ohne Schranken zeigt eine Dampflokomotive; das Signal «Strassenbahn» ein Tram aus dem Museum. Auch wenn diese Schilder veraltete Fahrzeuge zeigen, sollte man sie dennoch ernst nehmen – sonst krachts.


Die Kolumne «Stadtbild» widmet sich all den vielen Dingen, die es sich in Zürich im öffentlichen Raum gemütlich gemacht haben und die unser Bild dieser Stadt prägen – im Guten wie im Schlechten. Sie erscheint immer Mitte der Woche.

Erstellt: 12.02.2020, 14:27 Uhr

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