Zürichs seltene «Armleuchter»

Die vergoldeten Kandelaber vor der ETH sehen mehr nach Versailles aus als nach Zürich.

Die Kandelaber vor dem ETH-Hauptgebäude leuchten erst seit 2018 wieder golden.

Die Kandelaber vor dem ETH-Hauptgebäude leuchten erst seit 2018 wieder golden. Bild: Dominique Meienberg

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Stadtbild, Nr. 013 – Übersetzt man Kandelaber mit Armleuchter, hat es in Zürich einige – in Menschengestalt. In der Bedeutung «mehrarmige Mastlaterne» dagegen finden sich nur wenige, weil die Stadt, die gegen Fürsten immer allergisch war, weder Schlösser noch Prachtstrassen besitzt. Doch es gibt eine Ausnahme und die ist phänomenal: die zwei Kandelaber in Gold vor der ETH. Dort, mit Blick auf die Stadt, befand sich ursprünglich der Haupteingang.

Der grosse Gottfried Semper hat die Lampen entworfen, der Architekt des Polytechnikums, wie die ETH früher hiess. Sein berühmtestes Werk ist die Oper in Dresden, aber auch das Stadthaus Winterthur, das Waschschiff Treichler auf der Limmat und der Kirchturm von Affoltern am Albis müssen genannt sein. Als Lohn für den Kirchturm erhielt Semper von der Gemeinde das Bürgerrecht.

Semper schöpfte aus dem Vollen

Während des Baus des Polytechnikums in den Jahren 1861 bis 1864 litt Semper vermutlich an Nackenstarre, denn ständig schaute ihm Staatsbauinspektor Wolff – genannt der «Sparkommissar» – über die Schulter. Wohl zum Trost schöpfte Semper bei den Lampen aus dem Vollen. Alles an diesen vier Meter hohen Kandelabern aus Gusseisen und Glas ist Schmuck und Glanz. Die fünf Leuchten über den ziselierten Armen sind zusätzlich verziert mit Stäben, die als stilisierte Lilien – die königlichen Blumen – enden. Der Mast prunkt mit Ringen, Rundungen, Gewinden und Löwenköpfen. Er steht auf drei – ja, was ist das denn? – drei Frauenköpfen mit Flügeln, blankem Busen und Raubtierkrallen. Es könnten Harpyien sein, Mischwesen aus der griechischen Mythologie, die kein Pardon kannten.

Es stellt sich die Frage, warum Semper den Studenten die barbusigen Frauenbüsten, die den Mast des Leuchters tragen, täglich vor Augen halten wollte. Bild: Dominique Meienberg

Motive aus dem Altertum gehören zur Architektur des Historismus. Doch warum hielt man damals den Studenten, die erotisch ja nicht auf Kissen gebettet waren, täglich Brüste vor Augen? Der Konzentration im Hörsaal war das gewiss nicht förderlich. Beiläufiger Anatomieunterricht? Oder Warnung vor dem Weibe? Das Klauenmotiv taucht übrigens 100 Jahre später in umgekehrter Bedeutung beim Unterhaltungsautor Konsalik wieder auf. Sein Beweis für einen guten Liebhaber: «Sie zerfleischte ihm den Rücken.»

Fünf Jahre restauriert

Doch möge uns das Licht der goldenen Lampen auf den Pfad der Tugend zurückführen. Die zwei Kandelaber fallen auch deshalb auf, weil es sie lange nicht mehr gegeben hat. 2013 wurden sie aus Sicherheitsgründen entfernt, da sie vom Rost zerfressen waren. Goldig waren sie damals ohnehin nicht mehr, sondern dunkel übermalt. Erst Mitte 2018 wurden sie – original restauriert – wieder aufgestellt und geben der kasernenähnlichen ETH seither ein Flair von Aristokratie – von Geistesadel.

Die fünf Leuchten an ziselierten Armen sind aufwendig verziert. Bild: Dominique Meienberg

Neben der puren Freude am goldenen Glanz haben die Kandelaber einen weiteren Wert: Sie öffnen uns die Augen für die Vielfalt der Laternen im öffentlichen Raum. So wie wir seit dem unvergessenen Hafenkran am Limmatquai Hafenstädte mit ganz neuem Blick sehen. In Zürich ist für Kandelaberfreunde die Selnaubrücke einen Besuch wert, wo vier Steinsäulen mit vier Löwen die reich verzierten Lampen halten. In Paris empfiehlt sich der Pont Alexandre III, in Potsdam das Schloss Sanssouci.

Aber an Eleganz und Finesse kann es kein Kandelaber mit jenen der ETH aufnehmen. So hat Zürich doch noch ein Weltwunder – wenn auch nur als Lampe.


Die Kolumne «Stadtbild» widmet sich all den vielen Dingen, die es sich in Zürich im öffentlichen Raum gemütlich gemacht haben und die unser Bild dieser Stadt prägen – im Guten wie im Schlechten. Sie erscheint immer Mitte der Woche.

Erstellt: 08.01.2020, 15:54 Uhr

Artikel zum Thema

Die peinliche Wahrheit übers Züriblau

Stadtbild Haben wir uns kollektiv in die falsche Farbe verliebt? Wie Zürich unbemerkt in eine Identitätskrise stürzte – und wer uns daraus erlösen könnte. Mehr...

Selbst Picasso rühmte diese Zürcher Siedlung

Stadtbild Die Planer der Siedlung Neubühl kämpften lange gegen die konservative Stadt. Heute ist der Bau eine Ikone des Neuen Bauens. Und sie faszinierte Weltstars. Mehr...

Durcheinander am Opernhaus

Stadtbild Merkwürdigerweise dominieren nicht die Komponisten die Fassade, sondern die Dichter Goethe und Schiller. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Kommentare

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Die Welt in Bildern

Ganz schön angeknipst: Ein Mitglied des Bingo Zirkus Theater steht anlässlich des 44. internationalen Zirkusfestivals in Monte Carlo auf der Bühne. (16. Januar 2020)
(Bild: Daniel Cole ) Mehr...