Zürichs Tourismusdirektor will Läden am Sonntag öffnen

Martin Sturzenegger lanciert die Diskussion um den Sonntagsverkauf in der Stadt neu. Für den Gewerkschaftsbund wäre das eine «Kriegserklärung».

«Grössere Warenhäuser an der Bahnhofstrasse würden einen Sonntagsverkauf eher befürworten», sagt Martin Sturzenegger. Foto: Keystone

«Grössere Warenhäuser an der Bahnhofstrasse würden einen Sonntagsverkauf eher befürworten», sagt Martin Sturzenegger. Foto: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sie sagten kürzlich, Zürich müsse die touristischen Rahmenbedingungen verbessern, etwa mit Shopping-Möglichkeiten an Sonntagen. Wie kommen Sie auf diese Idee? 
Der Tourismus in Zürich verändert sich. Der grösste Auslandsmarkt sind seit zwei Jahren die USA. Nach Deutschland und dem Vereinigten Königreich von Grossbritannien folgen bereits Indien, China, die Golfstaaten und Südosteuropa. Erst dann kommt der europäische Markt. Die Gäste aus Asien, den Golfstaaten und den USA – die momentan grössten Treiber im Zürcher Tourismus – stammen vor allem aus Metropolitanräumen, Shopping gehört bei ihnen zum Lifestyle. Darum denken wir über einen Sonntagsverkauf für die Stadt Zürich nach. Die meisten Tourismusorte in der Schweiz wie Luzern, St. Moritz oder Interlaken kennen Sonntagsverkäufe für den Tourismus bereits, das ist nichts Neues. 

Der Sonntagsverkauf würde sich auf touristische Geschäfte beschränken?
Es gibt dazu einen zweiten Gedanken: Ich bin im Vorstand der City-Vereinigung – ihr gehören  Berufs- und Branchenverbände und 1350 Firmen aus der Innenstadt an. Dort sehe ich, dass der Handel keinen einfachen Stand hat. Die Leute kaufen immer häufiger übers Internet ein oder fahren zum Shoppen ins nahe Ausland. Auch grosse Anbieter wie Manor oder Franz Carl Weber kommen deswegen unter Druck. Touristen, die in Zürich sind, kaufen hier ein, egal an welchem Wochentag. Ein Sonntagsverkauf könnte Firmen auch helfen, weil sie dann geöffnet sind, wenn die Zürcherinnen und Zürcher Zeit zum Einkaufen haben. 


«Übers Wochenende hat es hier viele Touristen – und die wollen einkaufen.»
Foto: Reto Oeschger

Was haben Sie zur Einführung eines Sonntagsverkaufs bisher unternommen?
Politisch ist der Sonntagsverkauf eine heikle Sache, das wissen wir. Er wurde in Zürich bisher immer abgelehnt. Wir haben die Situation nun analysiert und erörtert, welche Möglichkeiten existieren. Wir haben untersucht, wie der Sonntagsverkauf in Interlaken oder Luzern funktioniert. Als Nächstes werden wir das Gespräch mit dem Handel suchen, denn letztlich muss dieser einen Sonntagsverkauf fordern, nicht wir vom Tourismus. 

Wer hat die Analyse vorangetrieben?
Der Zürcher Hotelier-Verein. 

In Luzern dürfen Geschäfte, die mindestens 50 Prozent des Umsatzes über den Tourismus machen, an Sonntagen bis 20 Uhr und unter der Woche bis 22.30 Uhr geöffnet haben. Die zentralschweizer Stadt diskutiert nun eine neue Regelung mit Rayons. Wäre das auch in Zürich denkbar?
Das wäre denkbar, aber von solchen Lösungen sind wir noch weit entfernt. Der Sonntagsverkauf ist auch nicht dringlich, es herrscht keine Notlage. Wir wollen die Diskussion anstossen, die Idee steht nun im Raum. Ich weiss auch, dass es noch viele offene Fragen gibt. Beispielsweise: Wollen die Zürcher überhaupt einen Sonntagsverkauf? Wie reagieren die Gewerkschaften darauf? Wie sieht es arbeitsrechtlich aus? Im Vergleich zu Luzern haben wir in Zürich zudem das Glück, dass sich der Tourismus über die Stadt verteilt. Die Luzerner hingegen haben zwei, drei Hotspots, auf die sich der Tourismus konzentriert und wo es zu Problemen mit Einheimischen kommt.

Wie reagiert die City Vereinigung auf Ihre Ideen?
Die Ansichten sind sehr unterschiedlich. Grössere Warenhäuser an der Bahnhofstrasse würden einen Sonntagsverkauf eher befürworten, andere Geschäfts­inhaber stehen einem weiteren Öffnungstag skeptisch gegenüber. Wir müssen noch viel diskutieren. Zum Beispiel auch darüber, ob es nicht besser wäre, wenn Geschäftsläden statt am Sonntag am Montag geschlossen wären. 

Hinkt Zürich bei den Ladenöffnungszeiten anderen Städten hinterher?
Insgesamt kann sich Zürich glücklich schätzen, von Montag bis Samstag sind die Ladenöffnungszeiten sehr liberal. Aus unserer Sicht ist auch das gesamte touristische Angebot an Sonntagen gut. Die Gäste können auf dem See Schiff fahren, viele Restaurants und alle Freizeiteinrichtungen sind geöffnet. Doch die Stadt Zürich verändert sich, übers Wochenende hat es immer mehr Touristen in der Stadt, was ja erfreulich ist. Und sieht man, wie viele Leute am Sonntag im Zürcher Hauptbahnhof einkaufen, muss man sagen, dass das Bedürfnis nach einem Sonntagsverkauf auch bei Zürcherinnen und Zürchern existiert.

Erstellt: 06.09.2019, 22:09 Uhr

Gewerkschaften kündigen Widerstand an

Touristen sollen in der Stadt Zürich künftig auch am Sonntag an der Bahnhofstrasse oder im Niederdorf einkaufen können, sagt der Zürcher Tourismusdirektor Martin Sturzenegger im Interview. Er will damit auch dem Zürcher Handel helfen. In einem nächsten Schritt will er das Gespräch mit dem Handel bei diesem politisch heiklen Thema suchen, «denn letztlich muss dieser einen Sonntagsverkauf fordern, nicht wir vom Tourismus».

Markus Bischoff, Präsident des Gewerkschaftsbundes des Kantons Zürich, kündigt bereits vorsorglich Widerstand an. Schon heute habe die Stadt Zürich die liberalsten Öffnungszeiten. Diese jetzt auch noch auf den Sonntag auszudehen, «wäre eine Kriegserklärung».

Lorenz Keller, Co-Leiter der Gewerkschaft Unia Zürich-Schaffhausen, sieht im Vorstoss den erneuten Versuch, das Gesetz über die Sonntagsarbeit auszuhebeln. «Es wäre ehrlicher, wenn sich Sturzenegger für eine Gesetzesänderung einsetzen würde, statt zu versuchen, Sonntagsarbeit durch die Hintertür einzuführen.»

Mit dieser «Gesetzesumgehung» löse man im Übrigen auch die Probleme des Handels nicht, weil er kleinen Geschäften nichts bringe. Keller erinnert daran, dass Öffnungszeiten nach wie vor zu den «Top-Problemen» von Mitarbeitenden gehörten. (thas/zet)

Martin Sturzenegger

Seit 2013 ist Sturzenegger CEO von Zürich Tourismus. Zuvor hat er in der Geschäftsleitung der Rhätischen Bahn den Glacier Express, den Bernina Express und das Unesco-Welterbe RhB weitweit vermarktet. Noch früher war er bei den SBB und bei Swissair tätig.

Artikel zum Thema

Zürich unterliegt im Streit um Sonntagsverkauf

Dürfen Läden an viel benutzten ÖV-Haltestellen in Zürich am Sonntag offen haben? Die Stadt sagte am Hardplatz Ja, der Kanton jetzt aber Nein. Mehr...

The Circle will sonntags öffnen – Rechtsstreit zeichnet sich ab

Die Gewerkschaft Unia will den geplanten Sonntagsverkauf im Geschäftszentrum am Flughafen verhindern. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Kommentare

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Im Wiederaufbau: Das Sonnenlicht am frühen Morgen scheint auf die Kathedrale Notre-Dame in Paris. (16. September 2019)
(Bild: Ian Langsdon) Mehr...