Leisere Musik am Züri-Fäscht: «Spassbremsen-Tendenz»

Der Zürcher Stadtrat will strengere Lärmvorgaben für Bars und Konzerte am diesjährigen Züri-Fäscht. Veranstalter und Politiker sind verärgert.

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Vom 5. bis zum 7. Juli ist es wieder so weit: Zürich wird zur riesigen Festhütte. Das dreitägige Züri-Fäscht dürfte weit über eine Million Besucherinnen und Besucher anlocken und die Stadt in Ausnahmezustand versetzen. Doch bei einigen Festveranstaltern ist die Vorfreude auf das nur alle drei Jahre stattfindende Volksfest getrübt. Grund ist das diesjährige Musikkonzept für den Grossanlass, das für Open-Air-Bars, Konzerte und Tanzanlässe gilt.

Der Stadtrat mit der federführenden Sicherheitsvorsteherin Karin Rykart (Grüne) hat die Lärmgrenzwerte für das ganze Fest auf maximal 93 Dezibel bis 1.30 Uhr und danach auf 90 Dezibel bis 5 Uhr festgelegt.

Das stösst viele Veranstalter vor den Kopf: Sie wollten einen Grenzwert von 96 Dezibel erwirken und müssen nun die Lautstärke im Vergleich zu früher auf amtliches Geheiss herunterschrauben. An den beiden letzten Ausgaben des Züri-Fäschts galten weniger strenge Auflagen.

Veranstalter kritisieren

Bei der Bar & Club Kommission (BCK), welche die Interessen der Zürcher Nachtkulturunternehmen und damit vieler Festveranstalter vertritt, kommen die neuen Grenzwerte schlecht an. «Das ist, wie wenn die Stadt Basel sagen würde, am Morgestraich dürfe es nicht lauter als 90 Dezibel sein», sagt Sprecher Alex Bücheli. «Musikalische Darbietungen, sei es mit einem DJ, einer Band oder ein Live-Act, lassen sich bei 90 Dezibel nur sehr schwer oder mit einem viel grösseren technischen Aufwand in einer sinnvollen Qualität durchführen», sagt Bücheli. Viele Musikveranstalter seien gar der Ansicht, dass mit den neuen Grenzwerten Tanzveranstaltungen unter freiem Himmel praktisch verunmöglicht würden.

Zwar hat der Stadtrat zwei Ausnahmen bewilligt. So darf die Musik auf zwei peripher gelegenen Festplatzbühnen – Blatterwiese und Landiwiese – bis 0.30 Uhr 96 Dezibel laut sein und danach noch 93. Dadurch entstehe ein Ungleichgewicht zwischen den einzelnen Veranstaltungsplätzen, obwohl diese den gleichen Inhalt böten, und die Attraktivität einzelner Plätze werde gemindert, kritisiert Bücheli.

«Schutz der Bevölkerung»

Das Sicherheitsdepartement von Stadträtin Karin Rykart bestätigt den Sachverhalt. Zum Schutz der betroffenen Bevölkerung im und um das Veranstaltungsgebiet lehne der Stadtrat die durchgehende Beibehaltung der Musiklautstärke mit 93 beziehungsweise 96 Dezibel ab, erklärt Sprecher Mathias Ninck.

Eine Erhöhung der Lautstärke in den Nachtstunden würde eine Ausdehnung der Lärmimmissionen weit ausserhalb des eigentlichen Festgebietes während zweier Nächte bis morgens um 5 Uhr bedeuten und den Schlaf vielerorts verunmöglichen. Die Lärmbelastung sei in Zürich durch Auto-, Flugzeug- und Partylärm schon heute gross.

Insbesondere in der Nacht werde der Lärm als besonders störend und teilweise als gesundheitsschädigend empfunden. Ninck: «Der Stadtrat setzt alles daran, diese Belastung zu reduzieren. Er ist überzeugt davon, dass das Züri-Fäscht für die Besucherinnen und Besucher auch mit den vorgesehenen Lärmgrenzwerten attraktiv sein wird.»

«Gleich zu Hause bleiben»

Wegen der strengeren Dezibel-Vorschriften haben viele Züri-Fäscht-Veranstalter ihre Standplatzbestätigung nur unter Protest unterschrieben. In ihrem Protestbrief ans Organisationskomitee heisst es: «Bei den geforderten 90 Dezibel, welche ab 1.30 Uhr an einzelnen Plätzen gelten sollen, kann man den Leuten nur empfehlen, gleich zu Hause zu bleiben.» Und weiter: «Wenn nicht einmal mehr beim Züri-Fäscht, welches alle drei Jahre stattfindet, eine gewisse Toleranz herrscht, fragen wir uns, ob man konsequenterweise nicht gleich ganz auf solche Veranstaltungen verzichtet.»

Auch BCK-Sprecher Bücheli wundert sich. «Es wird ja sowieso laut an diesem Fest. Und: Wir sind nicht sicher, ob die Bevölkerung wirklich so viel Wert legt auf Ruhe am Züri-Fäscht. Lärmsensible Bewohner flüchten an dem Wochenende schon seit je aus der Stadt.»

Unterstützung vom Fest-OK

Unterstützung erhielten die verärgerten Veranstalter vom Züri-Fäscht-Organisationskomitee. «Wir hätten gerne mehr Dezibel zugelassen», bestätigt OK-Präsident Albert Leiser. Doch der Gesamtstadtrat habe anders entschieden, was er vor allem mit dem Lärmschutz und dem Schlafbedürfnis der betroffenen Bevölkerung begründet habe.

Dafür zeigt FDP-Gemeinderat Leiser angesichts der Vielzahl von Events am See ein gewisses Verständnis. Das Fest-OK könne die Auflagen nicht mehr weiter beeinflussen. Man müsse nun prüfen, wie sich die neuen Vorschriften am Fest auswirkten.

Die Lärmgrenzwerte haben auch Politiker auf den Plan gerufen. So hat sich die gemeinderätliche Gruppe «Food, Bar, Club und Musikkultur» beim Stadtrat ebenfalls für weniger strenge Limiten eingesetzt – erfolglos. «90 Dezibel ist wie Hintergrundmusik, da können Sie nicht mehr tanzen», sagt FDP-Ratspräsident Martin Bürki, ein Mitglied der Gruppe. Bei einem Fest, das nur alle 3 Jahre stattfinde, die Gewichtung so einseitig auf den Lärmschutz zu legen, sei für ihn «nicht wirklich verständlich».

«Wir sind nicht sicher, ob die Bevölkerung so viel Wert auf Ruhe legt am Züri-Fäscht.»Alex Bücheli, Sprecher Bar & Club Kommission

Auch Luca Maggi (Grüne) kann den Unmut der Veranstalter nachvollziehen. «90 Dezibel kann schnell auch von einer Gruppe euphorisierter Menschen erreicht werden.» Auch er findet eigentlich, es sollte möglich sein, bei einem Fest etwas grosszügiger zu sein.

Andererseits müsse man natürlich auch Rücksicht nehmen auf das Ruhebedürfnis der Anwohner rund um das Seebecken, die schon viele kommerzielle Grossevents erdulden müssten. «Da befindet sich der Stadtrat in einer schwierigen Situation.» Statt bei der Musik könnte aber auch bei den unsäglichen Flugshows angesetzt werden, findet Maggi.

GLP-Gemeinderat Sven Sobernheim meint: «Wenn es einen Event gibt, an dem es niemanden stört, dann das Züri-Fäscht.» Und für SVP-Gemeinderat Stefan Urech passt das Lärmregime zu einer «Spassbremsen-Tendenz», die gerade auch bei links-grünen Politikern in Zürich verbreitet sei. Er erinnert an die Diskussionen um Flugshows am Züri-Fäscht oder die linke Kritik am Formel-E-Rennen.

Wie leise soll eine Stadt sein?

Auch BCK-Sprecher Alex Bücheli stellt fest, dass es die Stadt bei den Events und Festanlässen möglichst allen recht machen will. Das heisse: «Steuern, kontrollieren und regulieren, statt einfach mal loszulassen.»

Für ihn geht es um grundsätzliche Fragen: Wie leise soll eine angebliche Weltstadt wie Zürich sein? Und: Wie geht sie mit Grossanlässen um? Immerhin hätten diese Events eine Leuchtturmfunktion und trügen zur Standortattraktivität bei. «Viele Städte beneiden Zürich um Grossanlässe wie Street Parade oder Züri-Fäscht.» Auch in der eben veröffentlichten neuesten Mercer-Studie zur Lebensqualität europäischer Städte werde das kulturelle Angebot Zürichs wieder lobend hervorgehoben.

Doch ändern können die Parlamentarier nichts mehr. Politische Vorstösse machen aufgrund des fortgeschrittenen Zeitpunkts keinen Sinn mehr, wie Martin Bürki sagt. Je nachdem, wie die Erfahrungen am Züri-Fäscht ausfallen, will man danach Vorstösse prüfen, um für 2022 ein verändertes Musikkonzept zu erreichen.

Erstellt: 17.03.2019, 21:50 Uhr

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