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«Ausrutscher von Baby-Elefant Omysha»

Auf Youtube ist Zürich höchstens Durchschnitt. Die Stars sind andere. Trotzdem lernt man auf dem Videoportal Erstaunliches über die eigene Stadt.

Beat Metzler
Diese Zürcher Videos haben Millionen von Klicks: Auf Youtube lernt man Erstaunliches über die eigene Stadt.

Podestplatzierungen in allen möglichen Rankings verleiten viele Zürcher dazu, von der globalen Bedeutung ihrer Stadt zu schwärmen. Doch die besteht vor allem in der Eigenwahrnehmung. Auf Youtube begeistern Beiträge über Zürich höchstens ein paar Millionen. Videoclips mässig bekannter US-Rapper holen mehr Klicks. Unterhaltsam ist das Zappen durch die Zürcher Youtube-Quotenrenner und die dazugehörigen Nutzerkommentare trotzdem.

Platz 1.

Les Twins haben so viel mit Zürich zu tun wie Bob Marley oder Winston Churchill: eigentlich nichts, wenn sie nicht einmal auf Zürcher Boden aufgetreten wären. Die Vorstellung, welche die breakdancenden Zwillinge im Hallenstadion hinlegten, haben sich innerhalb von eineinhalb Jahren 13 Millionen Nutzer angesehen. Das bedeutet: Züri-Weltrekord. Zürcherisch ist an diesem Beitrag dann vor allem die Ansage der Moderatorin: «Die händ scho tanzt fürd Beyoncé. Die händ scho tanzt fürd Missy Elliott. Die händ scho tanzt für dä Jay Z. Und jetzt sind sie do bi dä Däns 2016 uf dr Bühni.» Das Publikum kreischt und hält die Handys zum Filmen hoch. Einbilden sollte sich Zürich auf seinen Nummer-eins-Hit wenig. Andere Les-Twins-Auftritte erreichen bis zu 50 Millionen.

Das meint der Zuschauer: «The ­suckiest audience ever.»

Platz 2.

Youtube hat erstaunliche Vorlieben aufgedeckt, etwa jene für Aviatikaufnahmen, auf denen kaum etwas passiert. Selbst im Zeitalter der Billigflüge scheinen sich viele Menschen nicht damit abgefunden zu haben, dass diese riesigen Stahlwürste tatsächlich abheben. Mit nur 1,5 Millionen Views Rückstand auf die Twins folgt das 11-Minuten-Werk: «360° cockpit view | Swiss Airbus A320 | Geneva–Zurich». Es hält genau, was der Titel verspricht. Dazu spielt dramatische Musik, man hört verrauschte englische Funksprüche sowie Pilotenkommentare wie: «Wunderschöne Aussichten auf die Berner Alpen.» Wow.

Fliegereifilme besetzen weitere der Spitzenplätze der Züri-Charts, etwa die «Spectacular Crosswind Landing A380» (4,5 Millionen Clicks in 6 Jahren), in dem eine Windböe ein Flugzeug kurz vor der Landung in Kloten beinahe querstellt. Oder der Start eines Swiss-Airbus, bei dem man eine Pilotin und einen Piloten beim Diskutieren beobachtet und froh ist, dass sie das Fliegen besser beherrschen als die englische Sprache (2,2 Millionen Clicks in 2 Jahren).

Das meint der Zuschauer:«I can’t find the Chemtrail button.»

Platz 3.

Hierbei handelt es sich um eine zeitliche Verschleppung. Im Jahr 2000 spielten Bon Jovi ihren damaligen Hit «It’s My Life» im Zürcher Letzigrund. Zwölf Jahre später stellte jemand die Aufnahme davon auf Youtube. Und siehe da: Es wurde geklickt, sieben Millionen Mal bis heute. Beeindruckend ist weniger das Lied (es klingt wie am Radio), als die Erkenntnis, wie unglaublich veraltet das Jahr 2000 heute wirkt.

Anzeichen dafür sind die Ganzkörper-Lederkluft von Jon Bon Jovi oder das Publikum, das keine Handys in die Höhe streckt, sondern einfach zuhört, mitsingt, tanzt. Auch die Zürcher Auftritte anderer Musiker beeindrucken das Youtube-Publikum. Die ukrainische Pianistin Viktoriya Yermolyeva, die im ZKO-Haus 2011 «Master of Puppets» von Metallica auf dem Klavier romantisierte, holt 3,9 Millionen Clicks. Die verstorbene Amy Winehouse sichert sich mit 40 verwackelten Sekunden von «Snooping» (2007 im Volkshaus gesungen) immerhin 2,4 Millionen Zuschauerinnen.

Das meint der Zuschauer: «I wish I could go there but I wasn’t even born.»

Platz 4.

Ähnlich hohe Quoten wie Stars und Flugzeuge liefern tollpatschige junge Tiere. Perfekt in diese Kategorie passt der Film «Ausrutscher von Baby-Elefant Omysha» (6,6 Millionen Zuschauer). Eine Besucherin des Elefantenhauses im Zürcher Zoo filmt Omysha, wie sie eine Felsstufe hinaufzusteigen versucht. Kurz vor dem Ziel rutscht sie ab und plumpst zurück, voll auf den Hintern, panisch dreinschauend, zappelnd. Sofort kommen drei erwachsene Elefanten angerannt und richten die Kleine mit ihren Rüsseln wieder auf. Eine bessere Verschränkung von kindlicher Unbeholfenheit und elterlicher Fürsorge samt Happy End liesse sich kaum erfinden.

Das meint der Zuschauer: «Fake! That was a guy in a costume.»

Platz 5.

Davon träumen alle Marketingmenschen: Eine PR-Aktion entwickelt sich zum Klickwunder. In diesem März konnten sich Passanten am HB Zürich filmen lassen, ihr Abbild bewegte sich auf einem grossen Bildschirm («Magic Mirror») durch virtuelle Welten, wo es gegen Dinosaurier kämpfte, Blitzen auswich und – vor allem – in Werbespots mitspielte. Die Aufnahmen euphorischer Teilnehmer wurden rassig geschnitten und poppig vertont. Das reicht für fünf Millionen Klicks in sechs Monaten.

Das meint der Zuschauer: Die Kommentarfunktion wurde ausgeschaltet.

Platz 9.

Die ETH gehört nicht nur akademisch zur Weltspitze. Ihre Erfindungen kommen auch bei der Youtube-Masse gut an. Der «Scalevo» zum Beispiel, ein Rollstuhl, der Treppen steigen kann. Das mit triumphaler Musik unterlegte Vorführvideo hat in zwei Jahren über drei Millionen Zuschauer angezogen. Schon fast ein Youtube-Klassiker ist das Filmchen mit den Pingpong spielenden ETH-Drohnen. Der ETH-Elfenbeinturm ist ziemlich niederschwellig.

Das meint der Zuschauer: «Battery life: one climb.»

Platz 13.

Ein fast ETH-mässiges Kunststück gelingt dem Zürcher Handwerkskollektiv. Fünf Männer nehmen einen Klappmeter, falten ihn zu einem Stern und öffnen damit auf einmal fünf Bierflaschen. Gejubel, Geproste, Gejohle. 1,6 Millionen Nutzer finden das sehenswert. Doch so schwierig scheint die Übung gar nicht zu sein. Youtube zeigt auch Männer, die mit einem Klappmeter acht Bierflaschen öffnen, Männer, die ein Bier mit der Motorsäge aufmachen, die es mit dem Golfschläger tun oder mit dem Bierbauch.

Das meint der Zuschauer: «This is as German as it gets.»

Platz 16.

Ein eigenes Youtube-Genre bildet das, was man «erlebte Mobilität» nennen könnte: fahrende Züge, Busse oder Maseratis, gefilmt von innen, aussen, oben, unten. Einen originelleren Zugang zu diesem Genre wählte der User «lukiscie». Er nahm Dutzende von Zürcher Rolltreppen auf, die Bilder lässt er verschnellert abspielen. Die Frage ist: Haben die 1,2 Millionen Zuschauer Rolltreppefahren als Hobby?

Das sagt der Zuschauer:«My son has severe autism and loves this video.»

Platz 50.

Der Brite Tom Scott erklärt im Internet allerlei. In einem seiner Lehrfilme steht er neben einen Brunnen auf dem Lindenhof und behauptet, dass Zürich ein «Back-up-Water-Supply-System» habe. Werde bei einer Katastrophe das Trinkwasser verseucht, nehme die Stadt einfach die Ersatzrohre in Betrieb. Über 400'000 Menschen finden das spannend. Die meisten von ihnen schrieben, dass sie so schnell wie möglich in die Schweiz ziehen wollen. Die SVP sollte die Sperrung des Filmchens verlangen.

Das sagt der Zuschauer: «That’s a weird looking urinal.»

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