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Zuerst die Wette, dann fast Krieg

Strassburg, Gast am heutigen Sechseläuten, und Zürich sind seit Jahrhunderten eng miteinander verbunden – nicht immer in Harmonie.

Mit der Hirsebreifahrt wollten die Zürcher den Strassburgern beweisen, dass sie rechtzeitig zur Unterstützung bei ihnen sind. Hier bereiten sich die Zürcher auf die Abfahrt vor. Gezeichnet und gestochen von J.C.Werdmüller (1576).
Mit der Hirsebreifahrt wollten die Zürcher den Strassburgern beweisen, dass sie rechtzeitig zur Unterstützung bei ihnen sind. Hier bereiten sich die Zürcher auf die Abfahrt vor. Gezeichnet und gestochen von J.C.Werdmüller (1576).
Stadtarchiv ZH Pd16
Hirsebreifahrt: Ankunft der Zürcher in Strassburg kolorierter Stich von H. Meyer (1797).
Hirsebreifahrt: Ankunft der Zürcher in Strassburg kolorierter Stich von H. Meyer (1797).
ZB Zürich
Feuchtfröhlich: Nasse Füsse, weil hin und wieder ein «Gutsch» Limmatwasser ins Boot schwappt, Regen kommt von oben und Wein fliesst in die Kehle.
Feuchtfröhlich: Nasse Füsse, weil hin und wieder ein «Gutsch» Limmatwasser ins Boot schwappt, Regen kommt von oben und Wein fliesst in die Kehle.
Reto Oeschger
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Erstmals in der Geschichte des Sechseläutens ist eine ausländische Stadt offizieller Gast. Dass sich die Zünfte so weltoffen zeigen, gründet in erster Linie darin, dass kein williger Gastkanton gefunden wurde. Allerdings war Strassburg bereits früher als manche Kantone mit Zürich verbunden. Und auch inniger.

So war schon in einem Gedicht, welches die Hirsebreifahrt von 1576 abfeierte, im Zusammenhang mit Zürich von einem «uralt freund» die Rede. Thomas Sprecher, der Autor der jüngst erschienenen, gross angelegten Zunftgeschichte der Schiffleuten, kommt zum Schluss: «Strassburg und Zürich gehören schicksalhaft zusammen», was im oben erwähnten Gedicht mit den Worten versinnbildlicht wird: «Wir schöpfen Wasser aus aim Bach.»

«Das glückhafft Schiff von Zürich»

Das 1174 Verse lange Gedicht des Strassburgers Johann Fischart (gestorben 1591) über «Das glückhafft Schiff von Zürich» verklärt eine Fahrt von drei Zürcher Delegationen zum Schützenfest nach Strassburg. Es bezieht sich auch auf einen früheren Besuch der Zürcher im Jahr 1456. Die Zürcher sollen damals mit den Elsässern gewettet haben, dass sie es schaffen, einen Topf voller Hirsebrei so schnell nach Strassburg zu transportieren, dass er dort noch warm ist. Damit wollten sie beweisen, dass sie im Fall eines Krieges ihrem Bündnispartner rechtzeitig zu Hilfe eilen könnten.

Das ist eher eine Mär als wirklich Geschichte – und gewissermassen doch wahr. Denn Zürich und Strassburg waren seit dem 13. Jahrhundert immer wieder durch wechselnde Bündnisse verbunden. Zur Zeit der zweiten Hirsebreifahrt 1576 lag es gar in der Luft, dass die Strassburger nicht nur Bündnispartner, sondern sogar Bundesgenossen von Zürich werden könnten. Es waren unsichere Zeiten damals, und es wurde offen über einen Übertritt der freien Reichsstadt Strassburg zur Eidgenossenschaft diskutiert.

Auch liess sich der Schiffsweg von Zürich auf Limmat, Aare und Rhein nach Strassburg damals tatsächlich innert rund 22 Stunden bewerkstelligen. Bei der Jubiläumsfahrt vor drei Jahren, im Juli 2016, brauchten die Zürcher Schiffleute allerdings vier Tage, gab es doch unterwegs 29 Hindernisse zu überwinden. Der Hirsebrei kam trotzdem noch warm in Strassburg an, weil man ihn auf dem Landweg transportiert hatte und erst kurz vor dem Ziel auf die Schiffe lud.

Dass die Strassburger im Zwingli-Jahr Ehrengast am Sechseläuten sind, macht Sinn, denn der Zürcher Reformator gilt als «Apostel» Strassburgs. So waren die Strassburger Reformatoren Martin Bucer und Wolfgang Capito Schüler Zwinglis. Und als Zwingli 1529 nach Marburg unterwegs war, wo er sich mit Luther traf – und endgültig zerstritt –, legte er einen elftägigen Halt in Strassburg ein. Er wurde wie ein Held empfangen und predigte im Münster. Strassburg hatte damals schon 30 000 Einwohnerinnen und Einwohner, Zürich noch keine 6000.

Schiffleute übervorteilt

Lange zuvor, am Ursprung des Sechseläutens, war allerdings Strassburg das Vorbild Zürichs. In der reichen Handelsstadt wurde nämlich bereits im Mai 1332 im «Geschell» zwischen zwei mächtigen Familien die Adelsherrschaft durch eine Republik der Zünfte ersetzt. Diese wurde 1336 zu einer Referenz der Zürcher Zunftverfassung. Und in der oben erwähnten Zunftgeschichte von Thomas Sprecher ist zu lesen, dass die Zürcher vor der Schlacht bei Sempach (1386) den Schützenmeister von Strassburg riefen, damit dieser ihrer Jugend das Schiessen beibringe.

Auch anlässlich eines fröhlichfestlichen Anlasses wie des Gastbesuchs am Zürcher Frühlingsfest soll nicht unter den Teppich gekehrt werden, dass es zwischendurch zu Unstimmigkeiten zwischen den «uralt freund» gekommen ist. So gab es insbesondere im 15. Jahrhundert Gehässigkeiten zwischen den Zürcher und Strassburger Schiffleuten. Letztere hätten sie «grosslich und groblich übernossen», sie gross und grob ausgenommen, wetterten die Zürcher. Und «gar unfrüntlich und unguotlich empfangen». Dahinter steckte der Versuch der Strassburger Schiffleute, sich die Konkurrenz aus Zürich durch massiv erhöhte Schiffstaxen vom Hals zu halten.

Streit um Elsässer Ritter

1482 kam es fast zu einer kriegerischen Auseinandersetzung zwischen den beiden Städten. Damals kamen Hans Waldmann und Bürgermeister Heinrich Göldi dem Bischof von Strassburg ins Gehege. Der Bischof verlangte die Auslieferung des Elsässer Ritters Richard von Hohenburg, dem in Zürich Schutz und Bürgerrecht gewährt wurde, obwohl er der Homosexualität überführt worden sei.

Oberzunftmeister Waldmann verurteilte Richard von Hohenburg und seinen Knecht Anton Mätzler schliesslich zum Tod durch Verbrennen. Dieser Friede wurde aus heutiger Sicht teuer erkauft. Richard von Hohenburg und Anton Mätzler sind Beispiele für Sündenböcke in der aktuellen Ausstellung im Landesmuseum. Jahrhunderte später ging es für die Schutzbefohlenen besser aus: Als während des Deutsch-Französischen Krieges (1870/1871) Strassburg belagert wurde, setzten sich Basel, Bern und Zürich erfolgreich dafür ein, dass 1400 Frauen, Kinder und alte Menschen evakuiert und damit gerettet werden konnten. Eine Hilfeleistung, die uralter Freunde würdig ist.

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