Zuerst kamen die Kündigungen – jetzt der Protest der Anwohner

An der Hellmutstrasse im Zürcher Stadtkreis 4 geht die Angst vor Mietzinserhöhungen um. Nach über 40 Jahren flammt der Protest an dieser Strasse wieder auf.

Hannes Lindenmeyer streitet seit Anfang der Achtziger für die Hellmutstrasse. Diesmal für die privaten Liegenschaften (rechts). Fotos: Reto Oeschger

Hannes Lindenmeyer streitet seit Anfang der Achtziger für die Hellmutstrasse. Diesmal für die privaten Liegenschaften (rechts). Fotos: Reto Oeschger

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«Wir wehren uns gegen die Zerstörung unseres Quartiers, unserer Stadt», steht auf dem einen Flyer. «Spekulation gegen Mieterinnen und Mieter an der Hellmutstrasse!» auf dem anderen. Der eine stammt aus dem Jahr 1972, der andere erschien vor einem Monat. Dazwischen liegen 47 Jahre.

Die Vorzeichen für die Protestaktionen haben sich zwar geändert, doch es geht um die gleichen paar Häuser entlang der kurzen Hellmutstrasse im Kreis 4. Sie liegt zwischen Bäckeranlage und Brauerstrasse und umfasst sechs Hausnummern. Auf der einen Seite sind die Häuser genossenschaftlich verwaltet, auf der anderen privat. Um Letztgenannte hat sich der jüngste Protest nun formiert.

Ursachen für das Aufflammen gibt es zwei. Erstens ein Inserat in der «NZZ am Sonntag». Für 25 Millionen Franken sollen drei Wohnhäuser an der Hellmutrasse verkauft werden. Angebote werden bis Ende September entgegengenommen. Der Urheber des chiffrierten Inserats: Architekt Giuseppe Guizzetti, der Eigentümer. Zweitens haben drei Mieter Kündigungen erhalten.

Langer Kampf

Für Hannes Lindenmeyer ist klar, was das bedeutet. Er kennt sich mit der Hellmutstrasse aus und lebt in der Genossenschaft auf der gegenüberliegenden Strassenseite der betroffenen Häuser. 1981 hat er den AnwohnerInnenverein Hellmutstrasse gegründet und damit gegen die Veränderungen im Quartier gekämpft. Damals verhandelte man mit den Behörden und wirkte auf eine genossenschaftliche Organisation hin. Vor wenigen Monaten hat er den Verein nach vielen Jahren Pause reaktiviert. Und als erste Massnahme den eingangs erwähnten Flyer verschickt.

Die kurze Strasse mit der langen Geschichte: die Hellmutstrasse im Kreis 4.

Lindenmeyer sagt: «Das Inserat und die Verkaufsabsicht deuten darauf hin, dass der Eigentümer die Preise im aufgewerteten Kreis 4 austesten will.» Er ist überzeugt, dass Guizzetti eine Doppelstrategie fährt. Seiner Ansicht nach sieht die so aus: Können die nun frei gewordenen Wohnungen teurer vermietet werden, steigt auch der Verkaufswert der ganzen Liegenschaft.

Als Beleg, dass die Kündigungen wie auch die Verkaufsabsicht des Eigentümers zu Mietzinserhöhungen führen werden, macht er eine Rechnung. Basierend auf dem im Inserat angegebenen Preis von 25 Millionen Franken kommt er auf Folgendes: «Bei 32 Wohnungen von durchschnittlich 70 Quadratmetern muss die Mietzinserhöhung 20 Prozent betragen.» Für eine 2½-Zimmer-Wohnung, die heute unter 2000 Franken kostet, würden dann rund 2300 Franken fällig.

Eigentümer wehrt sich

Die für den Eigentümer tätige Waldmann Verwaltungs und Bau AG weist den Vorwurf zurück. «Die auf dem Flyer behaupteten Vorwürfe entsprechen nicht der Wahrheit», sagt der Geschäftsführer Alfred A. Hog. Und legt dem TA bei einem Besuch zwei der drei Kündigungen vor.

Einem Mieter wurde gekündigt, weil seine Wohnung dauerhaft leer gestanden hatte und der Mieter nicht auffindbar gewesen war. Ihm hat Hog vor der Schlichtungsbehörde eine Fristerstreckung bis 2021 gewährt. Ein anderer Mieter erhielt die Kündigung, weil dieser seine Wohnung untervermietet und gegen die Regeln der Verwaltung verstossen hatte. Ein dritter habe die Kündigung angefochten. Zu diesem laufenden Verfahren könne er sich nicht äussern. Von den Verkaufsabsichten des Eigentümers wisse er nichts, sagt Hog weiter. Er habe davon selber erst durch den Flyer erfahren.

Barrikade mit Autowracks im Mai 1979: Das Quartier um die Hellmutstrasse wehrt sich gegen den Verkehr auf der Hohlstrasse. Bild: Hannes Lindenmeyer

Der Eigentümer Giuseppe Guiz­zet­ti war nicht für eine Stellungnahme erreichbar. Aus gesundheitlichen Gründen, wie Hog sagt. Ob sich die Mietzinse der aktuellen Mieter auch in Zukunft nicht ändern würden, das könne er, Hog, nicht entscheiden. Ebenso wenig, ob und wie stark sich die Mietzinse jener Wohnungen, die nun frei geworden seien, erhöhen würden. «Das entscheidet am Schluss der Eigentümer.»

Für Hannes Lindenmeyer und den AnwohnerInnenverein Hellmutstrasse dagegen ist klar: «Falls das Haus, wie im Inserat festgehalten, zum Preis von 25 Millionen verkauft wird, geht das nicht ohne Aufwertungskündigungen vonstatten.»

Kündigungen prüfen

Der AnwohnerInnenverein bleibe bei seinen Einschätzungen. Und werde in der Sache weiterhin aktiv bleiben. Auf dem Flyer ruft der Verein die Anwohnerinnen und Anwohner der Hellmutstrasse dazu auf, Kündigungen zu melden, diese zu prüfen und gegebenenfalls zurückzuweisen. Ein Ziel des Vereins: ein gemeinnütziger Bauträger, der die Liegenschaft erwirbt. Sodass es zu keinen Mietzinserhöhungen komme und die jetzigen Bewohner bleiben könnten.

Lindenmeyer sieht die aktuellen Geschehnisse rund um die Hellmutstrasse als Teil einer weitreichenden Umwälzung im Quartier, die mit dem Bau der Europaallee eingesetzt habe. Er sagt: «Im Kreis 4 findet derzeit ein durch Mietpreiserhöhungen verursachter Bevölkerungsaustausch statt.» Grundsätzlich wehre er sich nicht gegen Veränderungen, er habe selber schon viele erlebt – und auch mitgestaltet. Er wünsche sich aber, dass die betroffene Bevölkerung in die Entwicklung ihrer Quartiere einbezogen werde.

Erstellt: 25.07.2019, 21:49 Uhr

Fünf Jahrzehnte Widerstand

80 Meter nur misst die Hellmutstrasse. 80 Meter, auf denen sich in den letzten Jahrzehnten einiges an Stadtgeschichte gedrängt hat. In den 70er-Jahren kam es im Quartier zur ersten Hausbesetzung Zürichs, wurde der Bundesrat heimlich durchs Quartier geführt, brachten es Herr und Frau Müller am Fernsehen zu schweizweiter Berühmtheit:

  • 1971 Die Pläne der PTT sehen vor, mitten im Kreis 4 ein Fernmeldezentrum zu bauen. Dem Bau des Architekten Theo Hotz hätten mehr als 30 Häuser weichen müssen. Es kam zum ­Widerstand im Quartier, die Mieter organisierten sich in einem Verein als «Kampforganisation gegen das PTT-Projekt», wie Hannes Lindenmeyer in seinem Buch «Hellmut – Die lange Geschichte einer kurzen Strasse» schreibt. Die Häuser 1968 an die PTT verkauft hatte Architekt Hotz’ Bruder und langjähriger FCZ-Präsident Sven Hotz.
  • 1972 Sieg des Mietervereins: Zwischen der Stadt und den PTT kommt es zum Landabtausch. Ein Fernmeldezentrum baut Theo Hotz dann doch noch. 1980 in Zürich-Herdern.
  • 1979 Die Bewohnerinnen und Bewohner des Quartiers wehren sich gegen den Durchgangsverkehr auf der Hohlstrasse: Die Lastwagen fuhren damals stadteinwärts auf der Hohlstrasse geradeaus direkt an der Bäckeranlage vorbei. Die Anwohner setzten dem an einem Samstag ein erstes Ende: Sie sperrten die Strasse. Ein Jahr später war die Strasse dann definitiv beruhigt. Stadtrat Ruedi Aeschbacher (Schwellen-Ruedi) nahm die «Initiative» der Bevölkerung auf und trieb sie weiter.
  • 2017 Die Hellmi-Altbauten mit den ungeraden Strassennummern werden renoviert.
  • 2019 Neuerlich formiert sich Protest im Quartier: Ein Flyer mit dem Titel «Spekulation gegen Mieterinnen und Mieter an der Hellmutstrasse!» wird verteilt. Darin wehren sich die Anwohner gegen den geplanten Verkauf von vier Häusern «an ruhiger Lage», wie es im Inserat in der «NZZ am Sonntag» heisst. (bra)

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