Zutritt verboten im Grossmünster

Touristen schütteln den Kopf: Eine der grössten Zürcher Sehenswürdigkeiten ist bis März für die Öffentlichkeit gesperrt. Der Grund dafür ist speziell.

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Die japanischen Touristen, die vor der Grossmünsterkirche stehen, können es nicht glauben. Geschlossen. Kein Zutritt. Was andere Städte tunlichst vermeiden – die Schliessung ihrer Sehenswürdigkeiten – ist in Zürich seit Anfang Woche Tatsache: Das höchste Wahrzeichen der Stadt ist für die Öffentlichkeit bis zum 2. März gesperrt.

Der Grund: Im Innern des Gotteshauses laufen die Vorbereitungsarbeiten für den Schweizer Film «Zwingli. Der Reformator» auf Hochtouren. «Das Grossmünster ist geschlossen, damit sich unser Team in Ruhe auf die Dreharbeiten vorbereiten kann», sagt Anne Walser, die Produzentin des Films.

Die sonntäglichen Gottesdienste finden trotzdem statt, und auch die Kirchenglocken werden weiterhin pünktlich läuten. Walser ist überzeugt, dass der fertige Kinofilm die Anwohner und regelmässigen Kirchengänger für etwaige Unannehmlichkeiten entschädigen wird.

Kirchenbänke demontiert

Ein Augenschein vor Ort zeigt: Das gesamte Innere des Grossmünsters wird in die Zeit vor der reformatorischen Bewegung zurückversetzt, in der Zwingli gelebt und gewirkt hat. Dass heisst, das Kirchenschiff wird original so nachgebildet, wie es damals aussah. Walser: «Das bedeutet, dass wir unter anderem insgesamt vier Altäre aufbauen, den Kirchenraum mit Heiligenbildern und grossen Wandmalereien ausstatten.»

Dazu wird extra eine Kanzel gebaut, auf der Zwingli-Nachfolger Heinrich Bullinger im Film predigen wird. Ein Grossteil der heutigen Kirchenbänke ist demontiert, denn diese gab es zu Zeiten Zwinglis nicht. Die jetzige, moderne Kanzel hingegen wird nicht abgebaut, sondern während der Dreharbeiten verhüllt und später in der Bildpostproduktion wegretouchiert.

«Für uns ist es eine Ehre,
das Grossmünster
als Set bespielen
zu dürfen.»
Anne Walser, Filmproduzentin

Der Aufwand ist gewaltig. Unter der Führung der Szenenbildnerin Su Erdt ist zurzeit ein zehnköpfiges Ausstattungsteam an der Arbeit. Dieses wird unterstützt von Elektrikern, Malern, Mitarbeitern der Denkmalpflege, Restauratoren und Hilfskräften für die Schwerstarbeiten. Die demontierten Gegenstände werden in Nebenräumen des Grossmünsters oder in zusätzlich angemieteten Lokalitäten rund um die Kirche gelagert.

Schwierigkeiten mit dem Kirchenboden

Das Sorgenkind des Ausstattungsteams ist der Boden der Kirche. Der heutige wirkt für den historischen Film zu modern und glänzt zu sehr. «Wir müssen deshalb einen künstlichen Boden auslegen», sagt Produzentin Walser, «und damit dieser möglichst nach Mittelalter aussieht, müssen wir die riesige Fläche entsprechend bemalen.»

Ab Mittwoch nächster Woche beginnen die Dreharbeiten mit den Schauspielern. Da das Grossmünster der Hauptwirkungsort Zwinglis war, wird neun Tage in und um die Kirche gedreht, im fertigen Film macht das dann ungefähr 25 bis 30 Minuten aus. Für Anne Walser ist es eine Ehre, das Grossmünster als Set bespielen zu dürfen. Zwar sei die enge Zürcher Innenstadt nicht besonders geeignet für eine Filmgrossproduktion, aber «es war unser innigster Wunsch, Zwinglis Predigten und sein Werk im Grossmünster nachzuerzählen», sagt sie. Kinostart ist im Januar 2019.

Eine neue Raumerfahrung

Gespannt auf das fertige Filmwerk ist auch Christoph Sigrist, der seit 15 Jahren als Pfarrer im Grossmünster tätig ist. «Ich bin neugierig, zu sehen, wie das Grossmünster auf mich wirkt, wenn es so aussieht wie zu Zwinglis Zeiten.» Das werde ein ganz neues Raumgefühl für ihn, ist er überzeugt.

Der Reformator sei ein Mann gewesen, der weitherum für ein grosses Umdenken gesorgt habe und dessen Taten noch heute Wurzeln unseres Systems bilden würde.

Erstellt: 07.02.2018, 16:44 Uhr

Zwingli. Der Reformator

Der Zürcher Huldrych Zwingli (1484 bis 1531) hat vor 500 Jahren die Kirche reformiert. Er predigte gegen die Verehrung von Bildern, Reliquien und Heiligen, weiter engagierte er sich gegen das Zölibat und die Eucharistie. Als Ketzer verschrien, starb er 1531 in einem Kampf gegen katholische Soldaten.

Mit einem Budget von fast sechs Millionen Franken ist «Zwingli» einer der teuersten der Schweizer Filme. Für die Regie zeichnet Stefan Haupt verantwortlich, der 2014 mit «Der Kreis» auch international für Aufsehen sorgte.

«Zwingli» kommt im Januar 2019 in die Kinos – rechtzeitig zum 500-Jahr-Jubiläum der Schweizer Reformation. (wsc)

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