Aus für Ticketerias – ZVV bricht Versprechen

Eigentlich wollte der ZVV mit der Schliessung von Ticketerias in Zürich warten. Nun prescht er vor – und provoziert Protest.

Soll am 29. Dezember schliessen: Die Ticketeria am Schwamendingerplatz.

Soll am 29. Dezember schliessen: Die Ticketeria am Schwamendingerplatz. Bild: Reto Oeschger

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In der Stadt Zürich gibt es derzeit noch sechs sogenannte Ticketerias, also Schalter, an denen Billette bezogen werden können. Aber nicht mehr lange. Der Zürcher Verkehrsverbund (ZVV) hat Anfang Jahr beschlossen, jene am Schwamendinger- und am Goldbrunnenplatz dicht zu machen. Die Gründe dafür sind auf den ersten Blick nachvollziehbar: Die Fahrgäste kaufen nur noch eines von zehn Tickets an den Schaltern. Viele Fahrgäste nutzen stattdessen das Smartphone oder lösen die Fahrscheine am Ticketautomaten.

Auf politischer Ebene und in den Quartieren haben die Schliessungen der Schalter für einigen Wirbel gesorgt. Anfang Jahr reichten FDP und SVP im Gemeinderat, und SP, CVP und SVP im Kantonsrat Postulate ein, um die Schliessung zu verhindern. Der Stadtrat behandelte den Vorstoss mit einem Verweis auf den Kanton, da die Ticketerias in den Zuständigkeitsbereich des ZVV fallen. Der Regierungsrat wiederum empfahl das vom Kantonsrat eingereichte Postulat abzulehnen. Behandelt wurde das Geschäft bisher aber noch nicht.

Was nicht funktioniert, muss weg

Die Begründung des Regierungsrates für die Ablehnung: die ZVV-Vertriebsstrategie. Darin steht zweierlei: der Verbund treibt die Digitalisierung innerhalb des ZVV voran, stellt aber gleichzeitig eine Grundversorgung mit bedienten Verkaufsstellen im Kanton sicher. Was nicht drinsteht, aber meistens gilt: Was nicht funktioniert, muss weg. Es bleibt das Versprechen, dass neun von zehn Einwohner des Kantons Zürich auch künftig innerhalb von zwanzig Minuten zu Fuss oder mit dem öffentlichen Verkehr eine sogenannte Beratungsstelle erreichen werden. Dies sei nach den Schliessungen in Wiedikon und Schwamendingen gewährleistet, argumentierte der ZVV. Als Ausweichmöglichkeit nannte er die Schalter in Oerlikon und am Paradeplatz.

Noch offen: Die Ticketeria am Goldbrunnenplatz in Zürich-Wiedikon. Bild: Reto Oeschger

Quartiervereine und Parlamentarier vermochte dies allerdings nicht zu besänftigen. Der Entscheid des ZVV habe viele Quartierbewohner erzürnt, sagen sie. Für viele seien die Ticketschalter wichtig, und dies gelte mitnichten nur für alte Menschen. Die Schliessung von Postschaltern, Kreisbüros und Ticketerias widerspreche dem Wunsch einiger Leute nach persönlichem Kontakt.

Politischer Druck wächst

Aufgrund des politischen Drucks sistierte der ZVV die Schliessung der beiden Ticketerias auf einen Zeitpunkt nach dem Kantonsratsentscheid. Dies gab er im August dieses Jahres bekannt. Doch die Erleichterung in den Quartieren war von kurzer dauer. Neuerdings will der Zürcher Verkehrsverbund die Schalter nun doch schon auf Ende Jahr schliessen, ganz egal, ob das Geschäft im Kantonsrat schon durch sei oder nicht. Als Grund für das Vorgehen nennt er die Verschiebung des Geschäftes vom Dezember 2018 auf den Frühling kommenden Jahres. Klar ist: Am 29. Dezember ist definitiv Schluss. Als Grundlage für den Entscheid verweist der ZVV auf das die vom Regierungsrat abgesegnete Vertriebsstrategie.

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Die erwartbare Reaktion bei den Quartiervereinen und Parlamenten: Kopfschütteln. Mehr noch. «Ein abgekartetes Spiel», schimpft Maya Burri, Präsidentin des Quartiervereins Schwamendingen. «Der ZVV schafft damit Tatsachen inmitten eines politischen Prozesses.» Dabei konnte sie erst eben noch besorgte Quartierbewohner damit besänftigen, dass sie eine schriftliche Bestätigung von Walker Späh wie auch von Stadtrat Michael Baumer (FDP) vorliegen habe, worin die Politiker versichern, mit der Schliessung abzuwarten. Die Dokumente sind auf der Website des Quartiervereins einsehbar.

«Der ZVV weicht einem politischen Entscheid aus», sagt auch Roland Scheck (SVP), Vizepräsident des Quartiervereins Wiedikon, Kantonsrat und Mitunterzeichner des Postulats. Die Quartierbevölkerung sei befremdet durch das Hin und Her des ZVV. Dabei, glaubt Scheck, hätte das Geschäft im Parlament gute Chancen gehabt, durchzukommen.

Das letzte Wort noch nicht gesprochen

Auf den Entscheid hin reichte er im Kantonsrat vor zwei Wochen ein dringliche schriftliche Anfrage ein. Eine solche wurde auch im Gemeinderat eingereicht, dort seitens der SP. Die unterzeichnenden Parlamentarier möchten nun den Prozess nachzeichnen, der beim ZVV zur abrupten Kehrtwende geführt hat. Ebenso werden Stadt- und Regierungsrat angefragt, was sie vom «kurzfristigen Meinungswechsel» des ZVV halten. Oder wie man gedenke, in Zukunft die Kommunikation zu verbessern. Aber auch in Bezug auf die Angestelltensituation fordern die Parlamentarier Aufklärung. Wie vielen Mitarbeitern wurde gekündigt? Wie können sie weiterbeschäftigt werden?

Wird das Dokument die Ticketerias retten? Laut Scheck gibt es noch Hoffnung. Es sei nun am Regierungsrat, das Postulat des Kantonsrats zu prüfen. Auch die Quartiere geben nicht nach: Am kommenden Samstag wird in Schwamendingen vor der Post, welche die Ticketeria beherbergt, eine Protestaktion durchgeführt.


So funktioniert die ZVV-App

Redaktor Ruedi Baumann testet die neue ZVV-App zum Lösen von Tickets.
(Video: Lea Blum und Ruedi Baumann)


Erstellt: 13.12.2018, 10:52 Uhr

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