Friede den Tramhütten, Krieg den Autopalästen?

Nach langer Bauerei sind die Zürcher Tramhaltestellen Central und Stauffacher fertig. Und dann das!

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Im Kreis 4 könnte einen schon ein Zörnchen packen, wenn man am Stauffacher aufs Tram wartet. Monatelang, nein, scheinbar endlos haben sie gebaut und alles verstellt, was es zu verstellen gab. Die Fahrgäste haben es ertragen in der Erwartung, ihr Ungemach werde belohnt mit einer neuen Haltestelle des Wohlbehagens und des Entzückens. Doch was steht nun dort? Vier halb durchsichtige Wetterschutzdächer, getragen von groben Stützen und Balken aus gräulichem Eisen. «Das muss halten», lautete wohl die Vorgabe in Erwartung eines Publikums aus Trunkenbolden, Fussballrowdys und Chaoten. Der Stauffacher hat jetzt mehr Abfallkübel als Sitzbänke und zwischen ihnen eine Leere, die aufs Gemüt drückt.

Diese Haltestelle fürs Grobe ist dem Ort keineswegs angemessen. Er ist mit täglich 50'000 Fahrgästen die fünftbestfrequentierte VBZ-Haltestelle und Ausgangspunkt für die Fahrplangestaltung – sozusagen der Urheber aller gelungenen und verpassten Anschlüsse. Mit 22 Millionen Franken, inklusive Untergrund und höherer Haltekanten, war der Umbau nicht unbedingt billig. Dafür arktisch kalt in der Gestaltung. – Doch halt, da hats ja noch etwas. Ein kurzes Stück Holzbank, fremd zwischen all dem Stahl und Kunststoff. Ist das der ungeschickte Versuch, der Froststation Behaglichkeit zu verleihen?

Wie grob aber auch diese Holzbank ist, zeigt der Vergleich mit der jüngst fertiggestellten Haltestelle Central, die neu mit drei langen Holzbänken aufwartet. Welch ein Anblick, welche Sorgfalt, welche Eleganz: Feine, waagrechte Eichenlatten bilden die Sitzbänke, die parallel zu den Tramgleisen verlaufen. Man könnte sich im Jachtclub von Cap d’Antibes wähnen und staunt, wie die langen Holzlatten am Ende der Bank gar um 180 Grad gebogen sind. Wie macht man das? Wasserdampf? Auf jeden Fall stehen wir ehrfürchtig vor vollendeter Handwerkskunst. Über den Bänken schweben ähnlich elegant gebogene ­Dächer, die aussehen wie riesige Bumerangs. Augenfällig nimmt das Central die Formen und Materialien der Haltestellen Paradeplatz und Bellevue auf. Das Central ist damit in die höchste Liga des Tramwesens aufgestiegen. Einzig die Gehbehinderten stimmen am neuen Central nicht ins Loblied ein: Wegen der Kurvenbiegung wurden die Haltekanten nicht erhöht.

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Für alle anderen zelebriert das Central den öffentlichen Verkehr, während der Stauffacher ihn bloss absolviert; das Central feiert das Tramfahren, der Stauffacher bringt es hinter sich. Und schon verdunkelt sich der bürgerliche Geist und poltert: typisch rot-grüner Stadtrat mit seiner Losung: Friede den Tramhütten, Krieg den Autopalästen, koste es, was es wolle. Doch gemach: Der Umbau des Centrals hat alles miteinberechnet 2 Millionen Franken weniger gekostet als der des Stauffachers, auch wenn die Dächer und Bänke Spezialanfertigungen sind. Eigentlich sind die Bürgerlichen allergisch gegen städtische Spezialkonstruktionen, doch am Central waren sie – vom Dämon der vier Pneus gebannt – auf den Spurabbau auf der Bahnhofbrücke fixiert. Trotz Rekursen erfolglos.


Video: Härtetest am Zürcher Central im Schnelldurchlauf

Mit fünf verschiedenen Fahrzeugen prüften die VBZ die neuen Gleise am Zürcher Central. Video: Tamedia (August 2017)


Warum misst die Stadt mit zwei Ellen und gestaltet das Central so viel sorgfältiger als den Stauffacher? An der Zahl der Fahrgäste liegt es nicht, denn mit täglich 45'000 steht das Central in der Auslastung hinter dem Stauffacher. Liegts an den Cüplisozialisten? Wollen die arrivierten Linken im Stadtrat den reichen Steuerzahlern vom Zürichberg gefallen, obwohl die das Tram nur von aussen kennen? Eher nicht.

Tatsache ist, dass der Grossteil der Fahrgäste am Central Studierende der Uni und der ETH sind. Ferner hat sich die Stadt bei den Tramhäuschen auch schon in linken Stadtkreisen Mühe gegeben, insbesondere am Limmatplatz, wo die Dächer um die alten Bäume herum gebaut wurden. Dennoch stimmt, dass die Bauämter in der Innenstadt sorgfältiger hantieren als ausserhalb. Grund ist der sogenannte Bedeutungsplan, der die Stadt in Gebiete von unterschiedlicher Ausstrahlung und Funktion aufteilt. Die Aussenquartiere sind nur für die Anwohner von besonderem Wert, die Innenstadt ist es auch für Besucher, Touristen, Angestellte und Einkaufswillige. Das Central gehört mit Bahnhofstrasse, Altstadt, Bellevue und den Seepromenaden zur höchsten Stufe: internationale Bedeutung. Dort muss der öffentliche Raum mit Stil und Eleganz entzücken, auf dass alle Besucher Zürichs Schönheit preisen. Demzufolge sollte man am Central ab sofort asiatische Reisegruppen beobachten können, die sich vor den Holzbänken fotografieren.

Wer verantwortet dieses Unding, dessen Stummeldach keinen Schutz vor Regen bietet?SVP-Anfrage

Getreu diesem Bedeutungsplan müsste auch die Haltestelle Bahnhofplatz eine Perle des Tramhäuschenbaus sein. Ist sie aber nicht. Am Bahnhofplatz steht man unter einem Gitterrost wie im Hof eines Untersuchungsgefängnisses – angeklagt der Schwarzfahrerei und des Drängelns beim Einsteigen. Geplant war jedoch etwas ganz anderes: Die «Inszenierung eines Ereignisses», wie es im Jurybericht vor 15 Jahren hiess, zwei Glaskörper, die mit ihrer hohen Rückwand zum kunstvollen «Lichtelement» würden. Oder wie es Stadtrat Elmar Ledergerber versprach: «Das ist kein Zürcher Durchschnitt. Das wird eine Kontroverse auslösen.» Wie wahr! Das Hotel Schweizerhof wollte sich vom Licht nicht blenden lassen, und die VBZ fürchteten Scherben und astronomisch teuren Unterhalt. So wurde aus dem Ereignis das nüchterne Gehäuse – immerhin verbunden mit einer Kostenreduktion von 16 auf 5 Millionen Franken.

Gescheiterte Tramhäuschen – ein ergreifendes, aber wenig beachtetes Kapitel der Zürcher Baugeschichte. Ein krasser Fall ist die Haltestelle Milchbuck: Ein Dach, so dick wie die Decke einer Zivilschutzanlage; die Waschbetonwände vom ehemaligen Ostblock inspiriert. Die Station Milchbuck ist so klumpig, dass sie eine politische Anfrage der SVP provozierte: Wer verantwortet dieses Unding, dessen Stummeldach keinen Schutz vor Regen bietet? Wie der Bahnhofplatz war auch der Milchbuck einst für Höheres auserwählt. Doch das Siegerprojekt erwies sich als zu teuer und zu sensibel für den harten Alltag.

Bleibt zuletzt die Frage, ob die bürgerlichen Stadtratskandidaten, die sich mit ihrem Kriegsruf «Top 5» Mut machen, das Thema Tramhäuschen für den Wahlkampf ausnützen könnten – im Sinne von: Zürcher Perfektionismus ist linke Geldverschleuderung. Doch müssen sie bedenken, dass von den 437 Haltestellen in der Stadt die allermeisten einfache Unterstände aus robustem Glas sind. Gestylte Tramhäuschen sind selbst im grosszügigen Zürich die Ausnahme.

Was sind aus Ihrer Sicht die schönsten, skurrilsten oder schäbigsten Tramhaltestellen in der Stadt Zürich? Diskutieren Sie in der Kommentarspalte. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.01.2018, 22:33 Uhr

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