Zum Hauptinhalt springen

«Zwei SVP-Kandidaten sind eine Anmassung»

Politgeograf Michael Hermann glaubt, dass die SVP-Doppelnomination für die Stadtratswahlen den Bürgerlichen schadet. Bessere Chancen hätten drei FDP-Kandidaten.

Der Politgeograf Michael Hermann leitet die ­Forschungsstelle Sotomo und lehrt an der Universität Zürich. Foto: Christian Beutler (Keystone)
Der Politgeograf Michael Hermann leitet die ­Forschungsstelle Sotomo und lehrt an der Universität Zürich. Foto: Christian Beutler (Keystone)

Welche Chance geben Sie den zwei neuen SVP-Stadtratskandidaten?

Eine kleine bis gar keine.

Beide sind eher gemässigte SVPler. Das sollte ihnen doch helfen.

Vom Profil her ähneln sie Nina Fehr ­Düsel. Sie scheiterte 2014 deutlich.

Was müssten sie denn mitbringen, um in Zürich Stadtrat zu werden?

Sie dürften einfach nicht in der SVP sein.

Eine Theorie besagt, Kandidaten der SVP sollten vor allem einen ­urbaneren Lebensstil vorweisen.

Auch diese Strategie funktioniert nicht. Das haben die letzten Ständeratswahlen mit Hans-Ueli Vogt gezeigt. Obwohl Vogt in Zürich-West wohnt und an der Street-Parade mitläuft, hat man ihn hauptsächlich als Kandidaten mit SVP-Weltbild wahrgenommen. Der Lebensstil löscht die politische Positionierung nicht aus. Ich sehe nur einen Weg für die SVP.

Und der wäre?

Sie müsste einen Kandidaten bringen, der unabhängig von der Partei Bekanntheit erreicht hat und erst später der SVP beitrat. Dadurch würde man ihn nicht in erster Linie mit der SVP in Verbindung setzen. Es gibt übrigens auch das umgekehrte Problem: Im Kanton Schwyz hat die SP fast keine Chance mehr, jemanden in den Regierungsrat zu bringen.

Warum hat es die SVP so schwer in Zürich und den Schweizer Städten?

Vor ein paar Jahren sah es nicht so schlecht aus: Eine gewisse Ernüchterung über die rot-grünen Stadtregierungen machte sich breit. Diese waren schon lange an der Macht, die einstige Aufbruchstimmung verrauchte. Diese Ermüdung hätte eine Chance bieten können für die Bürgerlichen.

Und wieso nutzten sie diese nicht?

Die grösseren Entwicklungen sprachen gegen sie. Erst gewannen FDP und SVP die Nationalratswahlen. Der Brexit und Donald Trump folgten. Diese Ereignisse, obwohl sie weit über die Städte hinausreichen, haben den Städtern den Kampfgeist zurückgegeben. Sie wollen Gegensteuer geben, sagen: «Jetzt erst recht.» In Basel, Bern und Lausanne konnte Rot-Grün in den letzten Wahlen zulegen.

Durch ihren Boom ziehen Städte reichere und damit auch bürgerliche Bewohner an. Wäre das nicht eine Chance für die SVP?

Im Gegenteil. Die SVP verliert ihr Elektorat. Ihre Wähler, zu denen viele Kleinbürger gehören, müssen die Städte wegen der Verteuerung tendenziell verlassen. An ihrer Stelle ziehen eher wohlhabende Menschen zu. Diese denken zwar oft bürgerlich, sind aber gleichzeitig international ausgerichtet. Eine Isolationspolitik à la SVP lehnen sie ab. Die jetzigen Bevölkerungsverschiebungen helfen liberal-progressiven Parteien wie FDP und GLP.

Die SVP ist die zweitstärkste Partei im Stadtparlament. Müsste sie nicht in der Regierung vertreten sein?

Dieses angebliche SVP-Recht auf eine Regierungsbeteiligung ist ein demokratischer Fehlschluss. Parlaments- und Regierungswahlen funktionieren nach je eigenen Regeln. All die Niederlagen bei den Stadtratswahlen seit 1990 zeigen: Die SVP schafft es in Zürich nicht, über ihre Stammwähler hinaus zu mobilisieren. Die Zürcher erachten sie als nicht regierungsfähig. Mit dem Entscheid, zwei Kandidaten aufzustellen, schadet sie sogar den bürgerlichen Interessen.

Warum?

Zwei SVP-Kandidaten sind eine Anmassung. Die Partei kriegt bei Stadtratswahlen seit Jahrzehnten nichts auf die Reihe. Die FDP dagegen hat in Zürich eine lange Tradition als anerkannte Regierungspartei. Sie hätte deutlich bessere Chancen, einen Sitz dazuzugewinnen und künftig wieder drei Stadträte zu stellen. Doch das SVP-Doppel setzt die FDP unter Druck, auf einen dritten Kandidaten zu verzichten. Dies bedeutete eine Schwächung des bürgerlichen Tickets. Wer die bürgerliche Zusammenarbeit ernst nimmt, muss auf jene Kandidaten mit den besten Chancen setzen. Und die finden sich nun mal in der FDP.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch