Jetzt stehen Tausende Cents aus dem Trevi-Brunnen in Zürich

Von Rom an die wirtschaftswissenschaftliche Fakultät der Uni Zürich: Zwei Künstler haben 8400 Euro eingeschmolzen.

Gegossen aus den Münzen des Trevi-Brunnens und heute an der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät platziert: die Skulptur von Meier & Franz. Video: Elisabeth Ebli

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Ein schrilles Piepen des Lastarms, und die rund 350 Kilo schwere Skulptur hebt ab. Unter den Blicken des Zürcher Künstlerduos Michael Meier & Christoph Franz kommt die bronzene Figur am Montagmorgen langsam vor dem Institutsgebäude der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Zürich zu Boden. Sie zeigt ein Meerespferd und einen Triton, die dem Betrachter entgegenstürmen – aus der Muschel in der Hand des Meeresgottes wird bald schon Trinkwasser fliessen.

Das geübte Auge wird die beiden Skulptur-Elemente wiedererkennen, sie sind in derselben Grösse Teil des berühmtesten Brunnens in Rom: der Fontana di Trevi. Vor der Fontana stehen täglich Scharen von Touristen, mit einer Münze in ihrer rechten Hand. Dann stellen sie sich mit dem Rücken zum Brunnen, schliessen die Augen und werfen das Geldstück über die linke Schulter ins Wasser. Denn – so die Legende – wer sich an diese Vorgehensweise hält, dem sei eine baldige Rückkehr nach Rom sicher. Dieser romantische Brauch wurde bekannt durch den US-Film «Drei Münzen im Brunnen» aus dem Jahr 1954 und beschert dem Trevi-Brunnen jeden Tag einen Geldsegen. Schätzungen zufolge werden jährlich zwischen einer und 1,5 Millionen Euro aus dem Wasser gefischt.

Der Trevi-Brunnen im Herzen von Rom. Bild: Alessandro di Meo

Ein Akt des Schenkens

Und aus genau diesen Münzen ist sie entstanden, Meier & Franz’ Installation mit dem Namen «Deceitful Habits in a Human’s Soul» also «Trügerische Gewohnheiten in der Seele eines Menschen». Die Skulptur steht vor der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät. Meier & Franz war deshalb früh klar, dass sie mit Geld arbeiten wollen, jenem Material also, das auch die Studenten hier tagtäglich beschäftigt: «Wir gingen in erster Linie der Frage nach, ob man Glück denn kaufen kann», sagt Meier und ergänzt: «Wir wollten wissen, wie der Mensch auf Geld reagiert.» Beim Einlesen in die Thematik interessierte sie bald, wie Geld in den Menschen rudimentäre Bedürfnisse der Triebbefriedigung wecken kann. Wer Geld erhält, bei dem komme es zur Ausschüttung des Glücksbotenstoffs Dopamin. «Begeistert haben wir dann aber gesehen, dass Geld verschenken noch glücklicher macht», sagt Franz. So begeben sich die beiden auf die Suche nach einem Symbolbild für ein solches Weggeben von Geld. «Dieser Akt des Schenkens wird beim Trevi-Brunnen gut sichtbar», sagt Christoph Franz. Sie entschieden, bei der Römer Stadtverwaltung nach den Münzen zu fragen.

Münzen werden vor dem Schmelzen gereinigt. Bild: Susanne Hefti

Bis zur Schweizer Botschaft

Was zu Beginn wie eine einfache Anfrage zweier Künstler aussah, wird komplexer: Die Münzen, die aus dem Brunnen gefischt werden, wurden bis anhin an Caritas weitergegeben, die damit Sozialprojekte realisiert. Doch just als das Kunstprojekt seinen Anlauf nimmt, gibt Rom bekannt, dass es den Vertrag mit der Hilfsorganisation auslaufen lassen und die Gelder selbst an soziale Projekte verteilen wolle. Doch als internationale Medien über den Fall berichten, erneuert Rom den Vertrag mit der katholischen Einrichtung. Mithilfe von Ruth Theus Baldassarre von der Schweizer Botschaft in Rom können Meier & Franz mit der Einwilligung der Vorsteher der italienischen Hauptstadt 10-Cent-Stücke aus dem Trevi-Brunnen im Wert von 8400 Euro von Caritas erwerben.

Kritischer Blick auf ihr Werk: Meier & Franz. Bild. Andrea Zahler

Mit Geldsäcken über den Zoll

Mit dem Erhalt der Münzen waren noch weit nicht alle Hürden genommen. «Uns taten sich recht absurde Probleme auf», sagt Meier. So mussten die beiden Künstler beim Zoll abklären, ob man überhaupt mit Säcken voller 10-Cent-Münzen über die Grenze fahren darf (man darf, sofern diese den Wert von 10'000 Franken pro Person nicht überschreiten). «Wir haben dann doch geguckt, dass wir nicht in der tiefsten Nacht beim Zoll ankommen», sagt Franz. Auch mussten die beiden erst abklären lassen, ob Geld denn auch eingeschmolzen werden darf (man darf, sofern nicht die Gefahr einer Rückforderung des Besitzers besteht). Schliesslich wurden die Münzen im Wert von 8400 Euro eingeschmolzen und mit Bronze gemischt, damit das Metall besser gegossen werden kann. Anschliessend liessen Meier & Franz die Brunnenstatue in das von ihnen erstellte Styropor-Modell in einer Giesserei giessen.

Die 10-Cent-Münzen werden eingeschmolzen. Bild: Susanne Hefti

Und haben Meier & Franz dem Trevi-Brunnen selbst auch ein Geldstück gespendet? Auf jeden Fall, bestätigen die beiden.

Die offizielle Eröffnung von «Deceitful Habits in a Human's Soul» findet am 23. Oktober 2019 um 18 Uhr im Innenhof der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät, Plattenstrasse 14, statt.

Erstellt: 29.07.2019, 16:34 Uhr

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