Entlassener Herzchirurg ist seit 60 Tagen im Hungerstreik

Nach dem Eklat am Zürcher Kinderspital kämpft ein Arzt um seinen Ruf. Ein Arbeitsprotokoll und Aussagen von Eltern bringen neue Details ans Licht.

In der Personalakte von A. S. findet sich kein einziger Vermerk in Bezug auf sein Leistungsverhalten. Foto: Dominique Meienberg

In der Personalakte von A. S. findet sich kein einziger Vermerk in Bezug auf sein Leistungsverhalten. Foto: Dominique Meienberg

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Anfang April reichte ein entlassener Arzt der Herzchirurgie am Kinderspital Zürich gegen drei leitende Ärzte des Kispi eine Strafanzeige wegen Verleumdung und übler Nachrede ein und kündigte einen Hungerstreik an. Mittlerweile sind über 60 Tage verstrichen, und der entlassene Arzt A. S. befindet sich noch immer im Hungerstreik. Er hat massiv abgenommen, sein Immunsystem schwächelt, und die Nieren machen Probleme. Aber er will den Hungerstreik fortführen – bis seine Reputation wiederhergestellt ist.

A. S. wirft dem Kispi vor, die Begründung für die Kündigung habe «seinen Ruf als Arzt schwer beschädigt». Ihm wurde unter anderem «ungenügendes Leistungsverhalten» und «fehlender Respekt» vorgeworfen. Eine Lösung des Konflikts ist derzeit nicht in Sicht.

Herzchirurgie am Kinderspital Zürich. Foto: Keystone

Am Kispi hat man zwar mittlerweile Schritte eingeleitet, um die Situation zu deeskalieren. «Wir sind sehr besorgt um den Zustand von A. S.», sagt Urs Rüegg, der Generalsekretär des Kispi. Und: «Wir stehen in Kontakt mit A. S. und dessen Anwalt.» Auf ein «faires Arbeitszeugnis», das er einfordert, wartet A. S. aber noch immer.

Letzte Woche hat zwar ein Gespräch stattgefunden, aber einigen konnte man sich nicht. Nun will A. S. den Druck mit einem Brief an Medien und Politiker erhöhen. Seine Kritik richte sich aber nicht gegen das Kispi als Institution, sondern gegen deren Führungscrew, wie er sagt.

Arbeitsprotokoll einer schwierigen Nacht

Nach wie vor gibt es zu der Kündigung von A. S. viele offene Fragen und Ungereimtheiten. Die Kispi-Verantwortlichen bestehen auf ihrer Version der Begründung und wollen dies «aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes nicht weiter in der Öffentlichkeit diskutieren».

Nur: In der Personalakte von A. S. findet sich kein einziger Vermerk in Bezug auf sein Leistungsverhalten oder den Umgang mit Mitarbeitern und Patienten respektive deren Angehörigen. Zudem suchte das ­Kispi vor der Kündigung auch kein Gespräch mit A. S., um die Vorwürfe zu klären.

A. S. kümmerte sich während 26 Stunden um ein operiertes Kind.

Eine Kündigung war zudem vorher nie ein Thema. Im Gegenteil: Ende 2017 wandelte das ­Kispi den Arbeitsvertrag von A. S. von einem befristeten in einen unbefristeten um – was man bei einem schlechten Mitarbeiter mit «ungenügendem Leistungsverhalten» kaum machen würde. Zudem liegt dem TA ein Arbeitsprotokoll einer schwie­rigen Nacht im Kispi vor. Es zeigt, dass A. S. sich damals während 26 Stunden praktisch ohne Unterbruch um ein operiertes Kind kümmerte.

Pikant ist auch, dass A. S. von der Kündigung am ersten Arbeitstag nach einer neunmonatigen Krankschreibung – wegen eines Bandscheibenvorfalls samt Komplikationen – erfuhr. Zum Zeitpunkt seiner Rückkehr ins Kispi war sein Chef, der Leiter der Herzchirurgie, Michael Hübler, selber schon freigestellt; die Abteilung wird seither interimistisch von einem Herzchirurgen ohne in der Schweiz anerkannten Facharzttitel geführt.

«Fehlender Respekt» klingt anders

Dann haben sich auch zwei Eltern von «Herzlis» – so nennen Angehörige Kinder mit angeborenen Herzfehlern – beim TA gemeldet und dem entlassenen Herzchirurgen A. S. ein gutes Zeugnis ausgestellt. Er sei sehr freundlich und artikuliert gewesen und habe ihnen das nötige Vertrauen gegeben. Und: Er sei ein engagierter und fröhlicher Mensch. Zumindest bei einem Teil der Eltern ist A. S. also gut angekommen, «fehlender Respekt» klingt jedenfalls anders. Beide Eltern haben um Anonymität gebeten.

Im Gespräch, das A. S. vergangene Woche mit leitenden Personen des Kispi führte, ging es auch um ein Zwischenzeugnis für A. S., das der entlassene Arzt aber ablehnt. «Mein Vorgesetzter war Michael Hübler, und ich will ein Zeugnis von ihm», sagt A. S. Dazu bietet das Kispi aber nicht Hand. Hübler selber würde ein Zeugnis schreiben, wenn das Kispi ihn bitten würde.

Für das Kispi handelt es sich um einen reinen Arbeitskonflikt.

Dazu muss man wissen: Michael Hübler leitete die Kinderherzchirurgie von 2012 bis im November 2018, als er von einem Tag auf den anderen von all seinen Tätigkeiten freigestellt wurde. Über die Gründe wurde Stillschweigen vereinbart. Klar scheint, dass es zwischen den verschiedenen Abteilungen im Kinderherzzentrum, vor allem zwischen der Herzchirurgie und der Intensivstation, massive Streitereien gab, die zum Teil sogar am Bett der Patienten und vor den Eltern ausgetragen wurden, wie «10 vor 10» berichtete.

Am Kinderspital Zürich gab es massive Konflikte zwischen der Herzchirurgie und der Intensivstation. Foto: Urs Jaudas

Bei dem Streit ging es oft um grundlegende ethische Fragen wie die, ob man bei einem Kind mit einem schweren angeborenen Herzfehler die medizinischen Möglichkeiten ausschöpfen oder das Kind nur noch palliativ behandeln, sprich: sterben lassen, sollte. Dazu sagte ein Kenner der Verhältnisse zum TA: «Wenn alle Bereiche am Kispi so viel Aufmerksamkeit wie die Palliativmedizin erhalten würden, stünde es sehr gut um das Kispi.»

Ob die Entlassung von A. S. mit der Freistellung seines Chefs Michael Hübler zusammenhängt, darüber gehen die Meinungen auseinander. Für das Kispi handelt sich dabei um einen reinen Arbeitskonflikt, der die Öffentlichkeit nichts angeht. Für A. S. ist dagegen klar, dass er unter einem Chef Michael Hübner nicht entlassen worden wäre.

«Hör auf»

Die wenigen Menschen, die mit A. S. noch regelmässig in Kontakt stehen, haben ihm alle dringend geraten, den Hungerstreik zu beenden. «Das weckt mehr Unverständnis als Mitleid», sagt zum Beispiel der Kinderkardiologe und Intensivmediziner Christoph Fink vom Al Jalila Children’s Specialty Hospital in Dubai. Der Vorarlberger Fink hat mit A. S. vor gut zehn Jahren am deutschen Kinderherzzentrum St. Augustin zusammengearbeitet, früher auch in Berlin mit Michael Hübler. «Ich habe A. S. gesagt: Hör auf, du brauchst Kraft.»

Erstellt: 04.06.2019, 09:04 Uhr

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