Plötzlich verkauft die Olé Olé Bar auch Edel-Champagner

Wie wirkt sich die teure Europaallee auf das Langstrassenquartier aus? Beizerinnen, Immo-Unternehmer und Politiker geben Antworten.

Fungiert als Grenzhäuschen zwischen Europaallee und der Langstrasse: Die Olé Olé Bar. Fotos: Andrea Zahler

Fungiert als Grenzhäuschen zwischen Europaallee und der Langstrasse: Die Olé Olé Bar. Fotos: Andrea Zahler

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Sie befürchteten einen urbanen Untergang. Seit das Zürcher Stimmvolk 2006 Ja sagte zur Europaallee, sahen linksalternative Kritiker das Ende des bisherigen Langstrassenquartiers nahen. Unter dem Druck der teuren Büros und Wohnungen, welche die SBB direkt daneben hochzogen, würden die Preise explodieren. Das Arbeiter- und Milieuquartier verwandelte sich in ein Aussersihler Seefeld. Schluss mit Bäckerei-Zürrer-Groove.

Jetzt, wo der Neubauriegel steht, lässt sich feststellen: Die Befürchtungen sind teilweise eingetroffen. Teilweise nicht.

Der Boden im Langstrassenquartier verteuert sich so rasant wie kaum anderswo in der Stadt. Statistik Stadt Zürich hat für den «Tages-Anzeiger» die Quadratmeterpreise von bebauten Grundstücken zwischen den Perioden 2008 bis 2010 und 2016 bis 2019 verglichen. Im Langstrassenquartier (ohne Kreis 5) sind die Preise um 98 Prozent gestiegen. Derzeit kostet dort ein Quadratmeter Boden samt Liegenschaft durchschnittlich 28 676 Franken. Eine stärkere Aufwertung haben nur Wollishofen (Anstieg um 100 Prozent), Unterstrass (108 Prozent) und Altstetten (112 Prozent) durchgemacht. Der städtische Durchschnitt liegt bei einem Plus von 59 Prozent. Absolut übertreffen nur noch die Preise im Kreis 1 und im Seefeld jene rund um die Langstrasse.

Allen kostet es zu viel

Die rasante Vergoldung belastet selbst bisherige Gewinner. «Wir konnten seit fünf Jahren nichts mehr kaufen», sagt Hans Ulrich Kobelt. Er ist Mitinhaber der Immobilienfirma Agensa AG, die seit der Jahrhundertwende zahlreiche Häuser im Kreis 4 erworben hat. Einen Teil davon vermietet sie als möblierte Apartments, weshalb Kobelt im linken Kreis 4 als Antreiber der Gentrifizierung gilt. Jetzt ist das Langstrassenquartier selbst ihm zu teuer geworden. «Bei den Auktionen von Häusern werden wir ständig überboten», sagt er.

Unklar ist, warum so viel gezahlt wird. Aus Sicht von Hans Ulrich Kobelt wäre das auch ohne Europaallee geschehen: «Das liegt am Anlagenotstand. Deshalb kaufen alle Häuser.»

Niklaus Scherr, früherer AL-Gemeinderat und früher Europaallee-Kritiker, sieht verschiedene Gründe. Die Stadt habe das Sexmilieu und die Drogenszene vertrieben, zugleich breitete sich die Partyszene aus. «Dazu kam die Europaallee, die das Langstrassenquartier als zentralen Ort salonfähig gemacht hat.» Das Quartier lag schon immer sehr nahe am Bahnhof. Aber durch seine Eigenheiten habe es sich einer durchgehenden Vermarktung entzogen, sagt Scherr. «Das hat die Europaallee geändert.»

Die hohen Mieten der SBB dienten Hauseigentümern in der Gegend als Orientierungspunkt, sagt Scherr. «Sie wollen genauso viel Gewinn machen.»

Robert Weinert von der Beratungsfirma Wüest Partner nennt einen weiteren Verteuerungsgrund: die gut 8000 Arbeitsplätze, die in der Europaallee entstanden sind. Gemietet werden die Büros von Google und grossen Banken. «Nicht alle Googler wollen im Kreis 4 wohnen. Aber die Nähe von so vielen gut bezahlten Angestellten erhöht grundsätzlich die Nachfrage.»

Davon profitiert Immobilieninvestor Kobelt. Die Belegung seiner Apartment-Häuser bezeichnet er als «sehr gut». Und das, obwohl rundherum viele neue Hotels entstanden sind.

Getrennte Existenzen

Baulich hat sich das Langstrassenquartier trotz überdurchschnittlicher Verteuerung nur unterdurchschnittlich gewandelt. Im Vergleich zu anderen Gegenden wurden eher wenig Wohnungen abgerissen. Laut Scherr liegt das an der «kleinräumigen Eigentümerstruktur», daran, dass viele Häuser verschiedenen Besitzern gehören. «Das verhindert, dass ganze Blockränder geschleift werden.» Luxussanierungen einzelner Häuser sehe man aber ständig.

Auch atmosphärisch haben sich manche Ecken rund um die Langstrasse kaum verändert. «Die Europaallee hat erstaunlich wenig Einfluss gehabt aufs Quartier», sagt Immobilieninvestor Kobelt. Das Langstrassenquartier sei ein Dörflein geblieben. «Ich bin leicht enttäuscht. Ich hoffte auf mehr neues Volk.»

Wenig Durchmischung: Sigi Huber vom Biergarten. Foto: Andrea Zahler

Seit langem Teil dieses Dörfleins ist Sigi Huber, der Wirt des Biergartens, mitten im Milieu gelegen. Er teilt Kobelts Befund: «Es sind zwei unterschiedliche Quartiere, die getrennt existieren», sagt Huber. «Die Leute in der Europaallee kommen nicht bis zu uns.» Er vermutet, dass die dortigen Läden von Pendlern frequentiert würden, die nur selten weiter ins Quartier vorstossen.

Um in die Olé Olé Bar zu gelangen, muss man kaum «ins Quartier vorstossen». Bildet die Lagerstrasse die Grenze zwischen den zwei Quartieren, dann ist diese Bar an der Ecke Langstrasse das Zollhäuschen, an dem alle vorbeimüssen. «Hierher kamen schon immer Leute aus allen Welten», sagt Elena Nierlich, eine der beiden Betreiberinnen.

Die neue Lagerstrasse

Der Baustart auf dem Grundstück gegenüber erfolgte gleichzeitig mit Nierlichs Übernahme der Bar im Jahr 2013. Die Veränderungen in der Gegend hat sie direkt mitverfolgen können. «Die Lagerstrasse war damals ein Unort, den man so schnell wie möglich passieren wollte. Heute ist sie ein breiter Boulevard mit einladenden Plätzen.» Seit diesem Sommer stellt die Olé Olé Bar Stühle auf das neu sechs Meter breite Trottoir vor dem Lokal. Die Ecke hat sich sichtbar belebt.

Auch sonst spüren die Bars in der direkten Nachbarschaft die Europaallee, ihr Publikum verändert sich. «Wir haben auffällig mehr Gruppen, die nach der Arbeit bei uns vorbeischauen», sagt Michel Monod, Mitbetreiber der seit vielen Jahren im Quartier angesiedelten Total Bar. Dazu gehörten viele Anzugträger. Elena Nierlich von der Olé Olé Bar sagt: «Wir verkaufen jetzt manchmal auch den Edel-Champagner Dom Pérignon.» Die Flasche kostet in der Bar 760 Franken.

Mehr Krawattenträger: Michel Monod von der Total Bar.

Trotz solcher Ansätze eines Zusammenwachsens wird die Europaallee im Langstrassenquartier weiterhin als Fremdkörper wahrgenommen. Genau das wollten die Planer der SBB verhindern. Die Integration sollte auch über die Erdgeschosse geschehen. So haben die SBB damals Steff Fischer engagiert, dessen Agentur sich um einen passenden Ladenmix kümmerte. Und sie hielten die Mieten der Ladenflächen tief. Damit konnten sich auch Kleingewerbler ein Lokal an der Europaallee leisten. Um die Trennlinie aufzuweichen, haben die SBB zudem eine Marketingagentur beauftragt, welche die Läden bei den Anwohnern und in der restlichen Stadt bekannt machen soll.

Das Gewerbe hält durch

Dem Langstrassengewerbe habe die neue Konkurrenz bisher wenig geschadet, sagt Sigi Huber, der neben dem Biergarten auch dem Gewerbeverband vorsteht: «Es gab vereinzelt Läden, die sich die hohen Mieten nicht mehr leisten konnten.» Vieles sei aber so geblieben, wie es war. Die teilweise überrissenen Erwartungen der Spekulanten hätten sich bisher nicht erfüllt. Das habe auch mit der Art Läden zu tun, die in der Europaallee eingezogen sind. Laut Robert Weinert von Wüest Partner könnten sich diese vom Profil her eher zur Konkurrenz für das Niederdorf und die Bahnhofstrasse entwickeln.

Trotz rasanter Verteuerung, trotz vieler Apartmentwohnungen, trotz reicher Nachbarschaft: Bis anhin hat sich das Langstrassenquartier als erstaunlich resistent erwiesen. Das Ende ist vorerst aufgeschoben.


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Erstellt: 10.10.2019, 15:01 Uhr

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