Zweimal Augenlust

Mit einer splendiden Renaissance-Schau lanciert das Landesmuseum Zürich seinen Erweiterungsbau; drei Jahre dauerten die Vorarbeiten.

Renaissance-Ausstellung: Skizze von Leonardo da Vinci für ein Wandgemälde (Mitte). Fotos: Doris Fanconi

Renaissance-Ausstellung: Skizze von Leonardo da Vinci für ein Wandgemälde (Mitte). Fotos: Doris Fanconi

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Der neue Erweiterungsbau des Landesmuseums Zürich mit den markanten Bullaugen-Fenstern dürfte in nächster Zeit einiges an Volk anziehen. Auch ­wegen der spektakulären Ausstellungen, mit denen er eröffnet wird.

Zwei Schauen starten am 1. August, schon das am Vortag startende Volksfest bietet zudem Einblicke – und natürlich liess man sich für den Auftakt nicht lumpen. «Europa in der Renaissance. Metamorphosen 1400 bis 1600» führt Objekte aus ganz Europa, aber auch Amerika vor.

Archäologie-Ausstellung: Goldschale von Zürich-Altstetten, fast ein Kilo schwer, mindestens 3000 Jahre alt.

Ein Gemälde von Francesco d’Antonio etwa zeigt Christus als Heiler; uns Heutige fasziniert die Zentralperspektive, mit der der Tempel wiedergegeben ist. Die Preziose stammt aus dem Kunst­museum Philadelphia. Die Vorarbeiten für die Renaissance-Ausstellung hätten drei Jahre gedauert, so gestern die Verantwortlichen.

Auch kostbare Drucke, Buchseiten, Bücher sind zu sehen; etwa das Fragment einer Gutenberg-Bibel aus der Frühestzeit des Druckens mit beweglichen Lettern. Im Oktober wird es zur Halbzeit einen fliegenden Wechsel geben: Alte Bücher darf man nur auf begrenzte Zeit dem Licht aussetzen; manches wird dann durch Gleichwertiges ersetzt.

Prestigesache Archäologie

Ebenso splendid die neue Dauer­aus­stellung «Archäologie Schweiz» im Ober­geschoss. Die meisten Kantone machten es sich zur Prestigesache, Objekte beizusteuern, das ergibt eine Art Hitparade der Funde. Weiter hinten im Artikel mehr – doch vorerst dies: bestechend die Technik. Auf einer Art Schiene kann der Benutzer einen Scanner vor das Objekt hinter Glas bewegen, das ihn interessiert. Mit den Fingern wählt und vergrössert er und erkennt nun die Details.

Andere Gegenstände sind digital ergänzt und visualisiert. In einem Kasten steht ein geschwärzter Pfeiler aus dem Zürichsee. Nicht jede Fantasie ist gut genug informiert, sich den Rest dazuzudenken. Im Hintergrund lässt sich deswegen die ganze Pfahlbaueranlage samt ihren Menschen einblenden.

Sustris exportiert die Venus

Zurück zum Eingang des Neubaus. ­Geschickt dort die Dramaturgie der Museums­macher: Säulenteile aus Aventicum, dem römischen Avenches, machen den Anfang. Das passt zum Thema Archäologie unmittelbar. Was die Renaissance angeht, so lebte diese Phase der Erneuerung Europas wesentlich von der Wiederentdeckung der Antike. Die Relikte passen auch in dieser Hinsicht.

Apropos Renaissance: Eine Ausstellung kann nicht die ganze Epoche zeigen: zwei Kernjahrhunderte, viele Länder, Sphären wie Kunst, Handel, Juristentum, Handwerk, Medizin. Die Ausstellung fokussiert auf das Phänomen des Austauschs. Sie zeigt dazu einzelne Gegenstände, die beispielhaft stehen; nicht mit langen Texten arbeitet sie, sondern funktioniert optisch. «Wir setzen auf die Augenlust», sagt Professor Bernd Roeck, Frühneuzeitler an der Uni Zürich und einer der Kuratoren.

Austausch: Das Wort klingt abstrakt nur, solange man die Ausstellung nicht gesehen hat. Da ist etwa der Schweizer (oder süddeutsche) Kokosnusspokal vom Ende des 16. Jahrhunderts. Die ausgehöhlte Nuss selber spielt Trinkgefäss, zum Prunkpokal wird sie durch Fuss, Fassung und Deckel aus Kupfer und Gold. Zur Renaissance gehörte die Entdeckung Amerikas. Die Alte und die Neue Welt durchdrangen sich bald.

Antike Denker inspirierten die Renaissance. Unten rechts der bärtige Kopf eines Kyniker-Philosophen.

Erinnern wir uns an die Meerschweinchen, die der Zürcher Grossgelehrte Conrad Gessner hielt; ihm widmete das Landesmuseum früher im Jahr eine Ausstellung. Gessners «indianische Kaninchen» bezeugten schon im Zürich des 16. Jahrhunderts die beginnende Präsenz des neuen Kontinents.

Und gleich noch ein Beispiel für Austausch in der Renaissance: Die Venus des Lambert Sustris, eines Amsterdamers, der in der Werkstatt des grossen Tizian in Venedig arbeitete. Tizians ­Venus reiste durch Sustris nach Norden. Beide Gemälde im Vergleich: Die Parallelen sind frappant.

Die Renaissance, eine knisternde, farbige, wilde Zeit, deren Welten sich befruchten: Condottieri, Söldnerchefs wie Federico da Montefeltro, Herzog von ­Urbino, verdienen Riesensummen; oft fliesst das Geld in ihre Leidenschaften wie Malerei, Bildhauerei, Architektur. Auch da: Sphären, die des Krieges und die der Kunst, in Wechselwirkung.

Eine Trouvaille der Ausstellung, eine Abbildung, illustriert die Wissensgier der Renaissance. Das Bücherrad sieht aus wie ein Wasserrad, besitzt aber statt Schaufeln kleine Pultflächen. Auf jeder Fläche liegt ein Buch bereit. Der gelehrte Vielleser, der an der Schmalseite des Rades sitzt, kann per Drehung jederzeit neue Lektüre herbeidrehen. Sage noch einer, die Zapperei sei eine Erfindung unserer Gegenwart!

Teromui Kalui, Frühtessiner

Ruhiger, einheitlicher, klassischer geht es in der Archäologie-Ausstellung zu. Doch auch dort darf das Auge schwelgen. Unglaublich, wie viele gleichartige Harpunen, Pfeilspitzen, Werkzeuge einzelne Epochen der Vorzeit und Frühzeit hervorgebracht haben. Die reihende Anordnung lässt die Gegenstände und ihre Erschaffer noch planvoller erscheinen, primitiv war gar nichts, der Standard hoch. Fast denkt man angesichts der ebenmässigen Beile, dies könnte eine Ausstellungswand im Bau + Hobby sein.

An Spektakeln fehlt es nicht. Die berühmte Schale ist zu sehen, die vor 110 Jahren bei Eisenbahn-Bauarbeiten in Zürich-Altstetten ans Licht kam. Sie ist so gross wie ein Salatsieb, wiegt fast ein Kilo, ist mindestens 3000 Jahre alt und aus Gold. Unweit wartet die Kopie des Faustkeils von Pratteln; dies älteste bekannte Werkzeug der Schweiz ist mindestens 120'000 Jahre alt.

Ebenfalls ein Objekt, das allein den Besuch lohnt: die Grabstele aus Vira am Lago Maggiore. Sie ist eine Rarität, Sprachspezialisten kommen ins Schwärmen. Die Schrift auf ihr ist etruskisch, die Sprache Keltisch. Teromui Kalui hiess der verstorbene Frühtessiner.

Sehr schön auch eine Reliquiarschnalle. Wer ahnte überhaupt, dass es ein solches Accessoire gab? Es handelt sich um eine rechteckige Gürtelschnalle, die innen hohl ist. In ihr liess sich ein Stoffstück, das ein Heiliger berührt hatte, oder andere geheiligte Ware schonend und einigermassen diebstahlsicher transportieren.

Doch, die zwei neuen Ausstellungen verwöhnen das Auge und stimulieren den Intellekt. Amüsant und berührend im Kleinen sind sie und lehrreich in den grossen Linien. Eventuell hat man am Ende der Visite den neuen Erweiterungsbau glatt vergessen.


«Europa in der Renaissance. ­Metamorphosen 1400–1600». Bis 27. November. «Archäologie Schweiz»: ­Dauerausstellung.

Erstellt: 29.07.2016, 20:41 Uhr

Sonntag ab 18 Uhr

Fest für alle und offene Türen

Am Sonntagnachmittag feiern die Offiziellen den neuen Erweiterungsbau des Landesmuseums. Unter den geladenen

1000
Gästen sind Bundesrat Alain Berset sowie Zürichs Stadtpräsidentin Corine Mauch. Auch dabei: Regierungspräsident Mario Fehr und Markus Notter, Präsident des Museumsrates des Schweizerischen Nationalmuseums. Ab 18 Uhr dann gehört das Areal, alt und neu, dem gemeinen Volk. Die nächsten

26
Stunden, also auch den guten Teil des Nationalfeiertages, ist der Eintritt frei. Man kann im neuen Bistro oder Restaurant einkehren, man kann alle Gebäude, zum Beispiel auch das neue Studienzentrum, besichtigen oder eine der vielen Veranstaltungen besuchen.

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