Hier gibts Hilfe für Zürichs verzweifelte Patienten

Ist die Operation richtig? Im Café Med am Zähringerplatz beraten Mediziner Patienten.

«Wir hören zu und fragen nach»: Annina Hess, Christian Hess und Brida von Castelberg (v.l.) im Patientencafé am Zähringerplatz. Foto: Urs Jaudas

«Wir hören zu und fragen nach»: Annina Hess, Christian Hess und Brida von Castelberg (v.l.) im Patientencafé am Zähringerplatz. Foto: Urs Jaudas

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Der Mann ist erst 45 und leidet unter starken Schmerzen in der linken Hüfte. Der Hausarzt schickt ihn zum Orthopäden, welcher eine fortgeschrittene Arthrose diagnostiziert und eine Operation vorschlägt. Das sei heute keine grosse Sache mehr, künstliche Hüftgelenke liessen sich sogar minimalinvasiv einsetzen, danach könne er wieder schmerzfrei leben und unbeschwert Sport treiben. Das klingt wunderbar, findet der Mann. Doch ist es mit 45 nicht viel zu früh für ein künstliches Gelenk? Wie sieht das dann in 20 Jahren aus? Gibt es keine Alternative? Der Orthopäde gibt zwar Antworten, doch der Patient ist verunsichert: Der Chirurg favorisierte die Operation von Anfang an. Er hätte gern eine unabhängige Einschätzung.

Ebenso geht es einer 80-jährigen Frau, die jeden Tag zehn verschiedene Medikamente schluckt. Die haben sich über die Jahre angesammelt, sie hatte mal dies und mal das, und einige Leiden wie der Bluthochdruck und die Depression sind chronisch. Die Patientin ist mit der Einnahme überfordert und hat ein ungutes Gefühl. Und seit ihr langjähriger Hausarzt pensioniert wurde, fehlt ihr eine ärztliche Vertrauensperson.

Die Fälle sind aus dem Leben gegriffen. Heute, da die medizinischen Möglichkeiten riesig sind, fragt sich wohl jeder Patient und jede Patientin, welches die richtige Behandlung für sie ist. Das Internet hat die Situation nicht einfacher, sondern komplizierter gemacht.

Ohne Anmeldung

Jetzt gibt es Hilfe. Kostenlos, professionell und frei von finanziellen Interessen. Jeden zweiten Montag wird das Bistro Chez Marion am Zähringerplatz zum Café Med. Fachärzte und Psychologinnen stellen sich für Gespräche zur Verfügung. Jeweils zwischen 15 und 18 Uhr sind sie dort und beraten die Leute, die ohne Anmeldung kommen können. Das Lokal, das der Stadt gehört, wurde vor vier Jahren umgebaut zu einem stilvollen Café. Nachmittags sitzen meist nur wenige Gäste in dem luftigen Raum, der in mehrere Teile gegliedert ist. Eine Ecke ist etwas erhöht, sie ist mit Fauteuils und runden Tischchen möbliert. Dort soll die Beratung primär stattfinden.

«Wir stellen keine Diagnosen und verschreiben keine Medikamente. Wir helfen den Patientinnen und Patienten, sich zu entscheiden, indem wir ihnen zuhören und nachfragen.» So erklärt Psychotherapeutin Annina Hess das Konzept des Patientencafés. Sie hat zusammen mit dem Internisten Christian Hess und der Frauenärztin Brida von Castelberg das Projekt initiiert und trägt es massgeblich mit.

«Jedes Spital will viele Patienten haben, Indikationen werden forciert gestellt.»Annina Hess, Psychotherapeutin

Von Castelberg ist in Zürich bestens bekannt, sie leitete 20 Jahre lang die Frauenklinik am Triemli (früher Maternité). Das Ehepaar Hess machte sich einen Namen im Spital Affoltern, wo es unter dem Begriff «Menschenmedizin» einen ganzheitlichen Behandlungsansatz pflegte, der neben den medizinischen auch seelische und geistige Aspekte einbezieht. Das Paar gründete 2009 den Verein Akademie Menschenmedizin, der sich kritisch mit der Entwicklung des Schweizer Gesundheitswesens auseinandersetzt. Von Castelberg ist dort im Beirat.

Die drei gehören zu den schärfsten Gegnern der neuen Spitalfinanzierung mit Fallpauschalen, die vor fünf Jahren eingeführt wurde. Heute sehen sie sich in ihren Befürchtungen bestätigt. Annina Hess: «Jedes Spital will viele Patienten haben, Indikationen werden forciert gestellt.» Die Akademie Menschenmedizin übt aber nicht bloss Kritik, sondern bemüht sich um Verbesserungen. Deshalb das Café Med. Patienten sollen gut informiert sein, damit sie sich keine Behandlung aufschwatzen lassen, die sie nicht wirklich wollen. Die in Studien verwendeten relativen Zahlen würden oft einen falschen Eindruck vom Nutzen einer Therapie erwecken, stellt Christian Hess fest. «Da können wir helfen, indem wir ausdeutschen, wie gross die Risiken und die Chancen wirklich sind.» Was für den einzelnen Patienten am besten ist, versuchen die Fachleute durch Fragen herauszufinden: «Welche Erwartungen haben Sie? Was ist Ihr persönliches Therapieziel?» Annina und Christian Hess betonen aber: «Wir sind keine Medizinverhinderer.» Ziel sei eine menschengerechte Medizin. Das könne auch bedeuten, jemanden zu einer Therapie zu ermutigen.

Namhafte Fachleute

Im Patientencafé werden jeweils mindestens drei Fachgebiete vertreten sein; diese werden im Voraus bekannt gegeben. Den Initiantinnen ist es gelungen, namhafte, erfahrene Ärzte zum Mitmachen zu motivieren. Darunter die ehemaligen Unispital-Chefärzte Erich Russi (Pneumologie) und Giatgen Spinas (Diabetologie).

Die Berater sind selber nicht mehr oder nur noch mit kleinen Pensen berufstätig, sodass sie möglichst unabhängig sind. Ihre Arbeit im Café ist ehrenamtlich, und sie dürfen Patienten weder sich selber noch gegenseitig oder an andere Kollegen zuweisen. Sie führen aber eine Liste mit ausgewählten Fachpersonen, welche sie nach Bedarf für eine Zweitmeinung empfehlen.

Das Projektteam hat das Konzept selber entwickelt und mithilfe der Stadt ein Lokal gefunden. Nun lässt es sich überraschen. Auch Gesundheitsangestellte, die mit ihren Anliegen betriebsintern nicht weiterkommen, finden ein offenes Ohr. Stellen die Beraterinnen fest, dass Probleme gehäuft auftreten, bringen sie diese in die politische Diskussion.

www.menschenmedizin.com

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.07.2017, 22:20 Uhr

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