Zwingli hebt ab

Heute Nachmittag ist Zwingli vom Sockel gestiegen, weil er leibhaftig am Züri-Fäscht teilnehmen will. Nach dem Fest treibt er es aber noch bunter.

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Majestätisch, den Blick in die Ferne gerichtet, sich auf sein Schwert stützend. So steht der Zürcher Reformator Ulrich Zwingli vor der Wasserkirche auf dem Sockel. – So stand er auf dem Sockel. Denn gerade eben schwebt er wie ein Yogi etwa siebzig Zentimeter über Boden.

Die reformierte Kirche des Kantons und der Stadt Zürich haben sich zum Ziel gesetzt, Zwingli, dem der Ruf anhaftet, etwas griesgrämig zu sein, aus Anlass des 500-Jahr-Jubiläums unter die Leute zu bringen. Deshalb holen sie ihn von seinem hohen Sockel. So kann man ihm am Festwochenende auf Augenhöhe begegnen und – das gilt es schliesslich zu dokumentieren – ein Selfie mit ihm schiessen.

Lasst uns fröhlich sein

Es dauert allerdings eine Weile, bis der Reformator wirklich bodenständig ist, denn zuerst muss die 800 Kilo schwere Bronze-Statue so mit Klötzchen unterlegt und auf der Bodenplatte verschraubt werden, dass Zwingli auch dann nicht kippt, sollte er einen über den Durst trinken.

Ausgelassen feiern ist nämlich durchaus in seinem Sinn, so hat er einst nicht nur gesagt: «Tut um Gottes Willen etwas Tapferes», sondern auch, frei zitiert, «Lasst uns fröhlich sein.» Genau diesen Leitspruch stellte Kirchenrat Andrea Marco Bianca bei der heutigen «Aufrichte» in den Vordergrund.

Damit das einfach vonstatten geht, wird gleich neben dem Denkmal eine Zwinglibar Zwinglibier ausschenken und Würste verkaufen. Für Würste, das wissen wir aus der Geschichte, hatte Zwingli von jeher eine Schwäche. Das Wurstessen während der Fastenzeit war das eigentliche Fanal der Zürcher Reformation.

Danach sieht er doppelt

Nach dem Fest ist für Zwingli aber auch vor dem Fest. So wird ein Polyester-Duplikat von ihm an der 1.-August-Feier am Bürkliplatz teilnehmen. Dieses ist Ende Juni als Rohling in Zürich angekommen und derzeit von Mitgliedern des Jugendtreffs Grossmünster schön bunt gemacht. Er wird zum Klima-Zwingli.

Hauptredner an der Zürcher Bundesfeier wird übrigens Grossmünster-Pfarrer Christoph Sigrist sein, der die damit startende Aktion ins Leben rief.

Rohling der ersten der 15 Zwingli-Polyesterfiguren, die in einer Fabrik in Deutschland hergestellt wurden. Bild: PD

Denn der Auftritt des Klima-Zwinglis ist der Anfang einer richtigen Charme-Offensive des Reformators. Zwölf Zwinglis werden im Laufe der zweiten Jahreshälfte nach und nach in den Stadtzürcher Quartieren erscheinen und zu «Stadtgsprööch» einladen.

Dabei will Zwingli ein offenes Ohr für die Bevölkerung haben und erfahren, wo es den Menschen dieser Stadt den Hut lupft ... So wie es dem diesjährigen Sechseläutenböögg den Zwingli-Schlapphut lupfte.

Der Reformator hat Rost angesetzt

Das erste dieser «Stadtgsprööch» wird am 23. August in der Wasserkirche stattfinden. Dann steht also ein Polyester-Zwingli zu Füssen des Bronze-Zwingli, der wieder seinen Platz auf dem Sockel eingenommen hat.

Es sei denn, der Bronze-Zwingli habe sich aus dem Staub gemacht, was durchaus sein könnte. Als nämlich die Verantwortlichen ihm beim Hochheben unter den Talar guckten, stellten sie fest, dass der Reformator Rost angesetzt hat. Kann sein, dass er gleich nach dem Fest in die Werkstatt einer Restauratorin oder eines Restaurators verschwindet.

Kein Problem. Es schauen ja zwölf andere Zwinglis in seiner Stadt zum Rechten.

Freitag ab 17 Uhr, www.zwinglibar.ch; www.zwinglistadt.ch

Erstellt: 03.07.2019, 16:50 Uhr

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