Zwinglis Zürich wird zur Stadt der Gottlosen

Über ein Drittel der Stadtzürcher gehört keiner Religion mehr an. Es dürften noch mehr werden.

Zwinglis Religon hat nicht mehr die grosse Bedeutung von einst. Foto: Dors Fanconi

Zwinglis Religon hat nicht mehr die grosse Bedeutung von einst. Foto: Dors Fanconi

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Ein Film über Huldrych Zwingli dominiert gerade die Kinocharts, zum 500-Jahr-Jubiläum wird viel berichtet über die Zürcher Reformation. Doch dieses Hoch täuscht. In Wirklichkeit hat sich die Stadt Zürich weit entfernt von Zwinglis Erbe.

34 Prozent der Zürcherinnen und Zürcher bezeichnen sich selber als konfessionslos. So viel wie noch nie. Das hat eine neue Auswertung von Statistik Stadt Zürich ergeben. Gleichzeitig geht der Anteil der Evangelisch-Reformierten (22 Prozent) und der Römisch-Katholischen (28 Prozent) weiter zurück. Die Gruppen der Musliminnen (6 Prozent) und der Christlich-Orthodoxen (4 Prozent) sind in den 20 Jahren fast gleich gross geblieben.

Bis 1850 war Zürich eine fast rein reformierte Stadt. Doch der wirtschaftliche Erfolg lockte Zuzüger aus katholischen Gebieten. Die Katholiken wurden mehr, zu Beginn der 90er-Jahre übertraf ihre Anzahl jene der Reformierten.

Der Siegeszug der Konfessionslosen startete 1970. Seither geht es steil bergauf, 2012 überholten sie anteilsmässig die Katholikinnen. Nun bilden sie die weitaus grösste Gruppe. In der ganzen Schweiz liegt ihr Anteil bei 22 Prozent. Zwinglis Zürich ist zur Hauptstadt der Kirchenmuffel geworden.

Die Entwicklung kristallisiert sich im Escher-Wyss-Quartier. Dieses erreicht mit rund der Hälfte den höchsten städtischen Anteil an Konfessionslosen. In den Neubauten von Zürich-West leben viele jüngere, gut ausgebildete Menschen, die viel verdienen. Oft handelt es sich auch um Expats. Unter all diesen Gruppen liegt die Zahl der Konfessionslosen besonders hoch.

Noch weniger Nachwuchs

Früher sei man davon ausgegangen, dass den Landeskirchen die Mitglieder «wegsterben», sagt Klemens Rosin von Statistik Stadt Zürich. Dies treffe nicht zu. Es gebe drei andere Hauptgründe dafür, dass sich die Konfessionslosen auf Kosten der Landeskirchen ausbreiten.

1. Konfessionslose Frauen gebären mehr Kinder als reformierte oder katholische Frauen.

2. Es wandern mehr Konfessionslose ein als Religiöse. Unter den Expats aus den USA, Grossbritannien oder Frankreich liegt die Quote der Konfessionslosen gar bei über zwei Dritteln.

3. Pro Jahr verlassen etwa 6 von 1000 Zürcherinnen eine der Landeskirchen, am häufigsten tun dies die 25- bis 39-Jährigen. Die Jüngeren geben als Grund an, dass sie gar nie einen Glauben hatten. Ältere Menschen, die austreten, tun dies eher, weil sie die Stellungnahmen der Religionsgemeinschaften ablehnen.

Die Gruppe der Konfessionslosen dürfte weiterhin grösser werden, sagt Klemens Rosin. «Vor allem bei den Reformierten kommen nur wenige Junge nach.» Ähnlich sieht dies Rafael Walthert, Assistenzprofessor für Religionswissenschaften an der Universität Zürich. Gerade wachse eine Generation heran, deren Eltern bereits nicht mehr einer Religion angehörten. «Das führt zu einer Distanz gegenüber den Landeskirchen, die man sich vor ein paar Jahrzehnten kaum vorstellen konnte.»

Keine Verpflichtungen

Konfessionslose seien aber nicht zwingend Atheisten, sagt Walthert. Viele von ihnen beschäftigten sich mit alternativen religiösen Vorstellungen wie Reinkarnation; sie meditierten oder machten Yoga. «In der Spiritualität probiert man aus, macht das, was gerade passt.» Die Zugehörigkeit zur Landeskirche werde dagegen mit einem Katalog von Überzeugungen verbunden, den man als Ganzes übernehmen müsse. Einen solchen umfassenden Anspruch lehnten die Konfessionslosen ab. «Sie wählen lieber selber.»

Das Schrumpfen der Landeskirchen bewirke bisher keinen Bedeutungsverlust, sagt Rafael Walthert. «Als moralisch-ethische Instanz haben sie ein hohes Ansehen behalten.»

Erstellt: 29.01.2019, 21:42 Uhr

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