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Statt fünf Jahre im Zuchthaus verbringt sie zehn Jahre in der Psychiatrie

Stationäre Massnahme anstelle einer Freiheitsstrafe: Dies hat für Betroffene einschneidende Folgen, wie das Beispiel einer Frau zeigt.

Von Thomas Hasler Vor wenigen Wochen feierte die Frau ihren 50. Geburtstag. Sie tat dies in der geschlossenen Massnahmestation des Psychiatriezentrums Rheinau. Denn das Geschworenengericht hat ihre fünfjährige Zuchthausstrafe im Jahre 2006 zugunsten einer stationären Massnahme aufgeschoben. Hätte sie die Freiheitsstrafe verbüssen können, wäre sie – den Normalfall vorausgesetzt – schon im Juli 2007 aus der Haft entlassen worden. Indirekte Berühmtheit erlangt Die Frau erlangte indirekte Berühmtheit, weil ihretwegen der bekannte Psychoanalytiker Emilio Modena wegen fahrlässiger schwerer Körperverletzung angeklagt wurde. Nachdem das Bundesgericht gleich zweimal das Urteil aufgehoben hat, liegt der Fall Modena jetzt zum dritten Mal beim Obergericht. Der Frau, einer Sportschützin, waren von der Polizei zwei Waffen abgenommen worden, weil sie eines der Schiessgeräte auf ihren damaligen Freund gerichtet hatte. Modena stellte der Frau nach einem einstündigen psychoanalytischen Erstgespräch eine Unbedenklichkeitserklärung aus, worauf sie die Waffen zurückerhielt. Vier Monate später besuchte die Frau ihren Ex-Freund, um sich von ihm zu verabschieden. Sie wolle sich erschiessen. Als der Mann sie beim Hinausgehen fragte, weshalb sie die Hand in ihrer Handtasche habe, zog sie eine jener durchgeladenen Pistolen hervor, die sie dank dem Schreiben des Psychoanalytikers zurückerhalten hatte. Den Finger am Abzug, zielte sie auf die Brust des Ex-Freundes. Dieser schlug ihr reflexartig auf die Hand. Es löste sich ein Schuss, der seinen Bauch traf. Dank einer sofortigen Notoperation überlebte er.Die Coiffeuse wurde wegen eventualvorsätzlich versuchter Tötung mit fünf Jahren Zuchthaus bestraft. Aufgrund einer festgestellten Persönlichkeitsstörung vom Borderline-Typus wurde die Strafe zugunsten einer stationären Therapie aufgeschoben. Diese andere Form des Freiheitsentzugs beträgt laut Gesetz «in der Regel höchstens fünf Jahre». Diese Frist lief vor kurzem ab. Deshalb musste das Bezirksgericht Bülach gestern Mittwoch entscheiden, ob die Frau, die inzwischen seit sieben Jahren eingeschlossen ist, weiterhin in der Klinik bleiben muss. Das Amt für Justizvollzug hatte eine Verlängerung der Massnahme um weitere fünf Jahre beantragt. Weitere drei Jahre in der Klinik Es war unbestritten, dass die Frau in der Aufarbeitung ihrer psychischen Probleme «substanzielle Fortschritte und Erfolge erzielt» hat, wie ihr Verteidiger feststellte. Doch erhöhten Stressanforderungen sei sie noch zu wenig gewachsen. «Es wäre nicht gut, wenn wir Sie jetzt entlassen. Das könnte noch zu gefährlichen Situationen führen», meinte der Gerichtsvorsitzende. Das Gericht folgte dem Verteidiger, der mit Zustimmung der Frau eine Verlängerung der Massnahme um weitere drei Jahren beantragte. «Danke vielmal», sagte die Frau. Die Behandlung sei «auf gutem Weg», sie gebe sich aber auch «alle Mühe». In drei Jahren wird sie zehn Jahre ihres Lebens der Freiheit beraubt gewesen sein. Trotzdem freut sie sich auf die folgende Zeit. «Es geht mir heute auf alle Fälle viel besser.»

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