Zum Hauptinhalt springen

Statt im Baur au Lac sitzt Polanski jetzt in der Zelle

Das Zürcher Filmfestival wurde zu Polanskis Verhängnis: Als die US-Behörden vom geplanten Auftritt des Regisseurs erfuhren, forderten sie von der Schweiz formell dessen Verhaftung.

Zürich. - Das Empfangskomitee wartete vergebens: Nadja Schildknecht und Karl Spoerri, die Leiter des Zürcher Filmfestivals, sowie der Fotograf Otto Weisser wollten Roman Polanski am Samstagabend am Flughafen Zürich-Kloten empfangen. Geplant war ein Nachtessen in der Kronenhalle. «Ich konnte mit Polanski nach der Landung noch kurz telefonieren. Er freute sich wie ein Kind auf Zürich», sagte Polanskis langjähriger Freund Weisser dem TA. Der Regisseur war von Paris herkommend über Wien nach Zürich geflogen. «Laut seinem Anwalt hat ihn die Verhaftung wie ein Blitz getroffen. Doch den Humor habe er trotzdem nicht verloren», sagte Weisser.

Jedenfalls hiess es für den Starregisseur: Zelle in einem Zürcher Gefängnis und Knastmenü - statt Bratwurst mit Rösti in der Kronenhalle und Übernachtung im Baur au Lac. Dort ist gestern Abend Polanskis Frau, die Schauspielerin Emmanuelle Seigner, eingetroffen. Sie vermied jeden Kontakt mit der Presse.

Noch im Frühling war Polanski unbehelligt durch Europa gereist. Er weilte für Filmaufnahmen in Berlin, und die deutschen Behörden unternahmen nichts - obwohl seit 2005 ein internationaler Haftbefehl gegen ihn vorlag. Möglicherweise übten auch die US-Behörden keinen besonderen Druck aus, denn sie hatten Polanski einen Deal vorgeschlagen: Sollte er bis zum 7. Mai vor einem Gericht in Los Angeles erscheinen, würde sein Antrag auf Verjährung behandelt. Polanski erschien jedoch nicht, der Antrag wurde abgelehnt - und die US-Fahnder bliesen definitiv zur Jagd auf den 76-Jährigen.

«Das Recht muss man vollziehen»

Als die US-Behörden von Polanskis Besuch in Zürich erfuhren, handelten sie. «Das US-Justizdepartement hat im Vorfeld des Zürcher Filmfestivals einen formellen Antrag auf Verhaftung von Herrn Polanski gestellt», sagte Brigitte Hauser, Informationschefin des Justizdepartements. Und Justizministerin Eveline Widmer-Schlumpf erklärte am Rande einer Medienkonferenz zum Abstimmungssonntag: «Es gab keine andere Möglichkeit. Das Recht muss man vollziehen. Bei jedem anderen Bürger wäre auch klar, dass man ihn ausliefert.»

Hier gehe es um einen Straftatbestand, der «nicht einfach ein Kavaliersdelikt ist». Polanski werde ein Vergehen vorgeworfen, das nun auch in der Schweiz unverjährbar sei. Auf politischer Ebene sei der Fall nie ein Thema gewesen. «Das ist eine rein juristische Frage. Da hat die Politik zu Recht nichts zu sagen», betonte Widmer-Schlumpf.

Die USA haben nun maximal 60 Tage Zeit, ein definitives Auslieferungsgesuch zu stellen. Falls Polanski einem vereinfachten Verfahren zustimmt, könnte er bereits in wenigen Tagen an die USA ausgeliefert werden. Er kann jedoch den Haftbefehl und einen Auslieferungsentscheid bis vor Bundesgericht anfechten. Polanskis französischer Anwalt Georges Kiejman hat bereits angekündigt, gegen die Festnahme Widerspruch einzulegen. Kiejman ist ein Spezialist für spektakuläre Fälle: Er führte die Scheidung von Cécilia und Nicolas Sarkozy durch und vertrat die Familie der Schauspielerin Marie Trintignant im Prozess gegen den Rocksänger Bertrand Cantat, der seine Geliebte im Drogenrausch erschlagen hatte.

Wenig wahrscheinlich ist, dass Polanski gegen Kaution auf freien Fuss gesetzt wird. «Das ist theoretisch möglich, kommt bei einer Auslieferungshaft jedoch nur in absoluten Ausnahmefällen vor», sagt Guido Balmer vom Bundesamt für Justiz. Weshalb Polanski nicht bereits bei einer früheren Einreise verhaftet worden war - der Regisseur hielt sich regelmässig in seinem Chalet in Gstaad auf - begründete Balmer so: «In der Regel wissen wir nicht, wann gesuchte Personen einreisen. Diesmal wussten wir es genau.»

Einfluss der Verjährungsinitiative?

Eine möglicher Grund für Polanskis Verhaftung könnte auch der Trend sein, ältere Fälle von Kindsmissbrauch wieder zu ahnden - dies im Zusammenhang mit dem Schengen-Abkommen und mit internationalen Rechtshilfeabkommen. Dies vermutet ein auf Rechtshilfe spezialisierter Jurist. Auch in der Schweiz sei mit der Annahme der Verjährungsinitiative 2008 für solche Delikte die Verjährung abgeschafft worden. Der Jurist ist überzeugt, dass im Fall Polanski der sogenannte Ordre-public-Vorbehalt nicht mehr zum Tragen gekommen ist. Der Vorbehalt beinhaltet, dass ausländische Entscheide nicht vollstreckt werden, wenn sie wesentlichen Grundsätzen des inländischen Rechts widersprechen. Das heisst, vermutlich wäre Polanski in der Vergangenheit in der Schweiz nicht verhaftet worden, weil die Tat hier schon längstens verjährt ist. Doch die Verjährungsinitiative und die Verschärfung des neuen Strafgesetzbuches (Polanskis Delikt würde heute auch in der Schweiz international ausgeschrieben), könnte Polanski zum Verhängnis geworden sein.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch