SVP Zürich nominiert Heer als Rösti-Nachfolger – Matter sagt ab

Der Stadtzürcher Nationalrat soll Präsident der SVP Schweiz werden. Hauptfrage: Nützt oder schadet ihm seine Blocher-kritische Haltung?

Nationalrat und Kleinunternehmer Alfred Heer: Mit seiner eher unkonventionnellen Persönlichkeit steht er nicht zuvorderst in der Gunst der SVP-Parteileitung. Foto: Dominique Meienberg

Nationalrat und Kleinunternehmer Alfred Heer: Mit seiner eher unkonventionnellen Persönlichkeit steht er nicht zuvorderst in der Gunst der SVP-Parteileitung. Foto: Dominique Meienberg

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Das fünfköpfige Büro der kantonalen Parteileitung hat heute den 58-jährigen Nationalrat und Kleinunternehmer Alfred Heer als Kandidaten fürs Schweizer Parteipräsidium nominiert. Heer ist der erste, der offiziell seine Ambitionen anmeldet. Noch nicht klar geäussert haben sich weitere Papabili wie der Berner Werner Salzmann oder der 39-jährige Schwyzer Landwirt Marcel Dettling. Der ebenfalls oft genannte Zürcher Banker und Nationalrat Thomas Matter hat sich unterdessen entschieden, nicht anzutreten.

Für den neuen Zürcher Parteipräsidenten Benjamin Fischer wäre Heer «schlicht der Beste». Für ihn spreche seine Erfahrung – Heer war sieben Jahre lang Präsident der kantonalen Zürcher SVP. Zudem ist er Mitglied der Schweizer Delegation im Europarat, 2016 bis 2018 gar deren Präsident, und spricht sehr gut Französisch und Italienisch. Als Kleinunternehmer im IT-Bereich kann sich Heer überdies die Zeit nehmen für das Amt; allerdings müsste er wohl den Europarat aufgeben. Sein europäisches Engagement passt eh nicht allen in der SVP.

Während Heers Zürcher Präsidium sei die Kantonalpartei «bestens aufgestellt» gewesen, schreibt die Parteileitung. Um die SVP Schweiz in die Zukunft zu führen, brauche es nun einen guten Kommunikator, der es verstehe, die Partei hinter sich zu scharen, «ein Macher, der die Reihen schliesst». Alfred Heer erfülle sämtliche Voraussetzungen, um die Partei zum Erfolg zu bringen, heisst es im Mediencommuniqué.

Heer ist nicht Kronfavorit der Parteispitze

Alfred «Fredy» Heer als eher unkonventionelle Persönlichkeit steht gemäss Einschätzung vieler Parteimitglieder nicht zuvorderst in der Gunst der Parteileitung. Christoph Blocher will offenbar vor allem einen «Organisator» als neuen Parteipräsidenten. Das wäre kaum Heers Kernkompetenz.

Heer äussert sich zudem immer wieder kritisch gegenüber Blocher. So konterte er letzte Woche im «Blick» die Feststellung Blochers, die SVP sei ein «Sanierungsfall». Es bringe nichts, mit solchen Sprüchen die Leute aufzuschrecken. «Wer will sich schon für einen Sanierungsfall engagieren?» Heer will parteiintern auf Ausgleich setzen, «und nicht einfach unsere Leute zusammenstauchen». Gerade in der Westschweiz habe niemand auf einen «Einpeitscher aus Zürich» gewartet.

Der Mann der Basis

Die Frage ist, wie viel Christoph Blocher noch zu sagen hat – oder eher seine Tochter Magdalena Martullo? Was für Heer spricht: Entschieden wird die Präsidentenwahl im März an einer öffentlichen Delegiertenversammlung und nicht in Blochers Sitzungszimmer. Und an der Basis kommt Heer sehr gut an; bei den Nationalratswahlen erzielte er das drittbeste Resultat. Bis es so weit ist, muss eine Findungskommission unter alt Nationalrat Caspar Baader das Kandidatenfeld sichten, Vorschläge machen und allenfalls unwillige Kandidatinnen oder Kandidaten überreden.

Dass Heer im innersten Führungszirkel der SVP nicht im Vordergrund steht, zeigen auch Äusserungen, die Nationalrat Roger Köppel in seiner «Weltwoche» machte. «So viel Blindflug war selten» schreibt Köppel zur Präsidentensuche. «Wer wird mit, wer wird unter Martullo der neue Chef, die neue Chefin?», fragt Köppel unverblümt. Zu seinem Zürcher Kollegen Alfred Heer sagt Köppel in einem «Weltwoche»-Video: «Heer kommt bei den linken Medien mit seiner blocherkritischen Haltung gut an.» Das ist alles andere als eine Wahlempfehlung.

Auch «für die kleinen Leute» schauen

So hatte Heer 2015 die SVP nach den Wahlen kritisiert, die Partei habe sich im Wahlkampf zu stark aufs Flüchtlingsthema konzentriert. Auch gegenüber dem «Blick» äusserte sich Heer letzte Woche sehr unabhängig und mit deutlichen Spitzen an die Millionarios in der Partei: Die SVP müsse auch für die kleinen Leute schauen – «auch Sozialfälle und Secondos sollen SVP wählen, eine Stimme ist eine Stimme, egal von wem». Heer fordert zudem eine breitere SVP, die auch in den Themenbereichen Altersvorsorge und Gesundheitswesen vorangehe.

Matter sagt ab

Die Parteileitung der SVP Schweiz hat entschieden, über den Findungsprozess nicht öffentlich zu kommunizieren. Die Frage, wer die SVP Schweiz in den nächsten Jahren führen soll, «wird in den Parteigremien entschieden und nicht in den Redaktionen der schweizerischen Medienhäuser», schreibt die Zürcher SVP. Über weitere Zürcher Kandidaturen werde man deshalb nicht öffentlich diskutieren.

Gemeint war wohl vor allem Thomas Matter. Dieser hat am Dienstag gegenüber SRF erklärt, dass er nicht zur Verfügung stünde. Er gehe davon aus, dass ein Präsidium der grössten Partei im Land ein vollamtlicher Job ist. Das liege bei seinen anderen Verpflichtungen – nicht zuletzt als Familienvater mit vier Töchtern – nicht drin, so Matter.

Bleibt die Frage, weshalb dann Alfred Heers Kandidatur öffentlich angekündigt wird? Das dürfte mit Heers Charakter zusammenhängen, kein Federlesens zu machen und seine Ambitionen deutlich anzumelden. Es wäre aber auch nicht das erste Mal, dass Heer sich wieder zurückzieht. Das war 2017 der Fall, als er kurz vor der Wahl ums SVP-Fraktionspräsidium gegen Thomas Aeschi überraschend verzichtete.

Erstellt: 28.01.2020, 13:47 Uhr

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