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Teddybären als tapfere Gipfelstürmer

Nüchterne Geister schütteln den Kopf, doch Liebhabern des Teddybärs erfüllt Alex Issler einen Herzenswunsch. Er führt ihr Kuscheltier für 200 Franken aufs Matterhorn.

Noch hat die Geschäftsidee der Hobbybergsteiger Alexander Issler (36) und Karen Wagner (39) nicht derart eingeschlagen, dass ihnen Besitzer von Kuscheltieren die Tür einrennen. Doch wer seinem Teddybären oder Stoffschaf ein erhebendes Erlebnis verschaffen und damit einen Weichteil seiner Seele stellvertretend auf einen Viertausender schicken will, kann das seit 2007 tun: Für ein bescheidenes Reisegeld von 200 Franken nehmen die beiden in Pfäffikon SZ lebenden Deutschen ein Kuscheltier zum Beispiel aufs Matterhorn mit. Auch Montblanc, Eiger, Piz Palü oder den österreichischen Grossglockner hatten sie schon im Angebot. Und im Oktober steht eine Exkursion auf den 6187 Meter hohen Island Peak im Himalaja auf dem Programm.

Zusammen mit einem 30-seitigen Tagebuch voller Fotos vom alpinistischen Abenteuer kehrt der intime Freund, der vielleicht Schnügerli oder Dolly heissen mag, nach dem Gipfelsturm postalisch zu seinem Besitzer zurück. Zu Hause darf er sich auf seinem Thron im Büchergestell fortan rühmen, wie der Erstbesteiger Edward Whymper 1865 auf dem berühmten Schweizer Vorzeigeberg gewesen zu sein. Das Reisetagebuch entspricht dem märchenhaften Abenteuer: Es spricht jeweils in kindlicher Sprache der Teddybär in der Ich-Person, die selber geklettert ist und aktiver Teil einer Seilschaft war.

Das Bergsteigerpaar teilt die Wohnung in Pfäffikon mit einigen Stofftieren, darunter einem Wolf. Isslers eigener Teddybär aus der Kindheit ist verschollen. Öfter auf Bergtouren dabei ist aber Karen Wagners Knut - ein unentwegt lächelnder, gelenkiger Teddy mit gelbem Pelz. «Die Leute, denen wir in den Alpen begegnen, lächeln immer zurück, wenn sie ihn aus meinem Rucksack strahlen sehen», sagt Wagner. «Der Anblick rührt sie irgendwie an.»

Nie kalte Füsse

Die Skepsis unromantischer Gemüter, die mit solchem «Kindheitskitsch» nichts anzufangen wissen, können die beiden Bergsteiger nachvollziehen. Bierernst zum Thema liegt ihnen fern - etwa wenn sie ironisch herausstreichen, dass die Kuscheltiere pflegeleicht und immer guter Laune seien. Sie kriegen auch bei Minustemperaturen nie kalte Füsse. Doch auch die emotionale Bindung von Kunden, die an ihren Teddybären hängen wie an langjährigen Lebensgefährten, ist ihnen nicht fremd. «Viele Leute, die von unserem Angebot erfahren haben, hatten Hemmungen zu sagen, dass auch sie den Teddybär ihrer Kindheit noch auf dem Sofa liegen haben», sagt Alex Issler. Doch es seien mehr, als man denke.

Auf die Idee kam das Paar durch den französischen Film «Die fabelhafte Welt der Amélie». Darin schickt die schüchterne Kellnerin, die Menschen glücklich machen will, den Gartenzwerg ihres Vaters auf Reisen rund um die Welt. Und die Firma Happy-Teddy-Tours bietet für Kuscheltiere Städte- und Rundreisen in ganz Deutschland an - Album mit Erinnerungsfotos inbegriffen.

Vielleicht lags am Bergführertarif, dass das Geschäft des Wirtschaftsingenieurs Alex Issler und der selbstständigen Biotech-Beraterin Karen Wagner noch nicht in Schwung gekommen ist: 349 Euro betrug der Fixpreis etwa für die Teddyreise auf die höchsten Alpengipfel. Für rund zweimal so viel kann sich ein Mensch von einem Zermatter Bergführer direkt aufs Matterhorn ziehen lassen. Darum haben sie den Tarif jetzt auf 200 Franken reduziert, auch wenn sie betonen, dass der Aufwand für die Fotosessions mit Aus- und Wiedereinpacken beträchtlich sei. Auf dem Gipfel müssen sie die Stofftierchen an windigen Tagen mit Rebschnüren sichern, damit sie nicht weggeweht würden. Aufgeben wollen die beiden trotz des zähen Geschäftsgangs jedenfalls nicht - eher das Marketing verstärken, etwa in Japan und bei den bergverrückten Engländern. Issler träumt zudem davon, einen Uhrenhersteller davon zu überzeugen, dass sich Chronometer mit Gipfelerfahrung besonders gut verkaufen liessen.

Issler und Wagner, ursprünglich aus Stuttgart und München, hatten sich beim Klettern kennen gelernt, sind verheiratet und leben seit 2004 in der Schweiz. Beide sind Fachübungsleiter - das deutsche Pendant zum schweizerischen SAC-Tourenleiter - und ein bisschen stolz auf ihre «Führungserfahrung». Ein Teddybär ist bei ihnen in sicheren Händen. Issler hat schon die Matterhorn-Nordwand, den Walker Pfeiler in den Grandes Jorasses und im Winter den Bumiller Pfeiler am Palü bewältigt, wo sich sein Kletterkollege bei minus 25 Grad die Finger abfror. www.teddytothetop.ch

Alexander Issler im Juli 2009 auf dem Matterhorn - begleitet von einer triumphierenden Seilschaft von Kuscheltieren.

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