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Titel (Max. 2-zeilig) Wie der «Hexer» die Schweiz kennen und schätzen lernte

Unterzeile (Max. 2-zeilig) Dies ist der Artikeltext. Er wiederholt sich jetzt mehrfach. Ein Weiterlesen ist nicht erforderlich. José Manuel Ramos spielt im Prozess gegen den ehemaligen Banker Oskar Holenweger eine Hauptrolle.

Von Monica Fahmy Die wichtigsten Akten fehlen im Prozess gegen den ehemaligen Privatbankier Oskar Holenweger: die Akten über den Einsatz von José Manuel Ramos, einem in den USA mehrfach verurteilten Drogenboss und ehemaligen Informanten der Bundesanwaltschaft. Ohne die Anschuldigung von Ramos, Holenweger wasche Geld für kolumbianische Drogenkartelle – eine Behauptung, von der heute sogar die Anklage Abstand nimmt – gäbe es keinen Fall Holenweger. José Manuel Ramos, alias Jairo Aramburo Sandoval, genannt «el Brujo», der Hexer, war in den 1980er-Jahren Kopf eines Drogenrings in Houston, Texas. Der Kolumbianer arbeitete da für das Medellín-Kartell und galt als Pablo Escobars Vertrauensperson in den USA, wie aus mexikanischen Ermittlungsprotokollen hervorgeht, die dem «Tages-Anzeiger» vorliegen. Es sind Zeugenaussagen aus dem Fall Raul Salinas, dem Ermittlungsverfahren der Bundesanwaltschaft gegen den Bruder des ehemaligen mexikanischen Präsidenten Carlos Salinas. Davon später mehr. Geld in der Waschmaschine Am 1. Mai 1990 ging die Houstoner Polizei Hinweisen über das Drogenmilieu nach und stiess dabei in einem Lager auf Fotos von Ramos. In zwei Wohnungen fand die Polizei gefälschte Pässe, der Kolumbianer soll davon mindestens zehn besessen haben. In der Wohnung von Ramos und seiner damaligen Frau Luz Estrella Salazar, die sich heute in einem Zeugenschutzprogramm in den USA befindet, fanden die Ermittler eine Geldzählmaschine, eine kugelsichere Weste und 1,2 Millionen US-Dollar in Bündeln in einer Waschmaschine, einem Safe und einem Schrank versteckt. Dies geht aus US-Gerichtsakten hervor. In einem Buchhaltungsheft mit Ramos’ Fingerabdrücken standen ferner Aufzeichnungen über den Verkauf von 301 Kilo Kokain für 5 Millionen US-Dollar. Am 16. Januar 1991 wurde «el Brujo» in Houston, Texas, zu zweimal lebenslänglicher Haft verurteilt. Der Gefangene mit der Nummer 54788-079 sass eine Zeit lang im Hochsicherheitsgefängnis in Lewisburg, Pennsylvania, und im Hochsicherheitsgefängnis USP Lompoc in Kalifornien. Ramos musste ziemlich schnell klar geworden sein, dass er ohne Deal mit den Behörden nie mehr ein freier Mann sein würde.Wie Recherchen der «Weltwoche» zeigten, schlug er vor, für eine reduzierte Haftstrafe alles zu erzählen, was er über die Aktivitäten der Drogenringe in den USA wisse. Am 22. Januar 1992 ging das Justizministerium in Washington auf den Deal ein. Ramos sollte auspacken und in künftigen Ermittlungen eine wichtige Rolle spielen. Dafür wurde ihm eine um fünfzehn bis dreissig Jahre reduzierte Haft in Aussicht gestellt. Das FBI setzte Ramos fortan für verdeckte Ermittlungen im Drogenmilieu im ganzen Land ein. Offenbar mit mässigem Erfolg. Der Richter lehnte jedenfalls 1998 ein Gesuch um vorzeitige Haftentlassung ab, es gebe «keine Beweise für die angebliche Unterstützung» des Drogenkriminellen. Carla del Ponte trat auf den Plan Eine der Geschichten, die Ramos den Behörden auftischte, war die vom angeblichen verbrecherischen Leben von Raul Salinas de Gortari, dem Bruder des ehemaligen mexikanischen Präsidenten. Dieser arbeite mit Drogenbossen zusammen, so Ramos, er kassiere Millionen für seine Hilfe, Lieferungen an den Strafverfolgern vorbeizuschleusen. Es kam zu Verfahren in den USA und der Schweiz, hierzulande unter der Federführung der damaligen Bundesanwältin Carla del Ponte und Valentin Roschacher, ihrem Nachfolger. «90 Prozent der angeblichen Beweise gegen Salinas stammten von Ramos», sagte Salinas’ Anwalt José Luis Nassar der «SonntagsZeitung». In den USA verliefen die Ermittlungen bald im Sand, und die Behörden stuften Ramos als «unglaubwürdig» ein. In Valentin Roschacher hatte Ramos aber einen faszinierten Zuhörer gefunden. 1998 sagte er der «New York Times»: «Wir sind auf gutem Weg zu beweisen, dass es sich (bei den in der Schweiz gesperrten Salinas-Geldern) um Drogengelder handelt.» 1999 erbte die Genfer Justiz den Fall Salinas. Für die Genfer Staatsanwaltschaft stand indessen bald fest, dass die Beweise mangelhaft und die Aussagen von Ramos nicht verifiziert worden seien. Der zuständige Untersuchungsrichter stellte das Verfahren im Jahr 2002 ein. Am 13. Januar 2001 wurde Ramos in den USA vorzeitig aus der Haft entlassen. Später stellte sich heraus, dass er von den US-Behörden den Auftrag gefasst hatte, Informationen über die Arbeit der Schweizer Strafverfolgungsbehörden zu beschaffen. Valentin Roschacher wollte laut Recherchen der «Weltwoche» Ramos zur Zusammenarbeit in die Schweiz holen. Der damalige Bundesanwalt glaubte dem Kolumbianer, dass er «exakte Informationen und Beweise zu Drogenkonten in der Schweiz liefern» könne. Ende 2002 durfte Ramos in die Schweiz fliegen. Die «Task Force Guest» lief an. Ausflug auf die Werdinsel Der damals 53-jährige Ramos tauchte im Register der Fremdenpolizei Schwyz als Jairo Sandoval Aramburo auf. Angemeldet am 12. Dezember 2002, abgemeldet am 24. August 2004. Wohnadresse: unbekannt. Korrespondenzadresse: Postfach 208, 8810 Horgen ZH. Der füllige Kolumbianer wurde zusammen mit seiner schwangeren Freundin im Sommer auf der Werdinsel in Zürich gesichtet. Auf Bildern ist er zu Besuch im Swiss Miniature in Melide zu sehen, im Motorbötchen und in einer seiner Wohnungen. Ramos lieferte der Bundesanwaltschaft Informationen aus dem Drogenmilieu. Und er löste das Verfahren gegen den Bankier Oskar Holenweger aus. Ramos behauptete 2003, Holenweger würde Gelder für kolumbianische Drogenkartelle waschen. So gut, wie es sich die Bundesanwaltschaft erhofft hatte, waren die Aussagen des «Hexers» allerdings nicht. Treffen im Rotlichtmilieu Im Rotlichtmilieu traf Ramos im Frühjahr 2003 auf einen Kleinkriminellen namens «Randy». Dessen Frau, eine gebürtige Peruanerin, hatte früher in der Bank Vontobel als Telexistin gearbeitet, Holenweger hatte damals laut Verteidigung gelegentlich mit ihr gesprochen. Es war die Peruanerin, die das erste Treffen von Ramos mit Holenweger einfädelte. Am 29. April 2003 stellte sie in der Tempus Bank Ramos als Alex Sanchez vor. Laut Verteidigung behauptete er, Vertreter einer mexikanischen Finanzgruppe zu sein, die in der Schweiz nach Anlagemöglichkeiten suche. Kunde bei der Tempus Bank wurde Ramos nie. Dies hinderte ihn nicht daran, der Bundesanwaltschaft zu erzählen, er kenne einen Bankier, der Geld für kolumbianische Drogenkartelle wasche. Weil Holenweger sich nicht auf Geschäfte mit Ramos einliess, setzte die Bundesanwaltschaft den verdeckten Ermittler Markus Diemer auf den Bankier an. Ramos, der zwei-, dreimal unangemeldet in den Räumen der Tempus Bank auftauchte, stellte Diemer als deutschen Finanzdienstleister vor, der unversteuerte Gelder aus Immobiliengewinnen anlegen wollte. Im Dezember 2003 wurde Holenweger verhaftet. Im Januar 2004 bezog Ramos in Lausanne eine möblierte Zweizimmerwohnung.Insgesamt sei das Resultat der Zusammenarbeit mit Ramos «enttäuschend» gewesen. Dies gaben Vertreter der Bundesanwaltschaft und der Bundeskriminalpolizei den Parlamentariern der Geschäftsprüfungskommission zu Protokoll, welche im Nachhinein den Einsatz von Ramos untersuchten. Neun Verfahren wurden durch Informationen von Ramos ausgelöst, bei sechs habe es sich um kleinere Fälle gehandelt. Der erste Fall, der vors Bundesstrafgericht kam, hiess in der Ermittlungsphase «Operation Flat». Zwei Frauen und vier Männer, die meisten Dominikaner, wurden beschuldigt, Kokain in die Schweiz eingeführt und verkauft zu haben. Die Bundesanwaltschaft ging von einer kriminellen Organisation aus, die im grossen Stil Geld gewaschen hatte.Das Bundesstrafgericht trat auf drei Anklagen gar nicht erst ein. In drei Fällen kam es zu Verurteilungen wegen Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz (Urteile der Strafkammer 6S.530/2006 vom 22. August 2006 und 6S.528/2006 vom 16. August 2006). Die ausgesprochenen Strafen von zweieinhalb und rund vier Jahren Gefängnis blieben weit unter den Anträgen des verfahrensführenden Staatsanwalts Thomas Wyser, der auch die Verfahren gegen Oskar Holenweger und gegen die Hells Angels geleitet hatte. Wie im laufenden Prozess gegen Holenweger machte die Bundesanwaltschaft vor Gericht um den Einsatz von Ramos ein Staatsgeheimnis. Weder Gericht noch Verteidiger wussten, dass Informationen des Kolumbianers das Verfahren ausgelöst hatten. 2004 wurde Ramos aus der Schweiz gewiesen. Er war in seiner Wohnung an der Avenue de Cour in Lausanne mit drei Amerikanern gesehen worden. Angeblich fanden die Behörden erst dann heraus, dass er als Doppelagent für die USA arbeitete. Gemäss Recherchen der «Weltwoche» stellten die Schweizer Ermittler aber schon im April 2003 in einem Protokoll fest, dass Ramos «illegal vertrauliche Informationen aus der Schweiz an die US-Behörde Drug Enforcement Administration (DEA) lieferte, etwa Namen und Handynummer eines Spitzenmannes der Bundeskriminalpolizei». Steuergelder für Ramos Laut Recherchen der «Weltwoche» kassierte Ramos für seine Zeit in der Schweiz über 250 000 Franken an Steuergeldern. Wie die Zeitschrift in ihrer aktuellen Ausgabe enthüllt, wollten ihm die Strafverfolgungsbehörden zudem ein Erfolgshonorar bezahlen. Ramos sollte einen Anteil der sichergestellten Drogengelder erhalten. Dies geht aus einem Briefwechsel zwischen Roschacher und Erwin Beyeler hervor, dem damaligen Chef der Bundeskriminalpolizei und heutigen Bundesanwalt. Die Zeitschrift zitiert aus den Briefen. Ramos würde seine Arbeit «nicht für Gotteslohn tun», hatte Roschacher geschrieben. Wie viel sein Anteil betragen sollte, gehe aus den Briefen nicht hervor. «Man hat mir 10 Prozent von allen Geldern versprochen, die bei den durch meine Informationen ausgelösten Verfahren beschlagnahmt werden», sagte Ramos 2006 gegenüber der «SonntagsZeitung». Ob das stimmt, lässt sich nicht feststellen. Der Briefwechsel von Roschacher und Beyeler zeigt allerdings, dass es für Ramos finanziell interessanter war, Geschichten über einen Banker zu erzählen als über Kleinkriminelle aus dem Drogenmilieu. Es gäbe keinen Fall Holenweger ohne die Behauptungen von Ramos. Einen Teil der sichergestellten Drogengelder sollte Ramos erhalten. Reisedokument des kolumbianischen Drogenbarons und Informanten der Schweizer Bundesanwaltschaft, José Manuel Ramos. Foto: «Weltwoche»

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