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Traum von goldenen Tagen

Heute Nacht beginnen die 21. Winterspiele. Die Kanadier wollen die Nummer 1 werden - und die Schweizer scheinen so stark wie selten. Von Christian Andiel und Monica Schneider

Die Meinungsumfrage endete mit einem klaren Resultat, und dennoch spaltete sie Kanada. Wer soll heute Abend um 18 Uhr Lokalzeit die Ehre haben und das olympische Feuer im BC Place entzünden? Die Spiele lancieren, die zum Grosserfolg des Gastgebers werden sollen, der seine Athleten in den vergangenen Jahren im Rahmen des Programms «Own the podium» (nimm das Podest in Besitz) mit Dutzenden von Millionen Franken gefördert hat. British Columbia mit der Hauptstadt Vancouver würde eine regionale Grösse bevorzugen, aber das übrige, riesige Land staunt: Wer denn sonst als Wayne Gretzky (49), der einstige Eishockey-Superstar, dessen unzählige Rekorde auch allen Anstürmen der Crosbys und Owetschkins standhalten werden? Man wird sehen.

Ob The Great One oder doch jemand anders: Erst nach dem Eishockeyfinal der Männer zum Abschluss am 28. Februar wird feststehen, ob die Heimspiele für die Kanadier auch erfolgreiche Spiele waren. 30 Medaillen oder zumindest mehr als alle Konkurrenten ist das wahnwitzig anmutende Ziel nach 24 in Turin, aber nur eine ist für das Selbstbewusstsein des Landes wirklich wichtig und prestigeträchtig: Gold der Eishockeyaner.

Cuche, Österreicher - Osborne?

Die Ambitionen der Kanadier, die wie die Schweizer zu den zwölf Stammteilnehmern an Winterspielen (seit 1924) gehören, sind in Anbetracht einer immer breiter werdenden internationalen Spitze hoch. Denn immer mehr Länder verfügen über Athletinnen und Athleten, die Medaillen gewinnen können. Vor vier Jahren in Turin waren es 26 Nationen, die mindestens eine Auszeichnung eroberten, ein Drittel aller teilnehmenden Länder. In Vancouver ist die Ausgangslage nicht anders und deshalb nicht einfacher.

Whistler beispielsweise, wo die Mehrheit der Schneesportwettbewerbe sowie Bob, Skeleton und Rodeln stattfindet, könnte sogar zur ernüchternden Destination für sie werden. Klar ist, dass die Schweizer Alpinen um Carlo Janka und Didier Cuche, der schon am Mittwoch im ersten Abfahrtstraining trotz Daumenverletzung eine beeindruckende Leistung zeigte, in Abfahrt, Super-G und Riesenslalom zu den grossen Favoriten gehören. Und die Österreicher, die bei den Klassikern in Wengen und Kitzbühel leer ausgegangen sind, noch mindestens eine Rechnung offen haben. Dass Bode Miller auf seinem Kontinent zur Überraschung dieser Spiele werden könnte, halten zumindest jene für möglich, die dem Amerikaner nahestehen. Kaum einmal habe er sich so konzentriert auf ein Ziel vorbereitet wie jetzt, sagen sie. Aber vielleicht gelingt Manuel Osborne-Paradis, der sich im Laufe der Saison zum Geheimtipp entwickelt hat, tatsächlich der grosse Coup, Kanada auf seinem «Heimberg» das erste Gold an Winterspielen im eigenen Land zusichern. Ein euphorisierender Startschuss für eine erfolgreiche Kampagne, wie ihn die Schweiz ebenfalls gern hätte, wäre das auf jeden Fall.

Im Gegensatz zu Kanada hat die Schweiz, die mit 146 Athletinnen und Athleten und der grössten Delegation aller Zeiten teilnimmt, in Simon Ammann am Samstag auf der Normalschanze einen zweiten Favoriten am Start. Und mit der Form und Selbstsicherheit, die der Toggenburger in den letzten Wochen ausspielte, dürften die beiden Springen wie an der Vierschanzentournee auf ein Duell mit Gregor Schlierenzauer hinauslaufen. Wobei Ammann den Vorteil der Erfahrung hat. Der 28-Jährige bestreitet bereits seine vierten Spiele, für den 20 jährigen Schlierenzauer bedeutet Whistler die Olympiapremiere.

Die Chancen sind breit gefächert

Mit 14 Medaillen, 5 goldenen, 4 silbernen und 5 bronzenen, schloss die Schweiz die organisatorisch wenig rühmlichen Spiele in Turin ab, was in der Nationenwertung Platz 8 bedeutete. Das ist erneut das Ziel, wie Gian Gilli sagt. Seine Prognosen oder Hoffnungen sind, wie für einen Schweizer Headcoach üblich und einen kanadischen wohl unverständlich, von Vorsicht geprägt - er spricht von rund einem Dutzend Medaillen. Betrachtet man jedoch das Potenzial der Equipe, liegt bei optimalem Wettkampfverlauf mehr drin, das Rekordtotal von 15 Medaillen in Calgary 1988 ist kein unerreichbares Ziel.

Langläufer Dario Cologna hat sich wieder die Verfassung der letzten, glanzvollen Saison erarbeitet; Olympiasiegerin Evelyne Leu beherrscht noch immer als eine der wenigen bei den Freestylerinnen die Höchstschwierigkeit Full-Full-Full; die Bobfahrer haben sich kurzfristig so sortiert, dass im Vierer wieder der WM-Gold-Bob von 2007 unterwegs ist, und im Zweier fahren Rüegg und Hefti sowieso eine starke Saison; mit Mike Schmid stellt die Schweiz in der einzigen neuen Disziplin, dem Skicross, traditionell einen Favoriten; im Snowboardcross der Frauen stehen mit Francon, Meiler, Frei und Nobs gleich vier Podestanwärterinnen am Start; Iouri Podladtchikov hat an den X-Games vor zwei Wochen bewiesen, dass er neben Shaun White in der Halfpipe mit dem Double Cork eine Hauptrolle springen kann, und die beiden Curling-Teams sind wie üblich im Status der Medaillengaranten.

Lambiels neue Aussichten

Für Stéphane Lambiel, den Silber-Gewinner von Turin und Fahnenträger in Vancouver, könnte sich in dieser Woche Mitentscheidendes ereignet haben. Der einstige amerikanische Wettkampfrichter Joe Inman forderte in einem Mail an 60 Richter und Offizielle auf, in der Präsentationsnote doch künftig das zu bewerten, was die Läufer tatsächlich zeigen. Er wies dabei auf Mängel bei Jewgeni Pluschenko und Brian Joubert hin, den Hauptkonkurrenten Lambiels. Der Schweizer, in dieser Sparte eigentlich unerreicht, wurde bis zur EM in Tallinn im Januar dafür kaum genügend belohnt. Gut möglich, dass Vancouver in dieser Beziehung für ihn die Wende bedeutet - wenn ihm auch die Sprünge gelingen.

Kandidatinnen und Kandidaten für den Schweizer Fahnenträger an der Schlussfeier, der traditionell aus dem Kreis der Gold-Gewinner stammt, gibt es also genügend. Eine Meinungsumfrage dafür muss Gilli kaum starten. Das Abfahrtschaos, Seite 59 Simon Ammanns Stärke, Seite 58 Gelungene Hockey-Hauptprobe, Seite 58 Beleuchtete und leuchtende olympische Ringe bei der Medal Plaza in Vancouver - ab dem Wochenende werden hier Sieger gefeiert. Foto: Reuters

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