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Und dann kam der Krieg

Der Zweite Weltkrieg zerstörte in Gossau ein Naturparadies. Nun kehrt es langsam zurück. Zwei Ausstellungen rollen seine Geschichte wieder auf.

Gossau - Der Herr der Stunde heisst Emil Zollinger und lebt in San Francisco. «Migg», wie ihn die Leute nennen, wuchs auf einem kleinen Bauernhof in Herschmettlen auf und verliebte sich als junger Bursche in ein hübsches Stück Land - das Gossauerriet. Mit 16 Jahren wurde er Zeuge einer Zerstörung, die ihm das Herz brach: Sein geliebtes Naturparadies wurde in effizientes Ackerland verwandelt. Der junge Migg schrieb und malte daraufhin ein Buch, in dem er die Geschehnisse festhielt. Dieses handgeschriebene Werk wurde nun neu herausgegeben und im Rahmen einer Ausstellung im Dürstelerhaus präsentiert.

Vom Moor zum Weideland

Die Geschichte des Gossaurriets beginnt vor 600 000 Jahren unter einer 200 Meter dicken Eisschicht. Gewaltige Gletscher bedeckten damals das Zürcher Oberland und schliffen das Gelände in seine heutige Form. Das Eis verschwand und sein Schmelzwasser staute sich zu Seen. Zwischen Gossau und Mönchaltorf entstand ein weitläufiges Sumpfgebiet.

Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts erkannten Naturfreunde den hohen Wert des Gossauerriets und bemühten sich fortan, das Gebiet unter Schutz zu stellen. Dies gelang 1930, als die Gegend zum eidgenössisch anerkannten Naturschutzgebiet ernannt wurde. Wildtiere fühlten sich im Riet damals genauso wohl wie Insekten und über 70 Vogelarten - darunter auch seltene Spezies wie der Eisvogel und der Kiebitz. Der Fortbestand des artenreichen Riets schien erstmals gesichert. Doch dann kam der Krieg.

1940 wurden die Grenzen geschlossen, und nun begann die sogenannte Anbauschlacht: Der nach seinem Urheber und damaligen Bundesrat benannte «Plan Wahlen» sah vor, die landwirtschaftliche Eigenproduktion massiv zu erhöhen, um so die Selbstversorgung des Landes sicherzustellen. An allen erdenklichen Orten wurde nun Ackerbau betrieben - berühmt ist das Kartoffelfeld auf der Zürcher Sechseläutenwiese. Auch das Gossauerriet blieb von den Massnahmen nicht verschont: Im Mai 1941 stimmten die Gossauer und Mönchaltorfer an einer denkwürdigen Versammlung dem gemeinsamen Meliorationsprojekt zu. 780 Hektar Riedland mussten nun in kulturfähigen Boden umgewandelt werden.

Zerstörung für 7 Millionen

Für Emil Zollingers Paradies bedeutete dieser Beschluss den Todesstoss. Der 16-Jährige schrieb damals in sein Buch: «Hier im Ried lebt der Kiebitz neben dem Fettkraut, der Hase schläft im weichen Moos auf dem Seekreideboden, die Drossel nistet auf der alten Eiche, der Erlenzeisig fühlt sich mit der Erle verbunden, und der Fisch benötigt das Wasser.» Verzweifelt klagte er: «Der Mensch lebt nicht vom Brot allein - der Herrgott hat ihm auch eine Seele gegeben.»

Doch die Klagerufe von Naturfreunden wie Emil Zollinger verhallten ungehört. Für den damals unvorstellbar hohen Betrag von knapp 7 Millionen Franken wurde das Riet in einen riesigen Acker verwandelt. Bis heute liegt unter der Erde ein dichtes Netz von Entwässerungsröhren, die die Feuchtigkeit in den Aabach leiten. Auch dieser hat sich stark verändert: Während er einst kurvenreich durch die Ebene mäandrierte, fliesst der Aabach seit dem Krieg fast gerade durch die Landschaft.

Eine Stimme für die Natur

Für die Menschen brachten die Meliorationen so manche Vorteile: Die riesigen Überschwemmungen nach Regenfällen blieben dank der unterirdischen Leitungen aus, das Land wurde frucht- und nutzbar. Trotzdem: Der Eisvogel und seine Freunde waren verschwunden. Und Leute wie Zollinger trauern ihnen bis heute nach.

Doch hier ist die Geschichte des Riets noch nicht zu Ende: Nach einer Phase des Vergessens scheint es, als hätte sie vor 10 Jahren eine Wendung zum Happy End genommen. Das von der Gemeinde Gossau getragene Landschaftsentwicklungskonzept (LEK) sorgt dafür, dass die Natur nach ihrer langen Durststrecke wieder mehr Raum bekommt (siehe Kasten). Zwar wird das Sumpfgebiet nie wieder dasselbe sein, doch viele Tiere und Pflanzen kehren langsam zurück: Letzte Woche wurde im Gossauerriet wieder der erste Kiebitz gesichtet.

«Das verlorene Paradies», Dürstelerhaus in Unterottikon, Ausstellung bis 4. Juli. Vernissage heute Freitag, 19 Uhr. Geöffnet Mi 17-19 Uhr, Sa/So 11-16 Uhr. Bis zum Zweiten Weltkrieg war das Gossauerriet häufig überschwemmt. Foto: Privatarchiv Felix Wolfensperger

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