Hinter Gittern gibts kein Pensionsalter

Ein 55-jähriger Häftling berichtet über seine Perspektiven in der Regensdorfer Haftanstalt Pöschwies. Mit 32 Jahren kam er wegen eines Kapitalverbrechens ins Gefängnis.

Alt und eingesperrt: Im Gefängnis wächst die Angst, krank zu werden.

Alt und eingesperrt: Im Gefängnis wächst die Angst, krank zu werden. Bild: S. Meier

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«Was meine Zukunft angeht, schwebe ich im luftleeren Raum. Es gibt für mich keinen Vollzugsplan. Das heisst, es ist offen, ob und wenn ja, wann ich aus der Haft entlassen werde. Ich bin jetzt 55 Jahre alt und seit über 20 Jahren in Haft. Selber gehe ich allerdings nicht davon aus, dass ich bis zu meinem Tod im Gefängnis bleiben muss. Deshalb sehe ich durchaus eine Perspektive für eine Zeit nach der Haft. Diese ist bloss nicht datiert, es gibt keine Stationen in meiner Vorstellung. Doch käme ich jetzt in Freiheit, würde ich zu meinem Bruder nach Asien auswandern. Ich habe keine Angst vor der Freiheit, und ich fühle mich auch bereit dazu. Es ist mein grösster Wunsch, wieder Selbstverantwortung zu übernehmen und mein Leben nach meinem Willen zu gestalten. Nur hängt dieser Entscheid nicht allein von mir ab.

Gut die Hälfte der Zeit in Haft habe ich in der Pöschwies verbracht. Mit 32 Jahren kam ich ins Gefängnis – wegen eines Kapitalverbrechens. Ich möchte dazu nicht mehr sagen, darum gehts heute nicht. Das Thema Alter beschäftigt mich sehr. Ich bin körperlich etwas angeschlagen, habe Migräne und Rückenprobleme, und wegen der langen Haftzeit bin ich nicht mehr so stressresistent. Darum wechselte ich vor einiger Zeit vom normalen Vollzug mit über 200 Insassen in die Abteilung für Sucht und Pensionäre, wo 30 Gefangene untergebracht sind. Hier arbeite ich auch täglich.

Erinnerungen sind wichtig

Meine grösste Angst auf das Alter hin ist, im Gefängnis krank zu werden und auf Hilfe angewiesen zu sein. Um hier drin zu existieren, muss jeder Insasse ein Mittel finden, das ihm Kraft gibt. Bei einer Krankheit fällt diese Motivation sehr schwer. Doch im Gefängnis gesund zu bleiben, ist sehr schwierig. Ich spiele Tischtennis, 6 bis 7 Stunden pro Woche. Das hält mich fit. Ausserdem habe ich jahrelang Zen-Meditation praktiziert und Yoga, und ich beschäftige mich mit Philosophie. Das alles gibt mir eine innere Ruhe.

Wie für andere ältere Menschen draussen sind mir Erinnerungen wichtig, vielleicht sind sie hier drin fast noch wichtiger, weil sie Halt geben. Eine grosse Rolle spielt die Zeit vor dem Gefängnis. Die Reisen, die ich gemacht habe, meine einstige Lebenspartnerin oder meine Lehre. Natürlich auch die Zeit, als ich mich vom einfachen Angestellten zum Geschäftsführer einer Firma hinaufgearbeitet habe. Meine Taten, ja, die beschäftigen meine Gedanken ebenfalls. Aus der Haftzeit hingegen bleiben wenige Erinnerungen zurück. Es gibt hier kaum Ereignisse, die negativ oder positiv haften bleiben, wenig, das von der Erinnerung aufgenommen wird. Es ist viel zeitlose Zeit, die man durchlebt.

Man braucht eine Struktur

Pensioniert wird man im Gefängnis nicht. Ich wollte auch nicht den ganzen Tag freihaben. Man braucht hier eine Struktur. Ich arbeite 50 Prozent. Am Computer stelle ich für die Gefängnisbetriebe Sachen her, bewirtschafte das Lager, entwerfe Lieferscheine, Broschüren, Glückwunschkarten und Prospekte für Gewerbetreibende, die diese bei uns in Auftrag geben. Den Rest der Zeit verbringe ich allein in der Zelle mit Schreiben oder am Computer. Ich pflege Korrespondenz mit Verwandten und Freunden. Geprägt ist mein Alltag durch die Struktur im Gefängnis, in die ich mich fügen muss.

Das Alter spüre ich auch in meinem Umfeld – das ist besonders hart. Langsam sterben mir Freunde und Verwandte weg. Gerade wenn einem im Gefängnis ein Elternteil stirbt, ist das schwierig. Man muss einen Weg finden, den Verlust hinter den Gefängnismauern zu verarbeiten. Mich besuchen dann Angehörige für Gespräche. Und meine Lebensphilosophie, eine Form von Glauben, wenn auch kein christlicher, hat mir geholfen.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.06.2011, 22:26 Uhr

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