Von der Kanzel ins Fernsehstudio

Der Bülacher Pfarrer Andreas Peter darf den längsten Monolog am Schweizer Fernsehen halten. Doch seine Gedanken zur Primetime wollen hart erarbeitet sein.

Ein Pfarrer mit Ausdauer: Andreas Peter im TV-Studio.

Ein Pfarrer mit Ausdauer: Andreas Peter im TV-Studio. Bild: David Baer

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Gestern Nachmittag vor einem der Aufnahmestudios des Schweizer Fernsehens. Eben noch diente es «Glanz & Gloria» und den Neuigkeiten der Promi-Szene. Nun läuft vor der Tür der Bülacher Pfarrer Andreas Peter auf und ab. Grauer Anzug, weisses Hemd – oberster Knopf geöffnet. Vor der übrigen Fernsehbelegschaft muss sich der 46-Jährige nicht verstecken. Dafür haben die SF-eigene Stylingberatung und Maske gesorgt.

Andreas Peter gehört seit Anfang April zum neuen Team von «Wort zum Sonntag – christliche Gedanken zum Zeitgeschehen». Fünf weibliche und männliche Theologen der reformierten sowie der römisch-katholischen und der christkatholischen Kirche werden sich in den nächsten eineinhalb Jahren abwechseln. Gestern war Andreas Peter zum zweiten Mal an der Reihe.

1. Aufnahme: Den Technikern und Produzenten im Regieraum steht eine Wand von schwarzen und leuchtenden Bildschirmen gegenüber. Auf einem werden Tennisspieler zu Höchstleistungen angefeuert, auf einem anderen lässt sich Kurt Aeschbacher in seiner Sendung vom Publikum beklatschen. Gleich auf mehreren zeigt sich Andreas Peter. Er probt sein Lächeln, richtet seine Gürtelschnalle, zupft am Ärmel und zielt mit seinem Blick auf die Kamera, wo er sich die 300'000 Zuschauer vorzustellen versucht, die am Samstagabend eine weitere Folge der ältesten noch bestehenden Sendung des Schweizer Fernsehens verfolgen werden. «Diesmal will ich von Anfang an Energie reinbringen», sagt Peter noch, bevor die Redaktorin Irene Gysel das «Top» zur Aufnahme gibt. Der frühere Primarlehrer erzählt von seiner Vorfreude auf die bevorstehende Fussball-Weltmeisterschaft, vom Glück, vor Zürichs Gaststätten doch noch die Spiele gucken zu können, und er erwähnt den Countdown, den das Schweizer Fernsehen jeweils rechts oben im Bildschirm einblende. «Rechts oben?», fragt Irene Gysel in der Regie nach. Vom Zuschauer aus gesehen steht der Hinweisbalken jeweils links oben, stellt sich heraus. Also noch einmal von vorne.

«Andreas Peter kam von Anfang an gut rüber, musste aber noch hart an sich arbeiten», sagt Irene Gysel. Ein Medienteam der Landeskirche und die Redaktion der SF-Abteilung Religion wurden auf den in Bachenbülach aufgewachsenen Theologen aufmerksam. Sie luden ihn zu einem Casting ein. «Dort bin ich in hohem Bogen rausgeflogen», erinnert sich Peter. «Viel zu nervös, herumfuchtelnd.» Es folgte ein Stimm- und Atemtraining und ein zweites Casting. Wieder nichts. Schliesslich kam er auf die Warteliste und wurde dann doch noch engagiert. Ein Schauspieler gab ihm den nächsten Schliff.

2. Aufnahme: Womit Andreas Peters Hände spielen, will er nicht verraten. Aber, so wird er später sagen, habe es ihm geholfen, «in Bewegung zu kommen», nicht steif stehen zu bleiben. Er spricht seinen Text beinahe fehlerfrei. Auch erinnert er sich diesmal an die richtige Position des Hinweisbalkens. Sich ohne Hilfe eines Teleprompters auf eine solche kleine Änderung zu konzentrieren, sei anspruchsvoll, sagt Irene Gysel.

Peter predigt auch in der Kirche ohne Hilfsmittel. Er verinnerlicht seine Texte. Das Thema kann er auch beim «Wort zum Sonntag» frei wählen. Meistens greife er ein aktuelles Ereignis auf. Bei seiner Premiere am 1. Mai galten seine Gedanken der Bankenbranche. In vier Minuten – so viel Zeit erhält auf SF niemand für einen Monolog – tat er seine unzensurierte Meinung zu den Boni-Exzessen kund.

3. Aufnahme: Nach einer Minute 50 Sekunden sagt Peter «rechts oben» statt «links oben».

4. Aufnahme: Peter, der auch schon den New Yorker Marathon gelaufen ist, will zwei weitere Versuche. Nach 3 Minuten 05 Sekunden verwirft er die Hände: «Oh, abbrechen», sagt er in die Kamera, «ich habe lässig gesagt – ich wollte nicht lässig sagen.»

5. Aufnahme: Nach 1 Minute 10 Sekunden sagt Peter «rechts oben» statt «links oben». Irene Gysel beugt sich zum Mikrofon vor. «Die zweite Aufnahme ist gekauft.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.06.2010, 22:40 Uhr

TV-Tipp

Das «Wort zum Sonntag» des Bülacher Pfarrers Andreas Peter zeigt SF 1 heute Abend um 19.55 Uhr.

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