Die Frau schrie, er wollte helfen – und wurde verprügelt

Es geschah in der Zürcher City: Ein junger Mann mischt sich in einen Streit ein und landet im Spital. Für seine Zivilcourage zahlt er einen hohen Preis.

Der Helfer hat neben einem Schädel-Hirn-Trauma im Augenhöhlenbereich einen Bruch erlitten. (Bilder: PD)

Der Helfer hat neben einem Schädel-Hirn-Trauma im Augenhöhlenbereich einen Bruch erlitten. (Bilder: PD)

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«Mann nach tätlichem Angriff im Kreis 1 verletzt», so lautete der Zeugenaufruf der Stadtpolizei Zürich vom Montag. Am frühen Sonntagmorgen war ein Mann von zwei Männern tätlich angegriffen worden, als er einen Streit mit einer Frau schlichten wollte. Das Opfer musste mit erheblichen Verletzungen ins Spital gebracht werden.

Beim Opfer handelt es sich um den 28-jährigen Silvio Rossi (Name geändert). Der Büroangestellte war mit einem guten Freund im Ausgang, als er kurz vor 4 Uhr an der St.-Peter-Strasse unweit des Paradeplatzes einen Streit zwischen zwei Männern und einer Frau hörte. «Einer von ihnen, ein Kasten von einem Typ, hat die Frau verbal massiv bedroht.»

Da die Frau laut schrie, sagte Silvio Rossi sinngemäss zum Mann, dass er aufhören soll, ansonsten er die Polizei rufen würde. Als der Unbekannte ihn ansah und fragte, ob er ein Problem habe, wollte Rossi weitergehen. «Eine Sekunde später lag ich am Boden», sagt er.

Frau verschwindet mit Aggressor

Von der Seite oder von hinten habe der etwa 190 Zentimeter grosse Typ ihm auf die Schläfe geschlagen, worauf er nur noch Schwarz sah. «Als ich mich halb bei Bewusstsein am Boden herumwälzte, folgte mindestens noch ein weiterer Schlag aufs Gesicht.» Am Boden in einer Blutlache liegend, folgten dann noch zwei Tritte, an die er sich nur noch vage erinnern kann.

Im Spital stellten die Ärzte bei Silvio Rossi ein Schädel-Hirn-Trauma und unter den Augen eine Orbitawandfraktur fest. Augenbraue und Hinterkopf mussten genäht werden. Er musste zwei Tage im Spital bleiben, hat aber auch heute noch immer heftige Kopfschmerzen. Doch mehr als die körperlichen beschäftigen ihn die seelischen Schmerzen: Er hat Angstattacken und kann nicht schlafen.


«Dieser Satz ist ein Zeichen der Schwäche» In zwei Fällen wollten Männer einer bedrängten Frau helfen – und wurden verprügelt. Ex-Kommissar und Konflikt-Coach Ralf Bongartz über richtige und falsche Zivilcourage. (Abo+)


Dass ein Mensch so aggressiv zuschlagen kann, ist für ihn unverständlich. «Diese Skrupellosigkeit und die Wut», sagt Silvio Rossi «ist einfach nicht nachvollziehbar.» Es schien, als habe der Typ nur darauf gewartet, auf jemanden loszuprügeln. Der 28-Jährige will sich nicht vorstellen, was passiert wäre, wenn nicht Passanten eingeschritten wären. Ob die Männer unter Drogen standen, weiss er nicht.

Auch am Hinterkopf mussten die Ärzte eine Wunde nähen. Bild: PD

Silvio Rossi macht sich immer wieder Gedanken, ob er etwas falsch gemacht habe. Handkehrum ist er überzeugt, dass man Zivilcourage zeigen müsse. Vor allem, wenn eine Frau bedroht werde. Dass die Frau offenbar zu beiden Männern gehörte und mit ihnen davonging, ohne sich um ihn zu kümmern, beschäftigt ihn zusätzlich. Es sei ein feiges Verhalten, eine Person, die sich für einen einsetze, einfach liegen zu lassen. Er hat sich inzwischen an die Opferhilfestelle gewendet und hat demnächst einen Termin. Zeugenaufruf der Polizei

Der Schläger hat eine athletische Statur und einen Bart. In der Kopfmitte waren die Haare länger, auf der Seite kurz rasiert. Er trug einen hellen Pullover mit V-Ausschnitt und sprach Schweizerdeutsch mit einem Secondo-Akzent. Der zweite Mann war circa 175 Zentimeter gross und sprach ebenfalls Schweizerdeutsch.

Die Stadtpolizei Zürich (044 411 71 17) sucht weiterhin Zeugen.

Ähnlicher Fall im Niederdorf

Die oben erwähnte Geschichte weist Parallelen auf zu einem Fall von – nicht verbaler, sondern tätlicher – Gewalt gegen Frauen im Niederdorf. Mitte September sind zwei Frauen in der frühen Morgenstunde von einem 35-jährigen Tamilen in Begleitung eines 33-jährigen Landsmanns am Kopf verletzt worden.

Der 35-Jährige soll einer Frau eine Bierflasche an den Kopf geworfen und der anderen mit der Faust den Kiefer gebrochen haben. Dabei setzte sich ein 22-jähriger Tamile für die Frauen ein, worauf es mutmasslich zu einer wilden Schlägerei kam. Die Polizei verhaftete alle drei Tamilen. Laut der zuständigen Staatsanwältin befindet sich der 35-Jährige weiterhin in Untersuchungshaft. Die beiden anderen Männer sind Mitte/Ende Oktober aus der U-Haft entlassen worden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.11.2018, 10:46 Uhr

Der Fachmann rät

Was soll man tun bei Gewalt im öffentlichen Raum?

Thomas Brändle, Leiter der Fachstelle Gewaltprävention Zürcher Oberland, kennt Tricks und Möglichkeiten, um sich und andere zu schützen. Häufig fühle sich ein Angreifer durch etwas von seinem Opfer angespornt, zum Beispiel von einem Blick, einer Geste, der Körperhaltung. Dann sei es schwierig, dagegen anzukommen.

Grundsätzlich kann man sich alleine mit der Körperhaltung verteidigen. Wer einem Angreifer gegenübersteht, soll nicht unterwürfig die Schultern einziehen und ängstlich die Hände vors Gesicht halten. Die bessere Körperhaltung ist, aufrecht zu stehen, den Kopf erhoben, nicht eingezogen. Und sagen: «Stopp, hör auf!» Um dem Satz mehr Ausdruck zu verleihen, kann man auch die Hände heben.

Augenkontakt sei gut, sagt Präventionsexperte Thomas Brändle, aber man solle den Angreifer nicht anstarren. Während dem Abwehren sei es auch gut, um Hilfe zu rufen. Wenn Menschen, eine Gewaltsituation beobachten, sollen sie erst auf ihr Bauchgefühl hören. Habe man selbst Angst, einzugreifen, oder fühle sich unwohl, nütze es mehr, sich herauszuhalten. Es sei wichtig, sich selbst zu schützen. Gut sei jedoch, die Polizei zu rufen, zu versuchen, den Täter zu filmen oder zu fotografieren.

Fühlt man sich bereit, in die Situation einzugreifen, gilt als Regel: Wann immer möglich das Opfer wegbringen, statt sich auf den Angreifer einzulassen. Denn Beschützer oder Beschützerinnen würden sich häufig instinktiv gegen die Angreifer wenden, wobei die Situation leicht ausser Kontrolle geraten könne und sie selbst zur Zielscheibe würden. Für die Nachbearbeitung des Erlebnisses empfiehlt Brändle, sich bei einer Opferhilfestelle zu melden. Das unabhängig davon, wie schwer die Gewalt gewesen ist. (meg)

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