Hassan Kiko wegen Anstiftung zur Flucht verurteilt

Das Zürcher Obergericht hat eine sechsmonatige Freiheitsstrafe gegen den Syrer ausgesprochen.

Kikos Verteidiger Valentin Landmann und Staatsanwältin Claudia Wiederkehr kommentieren das Urteil. Video: Tamedia Webvideo/hoh

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Heute wird ein weiteres Kapitel in der unendlichen Geschichte um den Häftling Hassan Kiko geschrieben. Der 28-jährige Syrer sorgte im Februar 2016 mit seiner filmreifen Flucht zusammen mit seiner Gefängnisaufseherin und Geliebten Angela Magdici für Schlagzeilen. Knapp sieben Wochen später endete die gemeinsame Flucht in Norditalien. Polizisten verhafteten die beiden.

Schliesslich verurteilte das Bezirksgericht Dietikon Kiko im Mai 2017 wegen Anstiftung zum Entweichenlassen von Gefangenen zu einer unbedingten Freiheitsstrafe von sechs Monaten. Kiko, der damals im Gefängnis Dietikon wegen Vergewaltigung und sexueller Nötigung sass, hatte Ende 2015 Magdici gefragt: «Gehen wir?» Nachdem die verliebte Gefängnisaufseherin das Ansinnen längere Zeit abgelehnt hatte, stimmte sie im Februar 2016 zu: «Okay, heute!» Für das Gericht war dies eine Anstiftung und keine straflose Selbstbegünstigung.

Regelmässige Besuche

Kiko zog das Urteil ans Zürcher Obergericht weiter, wo er sich heute Freitagnachmittag verantworten musste. Die Verhandlung hatte kurz nach 13.30 Uhr begonnen. Als Erstes hatte Kiko über seinen derzeitigen Aufenthalt in der Justizvollzugsanstalt Lenzburg Auskunft gegeben. Er arbeite dort beim Hausdienst und lerne Deutsch. Es gehe im so weit gut.

Vor Gericht sprach Kiko über das Verhältnis zu Angela Magdici. Sie würden sich regelmässig schreiben, dreimal in der Woche telefonieren, und sie besuche ihn auch. Die Besuche seien überwacht. Kiko sagte, er wolle nach seiner Freilassung arbeiten und eine Familie gründen. Magdici, die mittlerweile Kikos Ehefrau ist, ist am Freitagnachmittag nicht im Gerichtssaal erschienen.

Vor dem Ausbruch im Februar 2016 ist es laut Kiko zwischen ihm und Aufseherin Magdici zu keinem körperlichen Kontakt gekommen. Ob er sich keine Gedanken gemacht habe, dass Magdici wegen ihm in grosse Schwierigkeiten gerate, fragte der Richter. Kiko dazu: «Wir waren verliebt und haben uns gedacht: Die Tür ist offen, wir gehen raus.» Magdici sei auf ihn zugekommen, nachdem er sie eine Weile zuvor darauf angesprochen habe. Die Flucht nannte Kiko eine Dummheit. Er habe nicht weiter nach Syrien gewollt, sondern wieder zurück in die Schweiz, um seine Unschuld zu beweisen.

Valentin Landmann, Kikos Verteidiger, forderte einen Freispruch für seinen Mandanten. Selbstbegünstigung sei nicht strafbar. Und es liege in der Natur des Menschen, nach Freiheit zu streben.

Urteil von Vorinstanz bestätigt

Die Staatsanwältin sah das anders. Sie forderte eine unbedingte sechsmonatige Freiheitsstrafe für Kiko wegen Anstiftung zum Entweichenlassen und damit eine Bestätigung des Urteils der Vorinstanz. Die Idee zur Flucht sei nicht von Magdici gekommen, sondern von Kiko. Er habe sie dazu gedrängt und die Flucht lange geplant. Deswegen habe die Aufseherin ihre Meinung von einem Nein zu einem Ja geändert.

Das Schlusswort gehörte Kiko: «Meine Frau konnte selber entscheiden, was sie machen will.»

Das Obergericht folgte schliesslich der Argumentation der Staatsanwältin und bestätigt den Entscheid der Vorinstanz. Das Gericht verurteilt Hassan Kiko wegen Anstiftung zum Entweichenlassen zu einer sechsmonatigen unbedingten Freiheitsstrafe. Er sei wiederholt mit seiner Bitte an Magdici gelangt und habe sie so zu ihrer Entscheidung gedrängt, begründet der Richter das Urteil. Kiko habe die Aufseherin zu einem Amtsmissbrauch angestiftet und es sei deshalb keine straffreie Selbstbegünstigung gewesen, wie die Verteidigung argumentierte. Der Entscheid ist noch nicht rechtskräftig.

Video: Vor dem ersten Prozess im Mai

Kikos Verteidiger plädierte auf einen Freispruch. Video: SDA/Tamedia Webvideo

Bereits im Januar 2017 verurteilte das Bezirksgericht Dietikon Angela Magdici wegen Anstiftung zum Entweichenlassen. Die 33-jährige ehemalige Gefängnisaufseherin erhielt eine bedingte Freiheitsstrafe von 15 Monaten. Das Urteil ist rechtskräftig. Zudem muss Magdici Gerichtsgebühren und Kosten für die Auswechslung der Schliessanlage des Gefängnisses in der Höhe von über hunderttausend Franken bezahlen. Sie arbeitet heute in einem Logistikunternehmen.

In diesem Sommer haben Angela Magdici und Hassan Kiko im Gefängnis in Lenzburg AG, wo er inhaftiert ist, geheiratet. Es sei eine Liebesheirat, sagte damals Kikos Anwalt und Trauzeuge Valentin Landmann zu den Medien.

Video: Prozess wegen andere Delikte

Verurteilt wegen Vergewaltigung. Video: TA/hoh/jen

Kiko wird noch eine ganze Weile im Gefängnis bleiben müssen. Zusätzlich zu der sechsmonatigen Freiheitsstrafe, die heute verhängt wurde, hat das Zürcher Obergericht ihn bereits im Dezember 2016 wegen Vergewaltigung und sexueller Nötigung zu vier Jahren verurteilt. Zudem ist noch ein rechtskräftiges Urteil aus dem Kanton Thurgau offen. 2012 war Kiko vom Bezirksgericht Münchwilen wegen versuchter Vergewaltigung und sexueller Nötigung einer damals 19-jährigen Frau zu einer Strafe von 42 Monaten verurteilt worden. Diese Strafe hat er bislang noch nicht abgesessen. Er zog das Urteil bis ans Bundesgericht weiter und blieb vorerst auf freiem Fuss, weil die Unschuldsvermutung galt.

Mit dem heutigen Urteil muss Kiko noch insgesamt 64 Monate absitzen, wie am Prozess vor Obergericht bekannt wurde. Ob Kiko nach seiner Flucht mit dem so genannten «Drittel» wegen guter Führung rechnen kann, ist fraglich. Dies wird das Amt für Justizvollzug zu einem späteren Zeitpunkt entscheiden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.10.2017, 12:18 Uhr

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