Und dann zog er heimlich das Kondom aus

Ein Zürcher Tinder-Date endete vor Gericht. Zwar glaubten die Richter der jungen Frau, sie sprachen den Mann trotzdem frei.

Vor dem Bezirksgericht Bülach stand ein angehender Student, der wegen Schändung angeklagt war. (Bild: TA-Archiv)

Vor dem Bezirksgericht Bülach stand ein angehender Student, der wegen Schändung angeklagt war. (Bild: TA-Archiv)

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Geplant war ein One-Night-Stand, geendet hat es mit einem Prozess vor Gericht eineinhalb Jahre später. Die beiden damals 18- und 19-Jährigen hatten sich auf der Dating-Plattform Tinder kennen gelernt und sich im September 2017 auf dem Uetliberg getroffen. Am Abend gingen sie schliesslich zur Wohnung der 18-jährigen Frau in einer Zürcher Agglomerationsgemeinde, wo die beiden Sex hatten. Dabei entfernte der junge Mann heimlich das Kondom, was die Frau fünf Monate später bewog, ihn anzuklagen.

Heute Mittwoch musste sich der angehende Student aus einer Zürichseegemeinde vor dem Bezirksgericht Bülach verantworten. Der Staatsanwalt hat ihn wegen Schändung angeklagt und für den bis anhin unbescholtenen Beschuldigten eine unbedingte Freiheitsstrafe von 14 Monaten verlangt.

Einvernehmlicher Sex

Dass es einvernehmlicher Sex war, bestritten am Prozess weder der Beschuldigte noch die Frau. Auch dass die 18-jährige Schweizerin auf ein Kondom bestanden hatte, was der Mann zähneknirschend akzeptierte. Die Aussagen gingen erst bei der Frage auseinander, ob die Frau gewusst habe, dass er während des Geschlechtsverkehrs das Kondom entfernte.

Laut ihrer Version – und jener der Anklage – unterbrach der Mann den Sex (mit Kondom), um die junge Frau oral zu stimulieren. Dann entfernte er das Kondom und drang von hinten in sie ein. Die Frau sah dies aber nicht und bemerkte es erst kurze Zeit später. Sie forderte ihn auf den Sex zu beenden, was dieser auch tat.

In der Version des Mannes dagegen wusste die Frau, dass er das Kondom abgezogen hatte und akzeptierte es kommentarlos. Sein Penis sei während des Sex erschlafft, und die Frau habe «oral nachgeholfen» und dabei den Gummi abgezogen. Als das Glied wieder stand, habe sie «fuck me» gesagt, was er dann gemacht habe. Der Ausdruck wird von beiden bestätigt, die Frau betonte aber, dass sie dies natürlich mit Gummi gemeint habe.

Medikamentöse HIV-Prophylaxe

Für den Staatsanwalt sind die Aussagen der Frau glaubwürdig. Es ergebe keinen Sinn, dass sie zuerst auf ein Kondom beharrte, dann aber plötzlich darauf verzichtete. Dass sie die Safer-Sex-Regeln ernst genommen habe, zeige auch, dass sie am nächsten Tag zum Arzt ging und sich eine medikamentöse HIV-Prophylaxe verschrieben liess. Die Studentin sagte am Prozess unter Tränen, dass die dreimonatige Wartezeit bis zum erlösenden Ergebnis eine sehr belastende Zeit gewesen sei.

Der Verteidiger des angehenden Studenten verlangte eine Freispruch in dubio pro reo (im Zweifel für den Angeklagten). Es habe sich um eine «Verständigungspanne» gehandelt, sei doch sein Mandant davon ausgegangen, dass sie den Sex ohne Gummi akzeptieren würde. Wenn es wirklich so ein schwerwiegender Übergriff gewesen wäre, hätte sie ihn nicht noch bis am nächsten Morgen in der Wohnung bleiben lassen. Dass sein Mandant einen Fehler gemacht habe, was er ihr im Chat nachher auch schrieb, sei unbestritten, aber juristisch nicht zu ahnden. Es habe sich nicht um eine Schändung im rechtlichen Sinn gehandelt, bei der von einer zum Widerstand unfähigen Person die Rede ist.

Mann muss Gerichtskosten zahlen

Das Gericht sprach den Mann frei. Man glaube zwar zu hundert Prozent den Aussagen der Frau, während der Mann ausweichende Antworten gab. Aber man dürfe jemanden nur für eine Tat bestrafen, die das Gesetz ausdrücklich unter Strafe stellt. Der Sex sei einvernehmlich gewesen, eine Schändung habe nach dem gesetzlichen Straftatbestand nicht vorgelegen. Das Entfernen des Kondoms sei lediglich eine Missachtung der Spielregeln beim Sex gewesen.

Der Richter wünschte sich ausdrücklich, dass der Fall weitergezogen wird, damit Rechtssicherheit herrsche. Weil der Beschuldigte das Strafverfahren selbst verschuldet hat, muss er die Gerichts- und Untersuchungskosten in der Höhe von rund 6000 Franken bezahlen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.02.2019, 17:20 Uhr

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