Auf neun Faustschläge folgen fünf Jahre Landesverweis

Am Bahnhof Stettbach prügelte sich ein in der Schweiz geborener Serbe. Das Bezirksgericht Uster hat nun ein Piloturteil gefällt.

Das Piloturteil des Bezirksgerichts Uster wird an das Obergericht weitergezogen.

Das Piloturteil des Bezirksgerichts Uster wird an das Obergericht weitergezogen. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Das Bezirksgericht Uster hat mit dem Urteil gegen einen Serben Neuland betreten, und das Obergericht oder allenfalls das Bundesgericht wird sich wohl ebenfalls noch mit dem Fall befassen. Konkret geht es um die Frage des Landesverweises bei Secondos. Laut Ausschaffungsrecht, das seit dem letzten Herbst in Kraft ist, muss eine obligatorische Landesverweisung angeordnet werden, wenn ein Ausländer wegen eines klar definierten Deliktes verurteilt worden ist. Dies betrifft die sogenannten Katalogtaten, die im Strafgesetzbuch genau aufgelistet sind. Der Gesetzgeber hat aber eine Härteklausel für in der Schweiz geborene oder aufgewachsene Ausländer eingebaut. «Ausnahmsweise» könne von der obligatorischen Landesverweisung abgesehen werden, wenn ein schwerer persönlicher Härtefall vorliegt.

Zum Fall: Nach einer durchzechten Nacht mit einem Kollegen am Zürichsee im Mai dieses Jahres eskalierte die Situation am Morgen beim Bahnhof Stettbach. Mit neun heftigen Faustschlägen schlug der Beschuldigte unvermittelt gegen den Kopf seines Schweizer Begleiters. Dieser fiel auf den Boden, und der Serbe versetzte dem wehrlosen Opfer noch einen Fusstritt gegen den Kopf. Am Prozess vor dem Bezirksgericht Uster sagte der geständige und nicht vorbestrafte Metallbauer, er wisse nicht mehr, warum er seinen ehemaligen Schulkollegen so brutal niedergeschlagen habe. Sie seien beide «voll dicht» gewesen, hätten zusammen mit einer Kollegin zwei Flaschen Whisky und rund zehn Bier getrunken. Sein Kollege habe ihn schon am Abend am See die ganze Zeit provoziert. Beim Bahnhof Stettbach sei er deshalb ausgerastet. Es tue ihm leid, er habe mit dem Kollegen wieder Frieden geschlossen, sie hätten es wieder gut miteinander.

Der Staatsanwalt klagte den Mann wegen versuchter schwerer Körperverletzung, Raubes und Nötigung an. Der Beschuldigte habe mit der Gewaltattacke schwere Verletzungen des Opfers in Kauf genommen. Es habe nur mit Glück keine schweren Verletzungen erlitten, denn unter der Schädelplatte habe sich Blut angesammelt. Für den Staatsanwalt war die Tat eine Strafaktion, weil der Kollege den Beschuldigten die ganze Nacht provoziert und aufgezogen habe.

Der Serbe war zudem noch des Raubs angeklagt. Er hatte im März zusammen mit einem 17-jährigen Bekannten einem jungen Mann in dessen Hobbyraum 15 Gramm Marihuana und 50 Franken geraubt. Dabei sei der Beschuldigte handgreiflich geworden und habe den Marihuanabesitzer an Armen und Schultern gepackt und ihn eingeschüchtert.

«Öffentliche Sicherheit überwiegt»

Der Staatsanwalt verlangte eine Freiheitsstrafe von 36 Monaten, wobei der Beschuldigte zwölf Monate absitzen soll. Er war bereits 42 Tage in Untersuchungshaft gesetzt worden. Zudem soll der Mann für fünf Jahre des Landes verwiesen werden und gleichzeitig im Schengener Informationssystem ausgeschrieben werden. Dies bedeutet ein Einreise- und Aufenthaltsverbot in fast allen europäischen Ländern. Raub und schwere Körperverletzung seien sogenannte Katalogtaten, so der Staatsanwalt, welche automatisch zu einem Landesverweis führen. Er verwies dabei auf die Weisung der Oberstaatsanwaltschaft, welche verlangt, dass bei über zweijährigen Strafanträgen ein Landesverweis beantragt werden müsse.

Der Verteidiger sagte, dass ein Landesverweis «eine ungeheuerliche Härte» für den Secondo darstellen würde. Der junge Mann sei in der Schweiz aufgewachsen, habe die Niederlassungsbewilligung C und nur wenig Bezug zu Serbien. Es habe sich um eine aussergewöhnliche Situation gehandelt, sein Mandant sei unter Alkohol und Drogen gestanden. Es bestehe für den nicht vorbestraften Mandanten keine Rückfallgefahr und kein öffentliches Interesse an einem Landesverweis.

Mindestens 2,3 Promille Alkohol

In seinem Plädoyer versuchte der Anwalt, die beiden Katalogtaten zu relativieren. Bezüglich der Attacke am Bahnhof Stettbach sagte der Anwalt, dass dem Beschuldigten nach der Verhaftung keine Alkoholprobe entnommen worden war. Dies sei einer Beweisvereitelung gleichzusetzen. Das Gericht müsse deshalb zugunsten des Beschuldigten von einem starken Alkoholkonsum und einer vollständigen Schuldunfähigkeit ausgehen. Denn beim Opfer seien 2,3 Promille gemessen worden, sein Mandant habe mindestens gleich viel getrunken. Beim zweiten Delikt, dem Vorwurf des Raubes und der Nötigung, handle es sich nur um einen geringfügigen Diebstahl. Sein Mandant habe den Marihuanabesitzer nur weggestossen und 50 Franken und etwas Gras gestohlen.

Das Bezirksgericht Uster folgte jedoch der Argumentation der Staatsanwaltschaft. Es verurteilte den 20-jährigen Serben wegen versuchter schwerer Körperverletzung, Raub und Nötigung zu einer teilbedingten Freiheitsstrafe von 32 Monaten, wobei er sechs Monate absitzen muss. Zudem wird er für die Dauer von fünf Jahren des Landes verwiesen, was gleichzeitig auch den Schengenraum umfasst. Sein Anwalt wird das Urteil weiterziehen.

Erstellt: 10.10.2017, 11:59 Uhr

Artikel zum Thema

Damit müssen straffällige Ausländer nun rechnen

Nach Ablehnung der Durchsetzungsinitiative tritt die vom Parlament beschlossene Verschärfung des Strafgesetzes in Kraft. Ein Überblick, was das für kriminelle Ausländer bedeutet. Mehr...

Davide Larible schuldig gesprochen

Das Bezirksgericht Zürich verurteilt den ehemaligen Knie-Clown Larible wegen sexueller Handlungen mit einem 14-jährigen Mädchen. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Kommentare

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Was für eine Plage: Eine Bauernstochter in Kenia versucht mit ihrem Schal Heuschrecken zu verjagen. (24. Januar 2020)
(Bild: Ben Curtis) Mehr...