Aus nichtigem Anlass zugestochen, sechs Jahre Gefängnis

Eine junge Frau hatte ihren Freund mit einem Messerstich ins Herz beinahe umgebracht. Das Gericht wertete die Tat als versuchte vorsätzliche Tötung.

Das Bezirksgericht Zürich hat sich mit einem aussergewöhnlichen Fall befasst, bei dem eine Frau wegen versuchter Tötung angeklagt war. (Bild: TA-Archiv)

Das Bezirksgericht Zürich hat sich mit einem aussergewöhnlichen Fall befasst, bei dem eine Frau wegen versuchter Tötung angeklagt war. (Bild: TA-Archiv)

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Er gamte zu viel, sie stach ihm mitten ins Herz. Das Gericht wertete die Tat als versuchte vorsätzliche Tötung. Dafür muss die Frau nun sechs Jahre ins Gefängnis. So das Urteil im Prozess, der am Freitag vor dem Bezirkgericht Zürich verhandelt worden ist.

Die Beziehungstragödie zwischen dem Schweizer Paar ereignete sich an einem Sonntagnachmittag im November 2017 in einer Wohnung in Zürich-Affoltern. Zwischen der damals 23-jährigen Restaurationsfachfrau und ihrem vier Jahre älteren Freund, einem Koch, war es zum wiederholt Male zu verbalen und teils handgreiflichen Auseinandersetzungen gekommen. Der Grund: Der Freund spielte wieder ein Videospiel auf der Playstation. Die Frau ärgert sich darüber und versteckt das Gerät. Als der Verlobte sagte: «So, jetzt isch fertig, ich gib dir en Magebox», eskalierte die Situation: Die Frau stach ihm mit einem Pizzamesser heftig in den Oberkörper.

Die elf Zentimeter lange Klinge verletzte den Herzmuskel, im Herzbeutel kam es zu einer grossen Blutansammlung. Nur dank einer notfallmässig durchgeführten Operation im Spital überlebte der Mann. Anschliessend stach sich die Freundin mit dem Messer in die Brust – in suizidaler Absicht. Sie wird nur leicht verletzt, weil die Klinge auf die Rippe traf.

«Trauma hat sich wiederholt »

Am heutigen Prozess vor dem Bezirksgericht Zürich sagte die geständige Frau mit Blick auf ihren Ex-Verlobten in den Zuschauerreihen, dass ihr die Tat leid tue. Als der Verlobte ihr mit dem Magenbox gedroht habe, sei ein traumatisches Erlebnis wieder hochgekommen. Denn ein halbes Jahr zuvor habe sie ihr sieben Wochen altes Kind während der Schwangerschaft verloren, weil der Freund sie in den Bauch geschlagen hatte – was beim Ex-Freund heftiges Kopfschütteln auslöste. Es sei eine Verzweiflungstat gewesen, sie habe ihn niemals töten wollen, sagte sie zum Richter.

Für Staatsanwalt Adrian Kaegi war die Tat versuchte vorsätzliche Tötung. Er verlangte eine Freiheitsstrafe von fünfeinhalb Jahren sowie eine ambulante Therapie während des Strafvollzugs. Die Beschuldigte habe mit dem Messerstich in den Brustkorb eine Todesfolge gewollt oder zumindest in Kauf genommen. Es sei nur dem Zufall zu verdanken, dass das Opfer nicht gestorben sei. Das Gewaltdelikt sei ohne nachvollziehbaren Grund verübt worden, ein klares Motiv sei nicht ersichtlich.

Schwangerschaft wird bezweifelt

Auch die Opferanwältin zweifelte an der Darstellung der Frau bezüglich der angeblichen Schwangerschaft. Es gebe keine Beweise dafür. Weder habe die Freundin dies gegenüber dem Arzt noch ihrer Mutter erzählt, zu der sie ein sehr enges Verhältnis habe. Zudem erwähnte die Anwältin eine Chatnachricht der Freundin an ihren Mandanten, in der diese geschrieben hat: «Ich bringe dich um, wenn ich schwanger bin.» Der Mann habe sich ein Kind gewünscht, der Messerstich habe die Zukunftspläne zunichte gemacht.

Marc Trachsel, der Verteidiger der jungen Frau, verlangte eine Freiheitsstrafe von 36 Monaten, wovon 26 Monate aufzuschieben seien. Die Frau, welche seit der Tat im Gefängnis ist, sei sofort zu entlassen. Er begründete die milde Strafforderung – die Minimalstrafe für Tötungsdelikte beträgt fünf Jahre – damit, dass das psychiatrische Gutachten von mittelgradig verminderten Schuldfähigkeit ausgeht. Auslöser der Tat sei das Trauma gewesen, unter welchem seine Mandantin seit dem Schlag in der Unterleib durch ihren Freund leide. «Sie hat in einer Extremsituation innerhalb eines Sekundenbruchteils einen fatalen Fehler gemacht», sagte der Anwalt.

Das Gericht verurteilte die Frau wegen versuchter vorsätzlicher Tötung zu einer Freiheitsstrafe von sechs Jahren. Da im Fall keine ganz ausserordentlichen Umstände für eine Unterschreitung der Minimalstrafe vorliegen, ging das Gericht nicht auf die Forderung des Verteidigers ein. Als strafmildernd wertete das Gericht die verminderter Schuldfähigkeit sowie eine gewisse Reue und Einsicht. Trotzdem befand das Gericht, dass die Frau aus nichtigem Anlass heftig zugestochen habe. Sie muss dem Opfer 20'000 Franken Genugtuung bezahlen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.10.2018, 16:23 Uhr

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