«Sie sind doch eine ältere, allein lebende Dame?»

1200 Betrugsversuche gab es dieses Jahr schon mit falschen Polizisten: Eine Rentnerin beschreibt, wie die Täter vorgehen.

Die falschen Polizisten geben an, das Vermögen der angerufenen Person in Sicherheit zu bringen.

Die falschen Polizisten geben an, das Vermögen der angerufenen Person in Sicherheit zu bringen. Bild: Keystone

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Am Sechseläuten läutet das Telefon bei der in Zürich wohnhaften Rentnerin, und eine hochdeutsche Frauenstimme meldet sich: «Polizei.» Die Rentnerin erschrickt im ersten Moment und denkt: «Ist etwas passiert?» Doch die Frauenstimme fragte nur: «Haben Sie letzte Nacht etwas gehört? Es wurde in Ihrer Nähe eingebrochen.» Die unbekannte Anruferin sagt, dass sie von der Europolizei sei, sich in Zürich auf der Polizeizentrale befinde und länderübergreifend mit der Kantonspolizei zusammenarbeite. Man sei hinter einer Bande her, deshalb sei es wichtig, dass «Sie uns alles, was Sie bemerkt haben, mitteilen». Als die verdutzte Rentnerin dies verneinte, weil sie geschlafen habe, fragte die Anruferin, ob ihr Schmuck oder Geld abhandengekommen sei.

Kapo-Nummer auf Telefondisplay

Um die Glaubwürdigkeit zu verstärken, erklärte die Anruferin: «Wir haben von einem der Männer einen Rucksack gefunden, ein dickes Notizbuch war drin, mit langen Adresslisten. Und Ihren Namen, Frau Müller (Name geändert), haben wir auch auf der Liste gefunden, Sie sind doch eine ältere, allein lebende Dame?» Die über siebzigjährige Rentnerin bestätigte dies und erkundigte sich nach dem Namen der Anruferin: «Katrin Fischer.» Aber sofort lenkte die falsche Polizistin von sich ab und fragte: «Haben Sie viele Besuche?» Die Rentnerin sagt, dass ihr Sohn öfters vorbeikomme, worauf die Anruferin wissen wollte, ob er in ihrer Nähe lebe. Die Rentnerin bekräftigte dies und – inzwischen misstrauisch geworden – googelte die Telefonnummer der Zürcher Kantonspolizei und bemerkte, dass sie mit der Nummer auf dem Display ihres Telefons übereinstimmt.

Die falsche Polizistin kommt wieder aufs Geld zurück. Sie fragt die Rentnerin, ob ihr wirklich nichts abhandengekommen sei und ob sie sich in letzter Zeit nicht beobachtet gefühlt habe, zum Beispiel am Bankschalter. Als die Rentnerin dies verneint und sagt, dass sie nicht an den Schalter gehe, sondern den Bancomat benutze, befiehlt ihr die falsche Polizistin: «Holen sie Ihren Bankauszug und kontrollieren Sie doch bitte, ob Ihnen wirklich nichts fehlt, ich warte am Telefon.» Nun ist für die Rentnerin klar, dass es sich um einen Betrugsversuch handelt. Sie hängt das Telefon auf und ruft die Nummer der Zürcher Kantonspolizei an. Hier erfährt sie, dass man wegen dieser Angelegenheit schon viele Anrufe bekommen habe. Es sei ein Leichtes, die Telefonnummer zu «spiegeln», sodass man sich mit der richtigen Kantonspolizei verbunden wähne.

Polizisten sprechen Hochdeutsch

Das Vorgehen der falschen Polizisten wird im Fachjargon als Spoofing (Verschleierung, Vortäuschung) bezeichnet. Der falsche Polizist warnt die angerufene Person, dass ihr Vermögen in Gefahr sei. Die Polizei könne es vorübergehend sicher aufbewahren. Das gelte auch für Vermögen auf Bankkonten. Entweder würde es abgeholt oder man solle es an einem Ort deponieren. Auffällig ist, dass die falschen Polizisten Hochdeutsch sprechen, es handelt sich um kriminelle Gruppierungen aus dem Ausland.

Auf dem Gerät der Angerufenen erschienen in vielen Fällen die Hauptnummer der Kantonspolizei Zürich (044 247 22 11), der Stadtpolizei Winterthur (052 267 51 52) oder die Notfallnummer 117. Mit relativ einfachen Mitteln können die Telefonnummern manipuliert werden.

Betrugssumme schon 1,2 Millionen Franken

Telefonbetrügereien sind ein einträgliches Geschäft. Die Kantonspolizei Zürich aktualisiert auf der Website (www.telefonbetrug.ch) laufend alle registrierten Fälle. So wurden im letzten Jahr 19 vollendete Telefonbetrugsfälle mit einer Deliktsumme von knapp zwei Millionen Franken gezählt. Im laufenden Jahr sind es bereits 29 vollendete Fälle mit einer Summe von 1,2 Millionen Franken. Das macht im Durchschnitt eine Beute von rund 44'000 Franken. Zudem gab es in den ersten vier Monaten dieses Jahres 1200 versuchte Fälle. Die Dunkelziffer wird auf über 6000 Fälle vermutet – täglich rund 54 versuchte Telefonbetrugsfälle!

Auf Twitter gibt die Kantonspolizei laufend an, welche Personen-Vornamen die Betrüger im Visier haben. So twitterte die Kapo am gestrigen Dienstag, dass die Betrüger unter der Nummer 044 247 22 11 vor allem Personen mit Vornamen Annemarie anrufen würden. Bei jedem Verdacht, so die Kantonspolizei Zürich, soll die Polizeirufnummer 117 gewählt werden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.04.2018, 06:41 Uhr

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Infobox

Die Polizei rät:

Melden Sie verdächtige Anrufe oder geplante persönliche Kontaktaufnahmen umgehend der Polizei auf der Notrufnummer 117.
Deponieren Sie keinesfalls irgendwo Bargeld oder Wertsachen und übergeben Sie niemals Bargeld, Schmuck oder andere Wertsachen an Ihnen nicht bekannte Personen.
Wenn Sie sich durch den Anrufer oder die Anruferin unter Druck gesetzt fühlen, beenden Sie das Telefongespräch umgehend.
Trauen Sie der Display-Anzeige nicht. Die Anzeige auf Ihrem Telefon kann manipuliert sein.

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