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Der Nackte auf dem Hirsch und andere kuriose Geschichten

Im Zürcher Gerichtsalltag gibt es kleine Dramen und grosse Plädoyers. Vier Fälle direkt aus dem Leben.

Hier posierte der Künstler nackt: Hirschskulptur vor dem Gasthaus Hirschen in Trüllikon. Foto: Tripadvisor
Hier posierte der Künstler nackt: Hirschskulptur vor dem Gasthaus Hirschen in Trüllikon. Foto: Tripadvisor

Für gewöhnlich machen nur die grossen, dramatischen Prozesse Schlagzeilen. Terror, Millionenbetrug, berühmte Angeklagte. Daneben gibt es aber noch den Alltag: Die Zürcher Gerichte bearbeiten jedes Jahr mehr als 4000 Strafprozesse. Wir haben vier davon begleitet.

Der Wütende: Meilen, 08:35 Uhr

Mit fünf Minuten Verspätung werden ein 78-Jähriger und seine Verteidigerin in den Gerichtssaal gebeten. Die Verzögerung lässt sich leicht aufholen, weil der 78-Jährige sich nicht zu den Tatvorwürfen äussert. Es sind die gleichen, wegen denen er bereits vor sechs Jahren einmal verurteilt wurde: Der 78-Jährige soll über den Erlenbacher Gemeinderat und Mitarbeitende der Verwaltung ehrverletzende Äusserungen gemacht haben.

Zudem soll er sich über das Verbot des Obergerichts hinweggesetzt haben, über die Gemeindebehörde zu behaupten, «ihre Schreiben seien erstunken und erlogen, gaunerhaft erpressend und despotisch». Ihm droht eine unbedingte Geldstrafe von 48‘000 Franken (150x320 Franken) und eine Busse von 8000 Franken.

Der Anwalt der Gemeinde Erlenbach verlangt eine Friedensbürgschaft von 100’000 Franken. Der 78-Jährige soll versprechen, die Äusserungen nicht mehr zu wiederholen – hält er sich nicht daran, verfällt sein Anspruch auf das Geld.

Der Künstler: Andelfingen, 9.15 Uhr

Vor dem kleinsten Zürcher Bezirksgericht muss sich ein 56-Jähriger verantworten. Er wird beschuldigt, gegen die Polizeiverordnung der Gemeinde Trüllikon verstossen und Sitte und Anstand verletzt zu haben. Der Künstler aus dem deutschen Rottweil hat sich im April 2017 mitten in Trüllikon nackt auf die Hirschskulptur vor dem Restaurant Hirschen gesetzt und sich so fotografiert. Er wähnte sich allein, aber eine Familie beobachtete ihn aus einem Nachbarhaus und erstattete Anzeige.

«Werde ich hier verurteilt, kann ich nirgends in der Schweiz mehr meine Fotos machen.»

Der Künstler

Darauf flatterte dem Künstler eine Busse von hundert Franken ins Haus, die er nicht akzeptiert. Richter Lorenz Schreiber befragt den Mann ausführlich, er scheint alle Zeit der Welt zu haben. Man kann es verstehen, in Andelfingen gibt es höchstens ein Mal pro Woche ein Strafverfahren.

Der Künstler argumentiert, ufert aus, redet. Aufs Wesentliche destilliert, geht es ihm um die Freiheit der Kunst. Und seine Kunst besteht nun mal aus Fotos, auf denen er – meist nackt – neben Skulpturen posiert. Mal in Trüllikon, mal in Berlin. «Werde ich hier verurteilt, kann ich nirgends in der Schweiz mehr meine Fotos machen», sagt er.

Der Wütende: Meilen, 10 Uhr

Die Verteidigerin des 78-Jährigen aus Erlenbach verlangt einen Freispruch. Dass er sich «ungeschickt» geäussert hat, bestreitet sie nicht. Dass die Ausdrücke zum Teil «grenzwertig» seien, stellt sie nicht in Abrede. Aber es gebe einen «Unterschied zwischen schlechten Manieren und Strafbarkeit». Unanständige Äusserungen seien nicht automatisch ehrverletzend.

Der Künstler: Andelfingen, 11.20 Uhr

Fast zwei Stunden lang hat der Künstler über seinen Werdegang geredet – er ist gelernter Automechaniker, zur Fotografie kam er erst vor zehn Jahren –, nun zeigt er dem Gericht einige seiner Werke. Fotos, die ihn hüllenlos vor Skulpturen zeigen, meist ahmt er deren Pose nach. Warum er diese Kunst mache, will der Richter wissen. «Fragen Sie Joseph Beuys, warum er seinen Fettfleck machte», entgegnet der Beschuldigte. «Kunst lässt sich nicht auf eine Erwartung einengen.» Der Trülliker Hirsch sei ein Naturmotiv, da habe er nur unbekleidet dazu gepasst: «Es war die Inspiration dieses Moments.»

Der Wütende: Meilen 11.50 Uhr

Das Verfahren gegen den Erlenbacher Rentner geht seinem Ende entgegen. Der Beschuldigte liest ein vorbereitetes Schlusswort ab Blatt: Für ihn ist klar, dass die falsche Person vor Gericht steht. Er sei es, der «von der Obrigkeit nicht ernst genommen, sondern provoziert und schikaniert» werde. «Die Ohnmacht gegenüber der Obrigkeit ist die schlimmste Form der Ohnmacht.»

Um 12.03 Uhr schliesst die Einzelrichterin die Verhandlung. Wann das Urteil verkündet wird, steht noch nicht fest.

Die Bankangestellte: Zürich, Badenerstrasse, 13.30 Uhr

In ganz anderen Dimensionen bewegt sich der Prozess, der nun am Bezirksgericht Zürich gegen eine ehemalige 55-jährige Direktionsassistentin der UBS beginnt. Die Schweizerin ist angeklagt, zwischen 2003 und 2010 mit der Kreditkarte der Bank, die sie für geschäftliche Auslagen verwenden durfte, für den privaten Gebrauch Kleider, Schmuck, Reisen, Hotel- und Restaurantbesuche im Wert von über einer Million Franken getätigt zu haben. Die Frau verteidigt sich, sie habe nie etwas vertuscht. Alle Spesenbelege seien von den Vorgesetzten unterschrieben worden und auch beim Controlling durchgegangen: «Wann die Kreditkarte für Geschäftliches und wann für Privates gebraucht werden konnte, ist von den Vorgesetzten nie genau definiert worden.»

Der Künstler: Andelfingen, 14 Uhr

Gemäss Zeitplan hätte vor einer halben Stunde das Urteil eröffnet werden sollen. Tatsächlich beginnt jetzt erst das Plädoyer, das der Beschuldigte selbst hält. Er verlangt einen Freispruch. Kunst könne gar nicht gegen Sitte und Anstand verstossen. Nach 13 Minuten ist er fertig, nun beginnen der Richter und seine Schreiberin die Urteilsberatung – wie üblich ohne Publikum.

Die Polizistin: Zürich, Wengistrasse, 14.06

350 Meter von der Badenerstrasse entfernt befindet sich eine Dependance des Bezirksgerichts. Hier tagen die Einzelrichter, die über Strafen bis zu einem Jahr entscheiden dürfen. An diesem Nachmittag stehen zwei Personen vor Gericht: . Ein 27-jähriger Kommunikationsfachmann – und eine 34-jährige Polizistin.

«Schaut seinen Penis an. Mit diesem kann er doch keine Frau befriedigen.»

Das soll die Polizistin gesagt haben

Der Mann soll eine Polizeipatrouille bei einer Kontrolle als «Schwuchteln», «Scheiss-Bullen» und «Wixxer» beschimpft haben. Zur Polizistin soll er gesagt haben: «Willst du meinen Schwanz sehen?» Bei der späteren Leibesvisitation soll die Polizistin dann die Retourkutsche gefahren haben. Als der 27-Jährige nackt in der Zelle stand, soll die Frau an ihre Kollegen gewandt gesagt haben: «Schaut seinen Penis an. Mit diesem kann er doch keine Frau befriedigen.»

Die Polizistin bestreitet den Vorwurf. An der Leibesvisitation sei sie gar nicht anwesend gewesen. Auch der 27-Jährige, der damals «ziemlich betrunken», streitet die angeblichen Beschimpfungen ab. Er habe die Polizisten nur für die wenig freundliche Kontrolle kritisiert.

Die Bankangestellte, Zürich, Badenerstrasse, 15.00 Uhr

Weil es im Fall der Bankangestellten um einen hohe Strafe geht, plädiert auch der Staatsanwalt. Er verlangt eine Strafe von 36 Monaten bestraft werden, davon soll die Frau 12 Monate absitzen. Sie habe das Vertrauen der Vorgesetzten ausgenutzt. Der Verteidiger verlangt einen Freispruch. Seine Mandantin sei der Meinung gewesen, alle ihre Bezüge seien abgesegnet gewesen.

Der Künstler: Andelfingen, 15.30 Uhr

Mit 15 Minuten Verspätung bittet Richter Lorenz Schreiber zur Urteilseröffnung. Dem Künstler dürfte es einerlei sei: Der lange Tag endet für ihn mit einem Freispruch. Begriffe wie «Sitte und Anstand» seien zu schwammig, um als Grundlage für eine Strafe zu dienen, sagt Schreibe. Der Staat müsse klar benennen, was strafwürdig sei.

Die Polizistin: Zürich, Wengistrasse, 16.45 Uhr

Richter Roger Harris verkündet die Urteile mit 30 Minuten Verspätung: Freispruch für die Polizistin, Schuldspruch für den 27-Jährigen. Entscheidend waren die Aussagen von vier Polizisten, die als Zeugen ausgesagt hatten. Der 27-Jährige, bereits zweimal vorbestraft, wird zu einer bedingten Geldstrafe von 15 Tagessätzen à 80 Franken verurteilt. Weil er während einer laufenden Probezeit bestraft worden ist, muss er aber eine frühere Geldstrafe von 8100 Franken bezahlen. Zudem muss er die Gerichtsgebühren von 1500 Franken übernehmen.«Sie haben ein bisschen Mühe mit dem Gesetz», sagt der Richter, ehe er die Anwesenden entlässt.

Die Bankangestellte: Badenerstrasse, 18.30 Uhr

Freispruch für die Direktionsassistentin. Die Anklage habe nicht aufzeigen können, wie die Frau das Controlling überlistet habe. Sie habe nur Mutmassungen gemacht, aber keine Beweise erbracht, so die Richterin.

Und dann sagt sie einen Satz, der fast eine Zusammenfassung des Tages sein könnte: «Das Gericht ist keine moralische Instanz, sondern nur dem Gesetz verpflichtet.»

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