Eklat am Leichenschändungs-Prozess

Ein Mann wird beschuldigt, eine junge Französin erwürgt und sich danach an ihrer Leiche vergangen zu haben. Im Gerichtssaal bewarf ihn die Schwester der Getöteten mit Schuhen.

Blumen für die Tote kurz nach der Tat: Der Eingang zum Wohnhaus, in dem die junge Französin getötet wurde. Bild: Stefan Hohler

Blumen für die Tote kurz nach der Tat: Der Eingang zum Wohnhaus, in dem die junge Französin getötet wurde. Bild: Stefan Hohler

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Der 34-jährige Romand und die 28-jährige Französin hätten nicht unterschiedlicher sein können. Er ein IV- und Sozialhilfebezüger, der seit Jahren nicht arbeitete und psychisch schwer krank ist. Sie eine gut ausgebildete Pariserin mit Ökonomieabschluss, die sich auf den neuen Job bei einer renommierten Unternehmensberatungsfirma freute. Bei der Suche nach einer Möglichkeit, zur Untermiete in Zürich zu wohnen, hatte sie sich drei Monate vor ihrem Tod auf ein Inserat gemeldet, welches der Romand aufgegeben hatte.

Doch schon bald kam es in der Wohnung in einem Mehrfamilienhaus im Zürcher Balgristquartier zu heftigen Streitereien zwischen den beiden – vor allem wegen des Zusammenlebens und der Untermietverhältnisse. Am 20. September 2016 gerieten die beiden wieder aneinander. Dieses Mal eskalierte die verbale Auseinandersetzung und der Mann erwürgte die junge Frau. Nach der Tat verging sich der Beschuldigte sexuell an der Leiche.

Herrisch und arrogant

Der kräftige Mann mit kahlem Kopf und Schnauz kam als dreijähriges Adoptivkind aus Kolumbien in die Schweiz. Er hat keine Lehre abgeschlossen, konsumiert Heroin, hat diverse Vorstrafen und bezieht seit fünf Jahren eine IV-Rente. Am Prozess heute Dienstag vor dem Bezirksgericht Zürich zeigte sich der Beschuldigte bei der Befragung durch den vorsitzenden Richter Sebastian Aeppli herrisch und arrogant.

Zum Tatablauf sagte der Romand, dass er die Frau nicht töten, sondern nur «beruhigen» wollte. Die Frau habe ihn beleidigt und gesagt, dass er einen kleinen Schwanz habe und schwul sei. Er sei nutzlos, habe keinen Beruf und sei für nichts gut. Sie habe ihn auch angegriffen. Diese Kränkungen hätten ihn aus dem Gleichgewicht gebracht. Eine «obere Kraft» habe ihn geleitet, sie sei wie ein Donner oder Blitz über ihn hergekommen.

Die Mutter und die beiden Schwestern des Opfers verlassen mit ihrem Anwalt das Gericht. (Bild: hoh)

In der Untersuchung sagte der Romand, dass er nach der Würgeattacke eine Erleichterung gefühlt und die Situation sich gelöst habe. «Ich war nicht mehr im Normalzustand», sagte der Beschuldigte am Prozess.

Zum Vorwurf der Leichenschändung wollte sich der Mann «aus Respekt» gegenüber der Mutter und den beiden Schwestern nicht äussern. Die drei Frauen waren zum Prozess aus Paris angereist und schüttelten über die Äusserungen des Mannes immer wieder den Kopf. Die Mutter weinte manchmal leise.

Gerichtspräsident musste eingreifen

In seinem Schlusswort schilderte der Beschuldigte seine Untermieterin als unerträglich aggressive Frau, die ihn bedrohte, beschimpfte und schliesslich angriff. Er habe sie nicht töten wollen.

Dann wandte er sich auf Französisch an die Mutter und Schwester des Opfers, die aus Frankreich angereist waren. Aber schon nach den Worten «Ich wollte nie...» kam es zum Eklat: Die Schwester der Getöteten bewarf den Beschuldigten schreiend mit ihren Schuhen und einer Wasserflasche. Der Gerichtspräsident ging dazwischen und verwies sie des Saals. Die Mutter entschuldigte sich leise.

Schon zuvor waren die zweite Schwester und vorübergehend auch der Beschuldigte hinausgeschickt worden. Sie hatte den Mann lauthals beschimpft. Dieser hatte ebenso laut zurückgegeben. Mit dem Schlusswort kündigte er eine Anzeige gegen die junge Frau an: Sie habe ihn bedroht und beleidigt.

Besuch bei rund 150 Prostituierten

Aeppli wollte vom Beschuldigten wissen, weshalb er aus 50 Bewerbern das spätere Opfer ausgewählt habe. Es wären doch die meisten interessierten Untermieter bereit gewesen, sogar mehr zu bezahlen als die 900 Franken. Der Mann antwortete, dass es ein spontaner Entscheid gewesen sei. Er habe die Frau weder körperlich noch emotional interessant gefunden. In Videoaufzeichnungen hatte er sie aber attraktiv und verführerisch genannt.

Der Beschuldigte hatte öfters Besuch von Prostituierten oder Escortdamen – vor allem Dunkelhäutige wie das Opfer. In einem früheren Gutachten hatte er gesagt, dass er im Alter zwischen 13 und 20 Jahren rund 150 Prostituierte besucht habe.

Behauptungen um Christian Constantin

Im Verlaufe des Prozesses behauptete der Beschuldigte zudem, Sohn von FC-Sion-Präsident Christian Constantin zu sein. Als Richter Aeppli ihn darauf hinwies, dass er zuvor gesagt habe, seine leiblichen Eltern in Kolumbien seien bei einem Vulkanunglück ums Leben gekommen, antwortete der Beschuldigte nur: «Es gibt offizielle und offiziöse Meinungen.» Mehr wolle er nicht sagen.

Dafür äusserte sich später der Gerichtspsychiater zum Thema. Der Beschuldigte habe demnach Hunderte Mails versendet, in denen er Constantin beschuldigte, in einer pädophilen, satanischen Sekte zu sein und seinen Sohn als Sklaven halten zu wollen. Weiter bezichtigte der Beschuldigte den Kanton Wallis und die Eidgenossenschaft der Komplizenschaft und wollte Constantin um eine Million Franken erpressen. Dafür war er 2015 wegen Erpressung und übler Nachrede verurteilt worden.

Staatsanwalt fordert stationäre Massnahme

Obwohl der Beschuldigte laut psychiatrischem Gutachten schwer krank ist und eine schizzoaffektive Psychose hat, sieht sich der Mann selber als vollständig gesund. Er brauche auch keine Medikamente, und einer stationäre Massnahme in einer geschlossenen psychiatrischen Klinik, wie dies der Staatsanwalt fordert, würde er sich nie unterziehen.

Laut Steffen Lau, Chefarzt der Klinik für Forensische Psychiatrie in Rheinau, war der Beschuldigte bei der Tat steuerungsunfähig. Bei der anschliessenden Leichenschändung sei die Steuerungsfähigkeit erheblich vermindert gewesen. Der Mann müsse medikamentös behandelt werden. Eine eigentliche Tötungsabsicht habe er bei der Befragung aber nicht herausgefunden.

Der Staatsanwalt verlangt, dass das Gericht beim Beschuldigten eine stationäre Massnahme zur Behandlung der psychischen Störung anordnet (sogenannte kleine Verwahrung), weil eine nicht selbst verschuldete Schuldunfähigkeit vorliege. Folgt das Gericht dem Antrag des Staatsanwaltes, wird der Beschuldigte in einer vermutlich geschlossenen Klinik untergebracht und dort therapeutisch behandelt.

«Tragischer Unfall»

Der Verteidiger bezeichnete den Tod der Frau als «tragischen Unfall» und das Opfer als «Angreiferin». Sein Mandant habe in Notwehr gehandelt, nachdem die Französin auf ihn losgegangen sei. Wenn sie das nicht getan hätte, wäre nichts passiert. Der Mann habe sie nur beruhigen, nicht aber töten wollen.

Weil im übrigen kein Zusammenhang zwischen dem «Unfall» und der Krankheit des Beschuldigten bestehe, und zudem die Massnahmenwilligkeit seines Mandanten fehle, sei keine Massnahme anzuordnen. Das Gericht solle nicht auf das Gutachten abstellen. Einzig für die Schändung sei der Mann mit unbedingten 18 Monaten zu bestrafen. Da er diese abgesessen hat – er befindet sich seit der Tat in Haft – sei er umgehend zu entlassen.

Tagesanzeiger.ch/Newsnet berichtet laufend. Das Urteil wird diese Woche schriftlich eröffnet.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.09.2018, 18:55 Uhr

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