Frau sticht Freund nieder – jetzt sind sie wieder ein Paar

Das Gericht schiebt die Freiheitsstrafe von viereinhalb Jahren zugunsten einer stationären Massnahme auf.

Vor dem Bezirksgericht Uster stand eine Frau, die mit einem Küchenmesser auf ihren Freund eingestochen hatte.

Vor dem Bezirksgericht Uster stand eine Frau, die mit einem Küchenmesser auf ihren Freund eingestochen hatte. Bild: Keystone

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An jenem Novembermorgen 2016 packte die 30-jährige Frau in der Wohnung ihres Freundes ihre Sachen zusammen. Ihre Schwester, die sie zuvor hergebeten hatte, half ihr dabei. Es war etwa 10.15 Uhr, als sie in die Küche ging, eine Schublade öffnete und dort ein mindestens Respekt, aber noch eher Furcht einflössendes Küchenmesser mit einer Klingenlänge von gut zwanzig Zentimetern behändigte.

Sie begab sich ins Schlafzimmer, wo sie in die Bettdecke stach, unter der ihr vier Jahre älterer Freund lag. Die Klinge drang fast zehn Zentimeter in den Oberbauch ein. Kaum hatte sie zugestochen, sagte sie zu ihm, er habe Glück, dass ihre Schwester anwesend sei, ansonsten sie ihn enthauptet hätte. Dass der 34-Jährige nicht starb, war der sofortigen ärztliche Intervention zu verdanken. Für die Alarmierung musste das Opfer selber besorgt sein. Die Frau hatte die Wohnung nach der Attacke verlassen.

2,5 Promille intus

Am Donnerstag stand die zierliche Frau wegen versuchter vorsätzlicher Tötung vor dem Bezirksgericht Uster. Was veranlasste sie zu dieser Gewalttat? Warum sagte sie den Polizisten, die sie verhafteten, ihr Freund hätte es verdient, zerhackt zu werden? Letztlich blieb das Motiv nebulös. Da war die Rede davon, dass die Frau zwei Wochen vor ihrer Tat vom Freund geschlagen worden war – eine Erfahrung, die sie in viel brutalerem Ausmass bereits bei einem früheren Freund gemacht hatte.

Da war die Rede von einer schweren Persönlichkeitsstörung vom Borderline-Typus. Und davon, dass die sehr alkoholtolerante Frau zur Tatzeit mindestens 2,5 Promille intus hatte. Offenbar hatte das Paar die Nacht vor der Tat durchdiskutiert. Und für die Frau war es anscheinend klar, dass es sinnvoll oder notwendig ist, mindestens vorübergehend auf Distanz zu gehen.

«Eine irrationale Situation»

Die Beschuldigte selber sprach wiederholt und unspezifisch von einem «Bedrohungsgefühl» und davon, dass sie ihren Freund als «unberechenbar» empfunden habe. «Heute weiss ich, dass ich unberechenbar war.» Sie habe nicht ihren Freund, sondern dieses Bedrohungsgefühl töten wollen. «Ich wusste mir nicht anders zu helfen.» Irgendwie sei sie durchgedreht, «es war eine irrationale Situation».

Der Staatsanwalt forderte eine Verurteilung wegen versuchter vorsätzlicher Tötung. Sie habe den Tod des Freundes mindestens in Kauf genommen. Die beantragte Freiheitsstrafe von achteinhalb Jahren soll zugunsten einer stationären Massnahme aufgeschoben werden – eine Massnahme, welche die Frau im letzten Herbst im Frauengefängnis Hindelbank bereits angetreten hat. Aufgrund des psychiatrischen Gutachtens attestierte er ihr eine im mittleren Grade verminderte Schuldfähigkeit.

Anders sah es der Verteidiger der Frau. Sie habe den Tod ihres Freundes nie gewollt und auch nicht in Kauf genommen. Als Gründe für die Tat nannte er das Gefühl einer starken Bedrohung, die starke Alkoholintoxikation, den Schlafentzug sowie eine emotionale Instabilität. Aufgrund der stark verminderten Schuldfähigkeit sei eine bedingte Strafe von zehn Monaten wegen schwerer Körperverletzung angemessen. Die ambulante Therapie solle sie in einer betreuten Wohneinrichtung absolvieren.

Freund hat kein Interesse an Verurteilung

Für das Gericht gab es keine Diskussion über die rechtliche Qualifikation der Tat. Etwas anderes als eine versuchte vorsätzliche Tötung komme nicht in Betracht. Und ebenso klar sei, dass die Frau eine stationäre Behandlung benötige. Mit der verhängten Freiheitsstrafe von viereinhalb Jahren unterschritt das Gericht gar die übliche Mindestgrenze von fünf Jahren.

Trotz der dramatischen Vergangenheit möchten Täterin und Opfer weiterhin beisammenbleiben. «Ich bin sehr positiv gestimmt. Wir passen schon zueinander», sagte die Frau, die sich im Gerichtssaal direkt an den 34-Jährigen wandte: «Es tut mir megaleid, ich wollte dich nicht umbringen.» Er scheint es nicht anders zu sehen. Vor dem Gerichtssaal wetterte er über die Schweizer Justiz. Er hat ihr längst verziehen und schriftlich erklärt, dass er an einer Verurteilung der Frau kein Interesse hat.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.01.2018, 16:57 Uhr

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