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«Kleine Verwahrung» für Schwiegertochter

Das Bezirksgericht Dietikon hat eine Nigerianerin wegen Schuldunfähigkeit des Mordes an der Schwiegermutter freigesprochen. Sie wird in eine geschlossene Klinik eingewiesen.

Das Gericht muss entscheiden, ob die Frau ihre Schwiegermutter brutal umgebracht hat. (Zeichnung: Robert Honegger)
Das Gericht muss entscheiden, ob die Frau ihre Schwiegermutter brutal umgebracht hat. (Zeichnung: Robert Honegger)

Am Prozess vor dem Bezirksgericht Dietikon steht eine heute 35-jährige Nigerianerin, die ihre betagte Schwiegermutter in deren Wohnung in Oberengstringen getötet haben soll. Vor Gericht stritt die Frau die Tat unter Tränen vehement ab: «Ich war es nicht.» Als sie an jenem 27. Januar 2016 am Nachmittag von der Sprachschule nach Hause gekommen sei, habe sie die Schwiegermutter im Bett liegen sehen und gemeint, dass sie schlafe.

Dass es mit der Schwiegermutter Spannungen gegeben habe, bestritt die Frau nicht. Sie habe sich aber nicht mit «Mami» gestritten. Die Differenzen betreffen den Kinderwunsch der Beschuldigten. Die Schwiegermutter riet ihrem heute 51-jährigen Sohn davon ab. Er sei dafür zu alt. Das habe sie wütend gemacht, sagte die Beschuldigte. Getötet habe sie die Schwiegermutter aber nicht.

Auf den Brustkorb gekniet Laut Staatsanwalt Michael Scherrer soll die Nigerianerin deshalb im Januar 2016 den Entschluss gefasst haben, die 84-Jährige aus dem Weg zu räumen. Am 27. Januar 2016 attackierte sie die Schwiegermutter mit massiver körperlicher Gewalt. Laut Anklageschrift kniete die Beschuldigte auf dem Brustkorb des Opfers und hielt ihm mit den Händen die Atemwege zu. Die alte Frau erlitt verschiedene innere Verletzungen. Danach legte sie die Schwiegermutter ins Bett und deckte sie zu.

Denn die Beschuldigte habe Angst gehabt, dass der Streit mit der Schwiegermutter die Beziehung zum Schweizer Ehemann beeinträchtigen würde und er sich von ihr trennen könnte. Dies war ihr bereits einige Jahre früher in Italien passiert. Sie hatte 2008 einen Italiener geheiratet. Diese Ehe wurde nach zwei Jahren geschieden, und die Frau musste wieder als Prostitutierte arbeiten. Sie machte die damalige Schwiegermutter dafür verantwortlich.

Schizophrenie und Wahnvorstellungen

Der Staatsanwalt verlangte wegen Mordes eine Strafe von zwölf Jahren. Die Strafe soll zugunsten einer stationären Massnahmen in einer geschlossenen psychiatrischen Klinik aufgeschoben werden. Das entspricht der sogenannten «kleinen Verwahrung». Denn die Frau leidet laut psychiatrischem Gutachten unter Schizophrenie und Wahnvorstellungen. Die Nigerianerin hatte im Gefängnis zum Beispiel Erbrochenes nach den Betreuern geworfen, weil sie in ihnen den Teufel sah. Sie sei stark vermindert schuldfähig, sagte Scherrer, ansonsten er eine Strafe von 18 oder 19 Jahren gefordert hätte.

Auch ihr Auftreten am Prozess legte diese Diagnose nahe. Sie gestikulierte, weinte und rief immer wieder unkoordiniert dazwischen. Gleichzeitig konnte sie kaum eine Frage schlüssig beantworten.

Die Beschuldigte weist jede Schuld von sich und will mit dem Tötungsdelikt nichts zu tun gehabt haben, wie die Verteidigerin auf Anfrage der Nachrichtenagentur sda sagte. Sie plädiere deshalb auf unschuldig. Falls das Bezirksgericht Dietikon dennoch zu einem Schuldspruch komme, werde verminderte oder gänzliche Schuldunfähigkeit geltend gemacht.

Schlimme Jugend

Der Schweizer Mann hatte die Frau 2014 auf der Insel Lanzarote in Spanien als Prostituierte auf dem Strassenstrich kennengelernt. Die beiden wurden ein Paar, heirateten Ende 2015 und zogen vorübergehend in die Wohnung der Schwiegermutter in Oberengstringen. Dies weil die geplante Eigentumswohnung noch nicht bezugsbereit war.

Die Frau hatte gemäss dem Staatsanwalt in Benin City eine schlimme Jugendzeit verbracht. Sie wuchs in ärmlichsten Verhältnissen auf, wurde sexuell missbraucht und schon früh auf den Strassenstrich geschickt.

Volle Schuldunfähigkeit

Am Freitagabend fällte das Bezirksgericht Dietikon das Urteil. Für das Gericht ist klar, dass die Frau «vorsätzlich und rechtswidrig» den Tod der Rentnerin verursacht hat. Die Beschuldigte wurde aber wegen Schuldunfähigkeit vom Vorwurf des Mordes freigesprochen. Das Gericht ordnete eine stationäre Massnahme in einer geschlossenen Klinik an. Dort wird sie therapeutisch und medikamentös behandelt. Die Aufenthaltsdauer hängt vom Therapieerfolg ab; einstweilen sicher einmal fünf Jahre.

Die Indizien würden dafür sprechen, dass die Beschuldigte ihre Schwiegermutter getötet habe. Ihr Ehemann habe ein «wasserdichtes» Alibi, eine Dritttäterschaft könne ausgeschlossen werden. Für das Gericht war das Tatmotiv der Streit um den Kinderwunsch der Beschuldigten, welcher vom Opfer abgelehnt wurde.

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