«Kleine Verwahrung» für paranoiden Täter

Ein schizophrener IV-Rentner, der unvermittelt einen 62-jährigen Mann angegriffen hat, muss in eine psychiatrische Klinik. Dies entschied das Bundesgericht.

Für das Bundesgericht in Lausanne ist der Beschuldigte nicht in der Lage, in Freiheit seine Medikamente einzunehmen. (Bild: TA-Archiv)

Für das Bundesgericht in Lausanne ist der Beschuldigte nicht in der Lage, in Freiheit seine Medikamente einzunehmen. (Bild: TA-Archiv)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der IV-Rentner hatte in seiner Jugend jahrelang in der offenen Zürcher Drogenszene verkehrt und erhielt bereits mit 22 Jahren wegen psychischer Probleme eine hundertprozentige Rente. Er leidet an einer paranoiden Schizophrenie und einer dissozialen Persönlichkeitsstörung, mitverursacht durch den jahrelangen Drogenkonsum. Zudem verfügt er über eine stark eingeschränkte Impulskontrolle.

So auch an jenem Julitag 2017, als er unvermittelt einem 62-jährigen Mann, der auf einem Bänkchen einer Bushaltestelle in Bülach sass, eine Getränkedose an den Kopf warf und auf ihn einprügelte. Der 62-Jährige versuchte noch zu fliehen, wurde jedoch vom Angreifer verfolgt. Das Opfer stürzte, und der IV-Rentner trat dem am Boden Liegenden auf den Kopf. Das Opfer erlitt verschiedene Verletzungen an Kopf, Hand und Rippen. Dass es nicht lebensgefährlich verletzt wurde, war allein dem Zufall zu verdanken. Der IV-Rentner befindet sich seitdem in Haft.

Staatsanwalt plädierte auf «kleine Verwahrung»

Das Bezirksgericht Bülach stellte im letzten Jahr fest, dass der Beschuldigte eine versuchte schwere Körperverletzung im Zustand der nicht selbst verschuldeten Schuldunfähigkeit begangen habe. Es gab dem Mann noch einmal eine Chance und ordnete eine ambulante Therapie an, die während zweier Monate stationär eingeleitet werden soll.

Dagegen erhob die Staatsanwaltschaft Beschwerde an das Obergericht. Der Staatsanwalt hatte für eine stationäre Massnahme plädiert – die sogenannte kleine Verwahrung, wie dies auch der Gutachter aufgrund der Gefährlichkeit und Rückfallgefahr des Beschuldigten empfohlen hatte. Das Obergericht folgte dem Staatsanwalt, worauf der Beschuldigte ans Bundesgericht gelangte.

Passanten auf Plätzen angegriffen

Die obersten Richter in Lausanne bestätigten aber in einem heute Dienstag veröffentlichten Urteil den Entscheid des Zürcher Obergerichts. Allein die Vielzahl der Einlieferungen in psychiatrische Kliniken würde darauf hindeuten, dass der Beschwerdeführer nicht in der Lage sei, in Freiheit die medikamentöse Behandlung seiner psychischen Krankheit und seiner Suchtmittelabhängigkeit konsequent durchzuführen.

Weiter schreibt das Bundesgericht, dass der Beschuldigte mehrfach in psychotischem und aggressivem Zustand auf öffentlichen Plätzen Passanten angegriffen habe und mittels fürsorgerischen Freiheitsentzugs in Kliniken gebracht werden musste. Deshalb sei die Beschwerde des IV-Rentners abzuweisen.

Erstellt: 28.05.2019, 16:21 Uhr

Artikel zum Thema

«Kleine Verwahrung» für Schwiegertochter

Das Bezirksgericht Dietikon hat eine Nigerianerin wegen Schuldunfähigkeit des Mordes an der Schwiegermutter freigesprochen. Sie wird in eine geschlossene Klinik eingewiesen. Mehr...

Kontroverse um kleine Verwahrung

Soll bei Straftätern auch ohne psychische Störung eine stationäre Therapie angeordnet werden können? Ein Bundesgerichtsurteil und Aussagen von Experten deuten in diese Richtung. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Paid Post

Mit CallDoc clever und flexibel versichert

Lassen Sie sich rund um die Uhr medizinisch beraten – und sparen Sie dabei! Profitieren Sie vom Prämienrabatt der Grundversicherung. Jetzt Offerte anfordern.

Kommentare

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Bergungsarbeiten nach Taifun-Katastrophe: Der heftige Wirbelsturm «Hagibis» hinterliess über weite Teile Japans eine Spur der Verwüstung. Die Zahl der Todesopfer ist gemäss eines japanischen Fernsehsenders auf 66 gestiegen. (15. Oktober 2019)
(Bild: Jae C. Hong/AP) Mehr...