Mutter soll 1-Jährigem heisses Bügeleisen an Backe gehalten haben

Wegen einer schweren Brandverletzung im Gesicht ihres Sohnes muss sich eine Mutter vor dem Bezirksgericht Dielsdorf verantworten.

Eine 24-jährige Mutter steht wegen schwerer Kindsmisshandlung vor Gericht.

Eine 24-jährige Mutter steht wegen schwerer Kindsmisshandlung vor Gericht. Bild: Balz Murer

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«Frau Z. ist die beste Mutter, die es geben kann»: Das sagt ihr Bruder über die heute 24-Jährige. Der Kinderarzt beschreibt sie als behütend, ein Familienbegleiter als liebevoll. Und doch stand Frau Z., langhaarig und zierlich, gebürtige Bosnierin, heute vor dem Bezirksgericht Dielsdorf. Der Vorwurf: Sie soll ihrem knapp 13 Monate alten Sohn ein heisses Bügeleisen an die Wange gedrückt haben. So sehr, dass das Kleinkind Verbrennungen zweiten Grades erlitt.

Warum es dazu kam,
 dafür hat die Staatsanwältin
 keine Erklärung, kein Motiv.

Warum es dazu kam, dafür hat die Staatsanwältin keine Erklärung, kein Motiv. Aber sie ist sicher: Anders kann sich das Kind die Verletzung nicht zugezogen haben. Ein Unfall sei ausgeschlossen. Und weil nur die Mutter anwesend war, als sich das Kind verletzte, komme nur sie als Täterin in Frage. Die Staatsanwältin verlangt eine Strafe von 36 Monaten wegen versuchter schwerer Körperverletzung, davon 18 Monate unbedingt. Es sei nur ein glücklicher Zufall, dass die Wunde ohne bleibende Schäden verheilt ist.

Frau widerspricht sich

Die Mutter bestritt von Anfang an, ihren Sohn verletzt zu haben. Doch ihre Schilderungen darüber, was an jenem Montagnachmittag im November 2017 passiert ist, sind widersprüchlich. Den Ärzten der Kinderschutzgruppe am Kinderspital Zürich erzählt sie, der Junge habe das kalte Bügeleisen in einem unbeobachteten Moment vom Bügelbrett herunter gezogen, versehentlich eingeschaltet und sich verbrannt. Ein anderes Mal behauptet sie, ihr Mann habe das Bügeleisen eingeschaltet stehen lassen. Als es passierte, habe er geschlafen, sie selbst habe Post geöffnet: «Erst als mein Sohn schrie, habe ich bemerkt, dass etwas passiert ist, und stürzte zu ihm.»

«Ich weiss nicht,
 ich war so verwirrt.
 Ich habe vielleicht gesagt,
 wie es hätte sein können.»
Beschuldigte

Ob das Kind das Bügeleisen in dem Moment in der Hand hatte oder ob es auf dem Boden lag, ob das Kind stand oder sass oder krabbelte – all das kann Frau Z. dem Richter nicht sagen. Den Ärzten, der Polizei und der Staatsanwältin hat sie verschiedene Versionen erzählt. Als der Richter sie damit konfrontiert und nachhakt: «Was haben Sie gesehen?», antwortet sie: «Ich kann mich nicht erinnern.» Ihre unterschiedlichen Aussagen erklärt sie so: «Ich weiss nicht, ich war so verwirrt. Ich habe vielleicht gesagt, wie es hätte sein können.» Sie wisse nur eines: Es sei ein Unfall gewesen.

Und dann zeigt der Richter ein Foto

Bis zu diesem Zeitpunkt wirkt Frau Z. gefasst und selbstbewusst. Dann projiziert der Richter ein Bild der Verletzung an die Wand. Es zeigt eine leuchtend rote Brandwunde auf dem Gesicht des Kleinkinds, sieben mal vier Zentimeter. Die Wunde entspricht dem Umriss eines Bügeleisens. Darüber ist, um neunzig Grad gedreht, eine zweite, etwa weniger starke Brandverletzung zu erkennen. Jetzt kommen der Mutter die Tränen, «das hat noch nicht so schlimm ausgesehen, als mein Mann und ich ihn ins Spital brachten», schluchzt sie.

«Das Verletzungsbild
 stimmt in keinster Weise
 mit dem angeblichen Unfallhergang überein.»
Gutachten

Und was sagt sie zum ärztlichen und den beiden rechtsmedizinischen Gutachten, die klar festhalten: «Das Verletzungsbild stimmt in keinster Weise mit dem angeblichen Unfallhergang überein»? Was sagt sie zur Erkenntnis, dass die Backe des Kindes zweimal mit dem heissen Eisen in Kontakt gekommen sein muss? Wie stellt sie sich dazu, dass ein Kleinkind «weder die Kraft noch die motorischen Fähigkeiten» hat, sich das Bügeleisen selbst ans Gesicht zu halten – und dazu noch zwei Mal? «Es war nur einmal», sagt sie, fast trotzig, und: «Jeder kann etwas behaupten.»

Freispruch gefordert

Der Verteidiger fordert einen Freispruch. Er stützt sich vor allem auf die Akten der Kesb. Die Kesb wurde von der Kinderschutzgruppe alarmiert, weil die Eltern die Verletzung des Jungen im Kinderspital nicht schlüssig hatten erklären können. Die Behörde ordnete eine Intensivabklärung an, dann eine Familienbegleitung, die vor einem Jahr beendet wurde. Nie habe es Gründe für Kritik an Frau Z. gegeben, so der Verteidiger: «Die These der Ärzte erhärtete sich nicht.» Was an jenem Montag im November 2017 passiert ist, «wir wissen es nicht.» Seine Vermutung: Das Kind zog das heisse Bügeleisen am Kabel vom Brett auf den Boden, krabbelte hin und verletzte sich dann.

Die Verhandlung geht schliesslich ohne Urteil zu Ende. Der Richter lässt durchblicken, dass er die Aussagen der jungen Frau für wenig plausibel hält. Aber er will ein weiteres Gutachten erstellen lassen, das klären soll, ob die These des Verteidigers plausibel sein könnte, «auch wenn das eher unwahrscheinlich scheint.» Etwas Hoffnung bleibt Frau Z.

Erstellt: 11.09.2019, 17:27 Uhr

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